„Nur schnell die Sau aufbrechen“ – Ein Bikepacking-Trainings-Wochenende in Rhön und Spessart

Ein Bikepacking Trainings-Wochenende in Rhön und Spessart // @Tobias Köpplinger

Nicht mehr lange und Tobias und ich treten beim Atlas Mountain Race in Marokko an. Zeit also, um mal die aktuelle Fitness, Kondition, Kraft, mentale Stärke, Ausrüstung und Fahrrad unter härteren Bedingungen zu testen. Und dabei gleich ein paar Höhenmeter zu sammeln, um sich so auch mental mehr auf das Leiden im Atlas vorzubereiten.

Dankenswerterweise hat Tobias die Planung übernommen und mich auf eine 250 km lange und mit mehr als 3.000 Höhenmetern auch ordentliche Runde durch Rhön und Spessart eingeladen. Klingt idyllisch, allerdings relativiert sich das, wenn man Anfang Januar diese Tour macht.

Da aber nur die Harten in den Garten bzw. nach Marokko kommen, war uns diese Herausforderung ganz recht.

 

Mach dich dreckig: Von Würzburg auf die Kissinger Hütte

Der ICE aus Hamburg war pünktlich und so konnten wir mittags pünktlich mit unserem Trainingslager starten. Und das ging auch gleich los, denn es standen noch fast 100 km auf dem Tagesplan. Und auch das Wetter sollte nicht so prima werden: Sturm, etwas Regen und in den Höhenlagen Schnee waren vorhergesagt.

In die Rhön mit viel Matsch

Also los! Nach wenigen Kilometern schluckte uns der Wald und nach der ersten Abfahrt legte sich eine feine Dreckschicht über Radler und Material. Willkommen beim Bikepacking-Training! Aber es machte Spaß, und spätestens jetzt waren wir im Bikepacking-Modus. Immer wieder ging es hoch, ab und zu mit Schiebepassagen, was auch an dem ein oder anderen ambitioniert geplanten Trackabschnitt lag. In Marokko werden wir aber auch nicht geschont, weshalb wir uns wie die Wildschweine durch den Schlamm bergauf und bergab wühlten – und dann natürlich auch so aussahen.

So langsam dämmerte es und ein leichtes Hüngerchen machte sich breit – und der Wunsch nach einer Pause im Warmen. Doch bevor es Kaffee und Kuchen gab, durchfuhren wir die Erdfunkstelle Fuchsstadt.

Das ist ein beeindruckendes Gelände mit 50 Parabolantennen, über die früher die Kommunikation mit Nachrichtensatelliten erfolgte. Sie zählt zu den größten Anlagen dieser Art weltweit. Im Jahr 2000 wurde die Anlage von der Telekom stillgelegt und wird heute vom Unternehmen Intelsat betrieben. Und das Beste ist: Man kann einfach durch diese Anlage hindurchfahren und bekommt so einen guten Eindruck der großen Schüsseln mit bis zu 32 m Durchmesser.

Das Wetter war nicht so prima…

Nach der Pause wurde es schnell dunkel und unsere B&M IQ-X Scheinwerfer zeigten, dass es genau richtig war, diese anzubauen. Es war nicht mehr weit bis zur Kissinger Hütte, aber noch lagen einige Höhenmeter vor uns. Tobias murmelte noch etwas wie “Da könnte noch eine Wiese dazwischen liegen…“, aber ich hörte nicht mehr zu und freute mich auf die letzten Kilometer. Bis ich dann im Finsteren vor einem Stück Matsch-Moor-Wiese stand, wo kein Fahren mehr möglich war. Jetzt verstand ich Tobias.

Rutschend und schiebend drückten wir uns und die Räder bergauf. Die Dunkelheit war hier von Vorteil, denn so sahen wir nicht, wie lang wir noch bis zum anderen Ende brauchten. Irgendwann hatten wir dann aber wieder festeren Boden unter den Füßen, was gleich mit einsetzendem Schneeregen gefeiert wurde. Es wurde kälter, der Wald noch dunkler und der Weg wieder matschiger. Und es sollte noch weiter bergauf gehen, denn die Kissinger Hütte liegt in 832 m Höhe. Bis dorthin war es noch ein bisschen. Eine gute Gelegenheit zu testen, was die Intervalltrainings und Höhenmeterfahrten bislang so gebracht haben. Stetig kurbelnd fuhren wir durch die Dunkelheit, nur das GPS hatte noch Orientierung.

