Seit Februar hatte ich meine Eltern Corona-bedingt nicht mehr gesehen und wollte diese nun zu Pfingsten mal besuchen fahren. Allerdings wohnen sie in Leipzig und ich bei Hamburg. Ideal also, um mal eine alte Idee umzusetzen und mit dem Fahrrad diese Strecke zu bewältigen. Aber nicht schön gemütlich über mehrere Tage, sondern 387 km an einem Tag. Dann etwas Zeit mit meinen Eltern verbringen und wieder zurück – wenn auch nicht die ganze Strecke, sondern nur 200 km.

Um es aber auch gleich mal in Relation zu bringen:

Es gibt wirklich keinen echten Grund, warum man 400 km an einem Tag fahren muss. Und es macht einen auch nicht zu einem „echten“ Bikepacker oder Radfahrer.

Aber es war für mich die Möglichkeit, meine Leistungsfähigkeit und Ausdauer zu testen, die ich nach dem Atlas Mountain Race durch regelmäßiges Training nach wie vor auf einem guten Level halte. Zudem wollte ich schon immer mal eine solche Distanz an einem Tag fahren, einfach weil es mich interessiert, wie ich darauf reagiere und was es mit mir macht.

Auf dem Weg nach Süden

Mein Plan war es, Freitag zu starten und am Samstagvormittag in Leipzig anzukommen. Da ich erst am späten Freitagmittag starten konnte, wollte ich zumindest an diesem Tag noch 200 km fahren. Ich habe bewusst offengelassen, ob ich in der Nacht eine kurze Pause einlege, oder durchfahre.

Auf Komoot habe ich mir eine Strecke zusammengestellt, die im Kern einfach der direkten Verbindung zwischen Hamburg und Leipzig folgte. Meine Hoffnung, dass die Profil-Einstellung „Fahrrad mit Schotter“ mir dann schöne Straßen und Schotterpisten beschert, hat sich aber schnell zerschlagen. Das kann Komoot (noch) nicht. Die Route ist nicht wirklich empfehlenswert, denn sie führt sehr viel auf Hauptstraßen oder entlang von Hauptstraßen auf Radwegen entlang. Da aber das Ergebnis und nicht das Erlebnis im Vordergrund stand, war das schon ok.

Durch den Elbtunnel

Die ersten 100 km wollte ich ruhig angehen und Kraft sparen. Durch den Elbtunnel und über die Elbbrücken rollte ich raus aus Hamburg und war dann ein paar Kilometer später in den Ausläufern der Lüneburger Heide. Über Salzhausen und Amelinghausen rollte ich auf halbwegs leeren Straßen weiter Richtung Wolfsburg.

Ab und zu gab es auch Schotter

Die Beine waren gut und Kilometer um Kilometer sammelte sich an. Die sehr leere Autostadt erreichte ich dann in den Abendstunden. Hier nutzte ich die gute Tankstellendichte, um mich noch mal zu verproviantieren und startete anschließend in die Nacht.

Autostadt im Abendrot

Eine längere Pause hatte ich nicht geplant, sondern wollte einfach mal schauen, wann die Müdigkeit zuschlagen würde. Von der Zeit und Entfernung her war ich im Plan. An der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze bei Helmstedt machte ich eine kurze Pause, um mich für die kühlen Nachtstunden anzuziehen. Leider bin ich an keinem der bekannten Schilder vorbeigekommen, die den ehemaligen Grenzverlauf markieren.

bei dieser Abendstimmung fährt man gerne lange

In der Dunkelheit zu fahren – das hatte ich in Marokko beim Atlas Mountain Race zur Genüge getan und war dementsprechend darauf trainiert. Ich fahre gerne in der Dunkelheit, aber so richtig Spaß macht es nicht. Allerdings sind Ende Mai/Anfang Juni die Nächte auch nicht mehr wirklich lang. Bis 23 Uhr ist noch Abenddämmerung und bereits 3.30 Uhr beginnt der neue Tag. Gegen die Langeweile auf dem Rad hörte ich Podcast und kurbelte durch die Nacht. Gegen 1 Uhr beschloss ich dann eine Pause zu machen und kurz zu ruhen. Körperlich ging es mir sehr gut, aber etwas Beine ausstrecken würde nicht schaden.

