Über 20 Jahre fahre ich Kettenschaltung und sehr viele Jahre davon mit der Shimano XT. Von den mehr als 58.000 Kilometern, die ich bislang durch die Welt geradelt bin, habe ich ca. 45.000 mit der XT bewältigt.

Im Frühjahr 2015 habe ich mir nun ein neues Reiserad gekauft und damit auch einen Systemwechsel vollzogen: von der Kettenschaltung zur Nabenschaltung, von Shimano XT zur Rohloff Speedhub (mit externer Schaltbox). Nun habe ich etwas mehr als 2.500 km mit der Rohloff hinter mir, bin mit ihr durch den Kaukasus geradelt, und es wird Zeit für einen Vergleich.

Naben-König: Die Rohloff Speedhub

Ich muss sagen, dass ich lange gezögert habe, bevor ich mich für die Rohloff entschied.

Sie ist schwerer als eine Kettenschaltung, sie ist teurer (wesentlich) als eine Kettenschaltung-Komplettgruppe und wenn mal was kaputt gehen sollte, dann kann ich es nicht reparieren, da es ein geschlossenes System ist. Aber mittlerweile ist ihre Einsatzfähigkeit und Lebensdauer auch auf harten Touren längst belegt und wird nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt. Und beim Gewicht bin ich als Reiseradler jetzt nicht so empfindlich – es ist ungefähr ein Kilogramm mehr. Bleibt der Preis, aber man gönnt sich ja sonst nix 😉

rohloff vs shimano xt_2

Ich muss sagen, ich habe diesen Systemwechsel nicht bereut. Durch die Rohloff habe ich eine neue Freude am Fahren entdeckt. Fast wie eine Automatik schaltet die Rohloff geschmeidig und gibt mir immer den richtigen Speed. Ich bin gefühlt schneller und lautloser mit der Rohloff unterwegs, als mit der Kettenschaltung. Das liegt vermutlich daran, dass die Gangabstufungen bei der Speedhub für mich besser gewählt sind, als bei der 9fach Shimano XT.

Natürlich muss man sich etwas an das Schalten mit der Rohloff gewöhnen. Ich nehme meist Druck aus dem Tritt während des Schaltens. Vergesse ich das, schaltet die Rohloff in den 14ten und damit schwersten Gang. Das bekommt man aber recht schnell hin und solche Verschalter bleiben selten. Der Übergang zum jeweils nächsten Gang ist am Schalter gut spürbar, sie rasten aber nicht so hart ein, wie beispielsweise bei der Pinion.

Den Drehschalter der Rohloff kann ich gut bedienen. Hier gab es ja bei den ersten Modellen Kritik, dass der Griff sich bei Nässe oder nach Abrieb nicht mehr schalten lässt, weil man immer abrutscht. Das ist mittlerweile auch behoben und die Lamellen-Struktur ist sehr griffig – mit und ohne Handschuhe.

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Bei der Speedhub stehen mir 14 Gänge zur Verfügung. Als Kettenschaltungsfahrer ist man da schon skeptisch, wie das gehen soll: von theoretisch 27 Gängen auf 14. Tatsächlich vermisse ich aber keinen einzigen Gang und fahre dabei noch nicht mal das gesamte Angebot der Rohloff aus. In der Stadt bin ich meist zwischen dem 8 und dem 12 Gang unterwegs. Und ich genieße es, auch im Stehen schalten zu können.

In Georgien war ich natürlich häufiger in den ersten Gängen unterwegs und sie haben mich sicher und einfach über die Berge gebracht. Kein Unterschied zur Kettenschaltung. Und auch nach „oben“ ist noch Luft: im 13ten und 14ten Gang bin ich selten bzw nie gefahren – sie entsprechen ungefähr den beiden kleinsten Ritzeln einer Kettenschaltung.