Wie sie sehen, sehen sie nix.

Durch den Schneeregen war der Weg bald ganz weiß und die Nässe überfror. Je höher wir kamen, desto mehr machte sich der Sturm bemerkbar, der uns auf den letzten Metern noch ordentlich zusetzte, bevor wir inmitten der Dunkelheit die Lichter der Kissinger Hütte erblickten. Geschafft!

Nach Bier, Essen, Bier, Dusche und Bier (in dieser Reihenfolge) genossen wir das warme Bett auf der Hütte.

Die Kissinger Hütte bei Tageslicht

95 km und 1.790 Höhenmeter hatten wir geschafft. Ganz gut, auch weil unsere Durchschnittsgeschwindigkeit trotz der Schiebepassagen und teilweise arg vermatschten und verwurzelten Trails bei über 16 km/h lag.

 

Durch die Rhön in den Spessart: Von der Kissinger Hütte zur Weißes Kreuz Schutzhütte

Ein Morgen wie aus dem Bilderbuch: In der Nacht hatte es geschneit und so waren die Hütte als auch die Berge ringsherum vom Schnee bedeckt. Erst jetzt sah ich, wo wir am letzten Abend eigentlich langgefahren waren. Hatte ich da noch gedacht durch einen Wald zu radeln, stellte ich nun fest, dass die Hütte auf einer Lichtung direkt auf dem Berg stand. Und am Morgen gab es von hier einen schönen Blick ins Land, die aufgehende Sonne und den ca. 930 m hohen Kreuzberg, einem der höchsten Berge der Rhön.

Es war empfindlich kalt, als wir mit unseren Rädern vorsichtig den Neuschnee durchpflügten. Aber immer noch besser als der Regen des Vortages. Doch bald war es mit dem guten Wetter vorbei, denn je weiter wir in den Spessart vordrangen, desto nebelig-nasser wurde es auch. Der Laune machte das aber nichts aus, und durch die stetigen Steigungen war uns auch immer ausreichend warm.

Ab durch den Schnee…

Der Wald wurde immer dichter und wenn der Nebel sich zwischen den Bäumen verfing, fühlte man sich in die Zeit der Germanen versetzt. Dazu trug auch bei, dass der Weg oft nur als verblockter und schlammiger Pfad daherkam und einige Tragepassagen enthielt. Aber auch das hilft bei den Vorbereitungen für Marokko.

Wir fuhren an der „Strecke 46“ bei Gräfendorf vorbei, den Resten einer vergessenen Autobahn tief im Wald und machten Pause in einem kleinen Café im Sinn-Tal, bevor wir wenig später die Grenze von Bayern nach Hessen überquerten.

Die Bayrische Schanz war unser Tagesziel – eigentlich die Weißes Kreuz Schutzhütte, ca. 7 km weiter im Wald, aber in der Schanz wollten wir noch mal rasten. Sie ist das höchstgelegene Wirtshaus im Spessart auf 513 m Höhe, was für uns etwas Klettern bedeutete, mussten wir doch aus dem Sinn-Tal hochfahren. Wir folgten hier dem offiziellen Radweg, weshalb die Steigung gleichmäßig und damit auch gut zu fahren war. Die Schanz ist urig und ein beliebtes Ausflugsziel – vor allem im Sommer.

Im Spessart wurde es nebliger…

Bei Tee und Suppe pausierten wir nochmal, füllten das Wasser auf und machten uns dann auf in den dunklen Wald zur Schutzhütte. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, dafür wurde es aber auch kälter. Nach ein paar Kilometern, viel Schlamm und etwas Schieben tauchte dann die Weißes Kreuz Schutzhütte in der Dunkelheit auf.