Durch die Nacht

Also suchte ich mir ein kleines Wäldchen am Straßenrand und legte meinen Biwaksack und Matte ins Gras. Als ich mich dann drauflegen wollte machte es paff und ein kleiner Riss war in meiner NeoAir Matte. So ein Mist – ich hatte nicht genau genug den Boden untersucht und einen Stock übersehen, der sich nun in die Matte gebohrt hatte. Weiterfahren oder flicken? Ich entschied mich für das Reparieren und holte müde meine Schlauchflicken raus. Kleber drauf, Schlauchflicken drauf, kurz angedrückt, Luft rein und Glück gehabt: die Luft hielt. Endlich Pause.

Kurze Pause mit Paff

Nach zwei Stunden weckte mich ein Vogel, der lautstark den beginnenden Tag begrüßte. Eigentlich wollte ich bis 4 Uhr ruhen, aber dann halt nicht. Fix zusammengepackt und 10 Minuten später saß ich wieder auf dem Rad und kurbelte in den fantastischen Sonnenaufgang.

Morning has broken

Mit dem Tag kam dann auch der Wind, der immer stärker wurde und mal seitlich und mal frontal mir das Leben schwer machte. Über Landstraßen und ein paar Feldwege rollte ich weiter Richtung Leipzig. Es lief gut, ich fühlte mich fit, auch wenn ich die Kilometer natürlich schon spürte.

Morgenstimmung

Bislang war meine Taktik aufgegangen: regelmäßig Essen und Trinken und ab und zu etwas Dehnen helfen ungemein bei solchen Strecken. Ich hatte etwas Gel mit, Snickers und Powerriegel, aber vor allem Gummibärchen und eine süß/salzige Nuss-Fruchtmischung. So konnte ich die ganze Zeit essen und die Maschine am Laufen halten. Wo immer ich konnte, kaufte ich mir eine Cola und zwischendurch gab es auch ein leckeres Wurstbrötchen. Rückblickend hatte ich aber zu viel Essen dabei, vor allem zu viele Riegel.

Heimat

Auf einen Kocher hatte ich natürlich verzichtet und war demnach froh, gegen 7.30 Uhr dann endlich eine offene Tankstelle zu finden, wo es auch Kaffee gab. Nach diesen kurzen Frühstück war es nicht mehr weit. Die ersten Leipziger Vororte tauchten am Horizont auf und wenig später rollte ich bei meinen Eltern vor. Geschafft!

387 km mit einer Fahrzeit von 15,5 Stunden und einem Schnitt von 24,9 km/h sind schon ganz ordentlich. Das hätte ich nicht gedacht, auch weil ich mit meinem beladenen Salsa Fargo auf 2.25 Zoll Reifen unterwegs war und mit meiner Übersetzung von 32/11-50 nicht wirklich optimal auf solche Ballerstrecken ausgestattet bin. Aber reicht ja offensichtlich – obwohl ich nun gerne zum Vergleich diese Strecke mal mit einem sportlicheren Gravelbike fahren möchte. Die Höhenmeter fallen allerdings nicht ins Gewicht: 1.800 HM sind bei dieser Entfernung eher zu vernachlässigen.

Das Salsa Fargo mit Revelate Designs Taschen

Ich muss aber ganz klar sagen: Ohne die Aerobars wäre ich bei dieser Strecke ziemlich aufgeschmissen gewesen. Der Drop Bar alleine hätte nicht gereicht und mit den Lenkeraufsätzen konnte ich immer wieder meine Position verändern, so den Körper entlasten und auch mehr Geschwindigkeit erzeugen. Die Aerobars sind aus meiner Sicht bei Endurance-Fahrten sehr hilfreich, auch weil sie einfach bequem sind und entsprechend Entlastung und Erholung bieten.

Die verbrauchten 13.000 Kalorien habe ich dann sofort mit Mamas Rouladen und Erdbeertorte versucht auszugleichen.