Die Weißes Kreuz Schutzhütte

Im Inneren erwartete uns eine Überraschung: Jäger hatten offensichtlich tagsüber die Hütte benutzt und noch nicht aufgeräumt. Flaschen und Essensreste standen und lagen herum. Also mussten wir erstmal aufräumen und Platz für unsere Matten schaffen. Anschließend schaute ich mich außerhalb der Hütte um und bemerkte mehrere frisch erlegte und ausgenommene Wildschweine, die vor und an der Hütte aufgehängt waren. Im ersten Moment war man natürlich irritiert, aber wir waren auch in der Jagd-Saison im Spessart unterwegs.

Wir machten es uns in der Hütte gemütlich, testeten unsere Trekking-Nahrung und begossen den erfolgreichen Tag mit einem kleinen Whisky aus meinem Flachmann. 105 km waren es heute und erneut 1.700 Höhenmeter. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 16 km/h war angesichts des Tracks auch nicht schlecht.

Und wir nutzten die Zeit, um uns über unsere Vorbereitungen für den Atlas Mountain Race, unser Training, die Ausrüstung und die Räder zu unterhalten und das als Podcast-Folge aufzunehmen.

Diese könnt ihr hier hören:

Irgendwann wurde es uns zu kalt und wir kuschelten uns in die Schlafsäcke. Ich war bereits im Halbschlaf, als ein Schuss durch den Wald hallte. Wenig später hörten wir ein Auto sich der Hütte nähern, aus dem Jäger ausstiegen und die Hütte betraten. Sie erschraken kurz, weil sie natürlich nicht mit uns gerechnet hatten und entschuldigten sich aber gleich für die Ruhestörung:

„Wir brechen nur kurz die Sau auf und sind dann wieder weg!“

Was für ein Satz, mit dem es sich gut schlafen ließ!

 

Aus dem Wald in den ICE: Von der Weißes Kreuz Hütte nach Würzburg

Es war noch finster, als unser Wecker klingelte. Und es war sehr kalt: -3 Grad zeigte das Thermometer an. Also raus aus den Federn, die Sachen fix gepackt und einen wärmenden Kaffee zum Start. Dann rollten wir los und arbeiteten uns durch den dunklen Spessart in Richtung Gemünden.

Aus dem Spessart runter zum Main

Hier gab es in einer kleinen Bäckerei erstmal Frühstück. Frisch gestärkt rollten wir dann durch den nasskalten-nebligen Morgen entlang des Mains nach Würzburg. Das beschreibt auch schon diesen Teil der Tour – Flussradwege sind halt langweilig, vor allem im Winter. Auch wenn die Landschaft durchaus schön war, soweit ich sie sehen konnte.

Fachwerk-Idylle im Morgengrauen

In Würzburg am Bahnhof angekommen standen dann 253 km auf dem Tacho, mit 3.700 Höhenmetern und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 16,7 km/h. Ich würde sagen, das Trainingswochenende war ein voller Erfolg und hat gezeigt, dass wir bereits über eine gute Kondition und ausreichend Kraft verfügen. Diese gilt es nun noch bis zum Start des AMR zu halten und ggf. noch etwas auszubauen. Zudem haben das Wetter und die Temperaturen die Bedingungen noch erschwert und uns gezeigt, dass wir dennoch in der Lage sind, diese Leistung dann abzurufen. Und wir sind natürlich nicht am Limit gefahren oder waren körperlich und mental in irgendwelchen Grenzbereichen.

 

Ein paar Sätze zu Rad & Ausrüstung

Die Salsaletten: Unsere Salsa Fargo´s für den AMR 2020

Die Ausrüstung hat sich ebenfalls bewährt und wird nur noch leicht angepasst. Ich war mit meiner Oberrohrtasche nicht ganz zufrieden und werde mir hier noch eine bessere Befestigung überlegen müssen.

Zudem werde ich die zweite Oberrohrtasche (an der Sattelstütze) nicht mitnehmen, einfach weil ich diesen Platz nicht brauche. Dort hatte ich das Werkzeug untergebracht.

Mein Fargo Ti – in Marokko mit etwas weniger

Durch das Wetter bedingt hatte ich etwas mehr Klamotten dabei, als ich mit nach Marokko nehme. Grundsätzlich war noch viel Platz am Rad, welches ich für Essen nutzen werde. Und das Rad ist samt Ausrüstung, Essen und Wasser sehr leicht. Ich kann es mit einer Hand heben und am Berg sowie im Gelände machte sich das geringere Gewicht durchaus bemerkbar.