Mit dem Zug nach Braunschweig

Natürlich habe ich in der dann folgenden Nacht geschlafen wie ein Stein, war damit aber wieder ausgeruht und bereit für die Rückfahrt. Ich wollte aber nicht die gleiche Strecke und Entfernung wieder zurück radeln, auch weil ich am Pfingstmontag am frühen Vormittag wieder zuhause sein wollte.

Und wieder on the Road

Daher fuhr ich mit dem sehr leeren Zug nach Braunschweig und startete am Abend gegen 19 Uhr dort die 200 km lange Fahrt nach Hamburg. Aber diesmal ohne Stress und Rekordversuch, einfach rollen lassen und dann etwas schlafen. Anstrengend war es trotzdem, wenn der Wind blies sehr kräftig aus Nord/Nord-Ost und kam damit direkt von vorne. Also bin ich wo es ging in die Aerobars gegangen und habe angefangen zu arbeiten. Nach knapp 70 km – es war 22.30 Uhr – rollte ich meinen Biwaksack in einem kleinen Wald aus und wollte bis 4 Uhr schlafen.

Allerdings wollten die Mücken das nicht. Und nachdem ich mein Mückenspray erfolglos gesucht hatte, lag ich eingerollt in meinem Schlafsack und schwitzte, denn nur die Nase schaute raus. Ein bisschen Schlaf hatte ich dennoch, war aber froh, als ich dann wieder aus der Sauna raus konnte und mich aufs Rad schwingen durfte.

Flower Power am Morgen

Wieder war der Sonnenaufgang beeindruckend, aber auch die Strecke, die ich mir von Braunschweig nach Hamburg zusammengeklickt hatte, war sehr schön. Sie führte mich durch Heidelandschaft, Wälder und Felder, auf kleinen Straßen über die Dörfer. So macht das Radeln Spaß!

Durch die Heide

130 km standen für die restliche Strecke an, die mich vor allem durch die wirklich schöne Lüneburger Heide führten. Auch wenn ich das Kopfsteinpflaster und die Steigungen ab und zu verfluchte – ich kann diese Landschaft und vor allem auch den Heidschnuckenweg sehr empfehlen.

Irgendwie habe ich dann aber nicht aufgepasst und vergessen zu essen. Daher musste ich erstmal in Buchholz an der Tankstelle Energie nachführen, bevor ich weiter konnte. Aber es war mir einfach nicht möglich, vorher einen dieser Powerriegel zu essen, von denen ich einige noch dabei hatte. Dieses Energiezeug konnte ich irgendwann nicht mehr sehen.

Teufelsbrück

Der Wind war wie am Vortag sehr stark und blies mit jedem Meter Richtung Elbe kräftiger. Leider hatte mich meine Route in eine Ecke des Hamburger Hafens geführt, aus der an einem Feiertag keine Fähre übersetzte. Daher musste ich einen kurzen Umweg in Kauf nehmen, bevor ich dann endlich von Teufelsbrück aus die letzten Kilometer nach Hause rollen konnte.

Insgesamt habe ich 591 Km mit 2.600 Höhenmeter in 24 Stunden Fahrzeit zurückgelegt. Und es wäre mehr möglich gewesen.

Aber wie eingangs gesagt: Das muss man nicht machen und es gibt auch keinen vernünftigen Grund dafür, das zu tun.

Wenn man allerdings tolle Abendstimmungen und Sonnenaufgänge auf dem Rad erleben möchte, Rehe, Füchse, Hasen und Wildschweine sehen will und die Landschaft mit allen Sinnen erfahren mag, dann sollte man eine solche Fahrt durchaus in Betracht ziehen.

War eine tolle Erfahrung

Außerdem fand ich es interessant zu sehen, dass eine solche Leistung für mich möglich ist. Ich mache das bestimmt noch mal, werde es vielleicht auch erweitern, aber dann im kommenden Jahr, wenn ich in der Vorbereitung auf den Silk Road Mountain Race 2021 bin – vorausgesetzt wir (Tobias und ich aka „Die Salsaletten“) bekommen einen Startplatz…