Tobias Fargo

Ich werde meine Packstrategie noch mal überdenken: Normalerweise habe ich den Schlafsack in der Satteltasche, diesmal war er aber in der Lenkertasche, zusammen mit dem Biwaksack, Isomatte, Hüttenschlafsack und Kopfkissen. Für Marokko werde ich das vermutlich genauso machen, nur dass dann das Zelt mit vorne dabei ist. Das Gestänge packe ich dann in die Rahmentasche.

Macht was es soll: Rival mit XT und Shiftmate auf 11-50

Besonders bewährt hat sich meine Schaltungskombination: Die SRAM Rival mit dem Shimano XT Schaltwerk auf 11-50er Kassette (mit Shiftmate 9) haben anstandslos ihren Dienst versehen und mich nicht im Stich gelassen. Ich werde also mit dieser Kombination (32 vorne auf 11-50 (11fach) hinten) fahren.

Immer bereit für eine neue Ausfahrt…

Unabhängig vom Trainingslager: Die Gegend rund um Würzburg, die Rhön und der Spessart sind wunderschön und ideal für eine Bikepackingtour – egal ob ambitioniert oder entspannt. Ich komme definitiv wieder und habe Tobias schon um eine Neuauflage bei wärmerem Wetter gebeten.

Mal sehen für welches Rennen wir dann trainieren…

Tschüß! Wir sehen uns in Marokko!

 

5 Comments

  • Carsten sagt:

    Hi,

    spannender Artikel und macht Lust, selber mal die Strecke zu fahren.

    Kannst du mal bitte deine verlinken Fotos anschauen? Ca. die Hälfte der Bilder werden nicht geladen (z.b. Die Weißes Kreuz Schutzhütte).

  • Jochen sagt:

    Schön geschrieben, Martin, und ein hochinteressanter Podcast dazu!

    Wenn Deine Leser*innen sich in Rhön und Spessart austoben wollen: Der Mainfranken Graveller packt noch den Steigerwald und die Hassberge drauf dazu – und die Tracks gibts auch das ganze Jahr auf der Website …

    Herzliche Grüße aus Würzburg,
    Jochen

  • Anonymous sagt:

    Danke Martin, mal wieder ein interessanter Artikel von dir :-)!

    Mich interessiert deine Schaltung am Ti-Fargo.
    Du schreibst;
    „Besonders bewährt hat sich meine Schaltungskombination: Die SRAM Rival mit dem Shimano XT Schaltwerk auf 11-50er Kassette (mit Shiftmate 9) haben anstandslos ihren Dienst versehen und mich nicht im Stich gelassen. Ich werde also mit dieser Kombination (32 vorne auf 11-50 (11fach) hinten) fahren.“

    Die Kassette ist auch XT? DIe Einstellung der Shiftmate 9 kann man selber machen oder besser der Radmech?

    Dies scheint mir eine der günstigsten Umbauten um eine große Schaltungsbandbreite zu bekommen. Ich fahre momentan die Rival 11-fach 11-42. Ich wünsche mir jedoch etwas leichtere Gänge wenn ich bepackt bin… Die Sunrace Kassette gibts noch mit 11-50, aber die Schaltperformance soll nicht wirklich toll sein. Die anderen Möglichkeiten wie e13 ist immens teuer…

    Viele Grüße,
    Jan

    • Hallo Jan,

      Natürlich habe ich das Rad selber aufgebaut. 😉
      Der Shiftmate ist sehr einfach einzubauen. Natürlich fahre ich Sunrace 11-50 – die schaltet gut und hat zudem die richtigere Abstufung.

      Du findest alle Überlegungen und Details dazu in meinem Blogpost zum neuen Rad: https://www.biketour-global.de/2019/12/08/salsa-fargo-titan/

      Die Rival kannst du ohne Probleme mit einem 11-46 fahren. Mit Roadlink auch mit 11-50. Shiftmate macht nur Sinn, wenn man Shimano mit SRAM bzw Road mit MTB mischt.

      Viele Grüße,
      Martin

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