Oben hatte ich es schon geschrieben: die Rohloff ist sehr leise. Ich kenne die Stimmen, die sich über die Geräuschkulisse der Rohloff beschweren. Ich kann das nicht bestätigen. Einzig in Gang 7 tritt ein nagelndes Geräusch auf, welches man aber als Kettenschaltungsfahrer durchaus kennt. Es hört sich an, als ob eine Kette laut über ein Zahnrad läuft. Dieses Geräusch ist aber nicht so laut. Man hört es meist wenn es steiler wird, denn nur dann schaltet man in den 7. Gang. Vielleicht nervt das dann besonders, weil es hoch geht und man auch noch sein Treten hört 😉 Aber in Gang 6 und weiter bis 1 ist es dann wieder normal, bzw weg. Wie gesagt, ich finde es nicht störend und höre es auch nicht mehr.

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Was für mich besonders ausschlaggebend für die Rohloff war, ist die Pflegeleichtigkeit. Ich musste mich erst daran gewöhnen, nicht immer nach den Umwerfern zu schauen und diese zu pflegen. Einfach immer mal ein paar Tropfen auf die Kette und das war es auch schon. Nach 5.000 km mache ich einen Ölwechsel und mehr ist nicht nötig. Zudem hat die Rohloff meinen Rahmen „befreit“, denn der vordere Umwerfer und die Bowdenzüge fallen weg.

Ketten-Legende: die Shimano XT

Während sich die Rohloff wie eine Automatik-Schaltung fährt, so ist die Shimano XT die Handschaltung. Hier wird noch „ehrlich“ geschaltet und man arbeitet mehr mit dem Rad. Ich brauche mehr Kraft beim Schalten und bin hier auch mehr am Schalten, als bei der Rohloff.

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Vorne und hinten gibt es immer was zu tun. Ich reagiere mit der XT feiner auf die Anforderungen des Weges und schalte oft einen Gang hoch oder runter. Am Berg oder auf hügeliger Strecke stehen mir natürlich mit 3 vorderen Kränzen und einer 9fach Kassette theoretisch viele Möglichkeiten zur Verfügung. Ich bin aber ein sehr disziplinierter Schalter und überstrapaziere die Kette nicht, indem ich vorne auf den größten Kranz schalte und hinten hoch gehe, sodass die Kette schräg läuft.

Allerdings störte mich als Vielfahrer im Alltag oft, dass ich nicht im Stand schalten kann und oft auf dem letzten Meter noch versucht habe hoch zu schalten oder in einem schweren Gang wieder anfahren musste.

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Was mir an der Kettenschaltung sehr gut gefällt – neben der „Ehrlichkeit“ und Unmittelbarkeit des Schaltens – ist die Möglichkeit, alles immer und egal wo reparieren zu können. Schaltwerke gibt es überall auf der Welt und kleine Teile können nachgebaut werden. Es ist im Gegensatz zu Rohloff oder Pinion ein offenes System und kann daher auch sehr vielfältig repariert werden.

Zudem ist die XT sehr robust und so manche Beanspruchung unterwegs, wie Schläge auf Schaltkörper und Hebel nimmt sie gelassen hin. Auch das Schalten unter Last, am Berg beispielsweise, macht die XT problemlos und präzise mit. Nicht umsonst gilt die Shimano XT als Legende unter den Kettenschaltungen und ist nach wie vor bei vielen Tourenradlern die 1. Wahl. Dafür muss sie sehr gut eingestellt sein, was mitunter recht fummelig werden kann.

Natürlich bedarf die Kettenschaltung mehr Pflege: Kette reinigen, Ritzel säubern, Schaltwerk und Umwerfer nachstellen und Ölen, Bowdenzüge prüfen. Das klingt jetzt aufwändiger als es ist, denn im Alltag macht man das alles innerhalb weniger Minuten. Allerdings ist der Verschleiß bei einer Kettenschaltung schon höher.

Das betrifft nicht die Schalthebel und –werke, sondern mehr Kette und Ritzel. Ich bin schon Kettenblätter, Ritzel und Kassetten 10.000 km ohne Wechseln gefahren, aber dann ging auch nix mehr. Die Kette rutschte durch, die Kettenblätter und Ritzel waren runtergefahren hatten die sogenannten Haifischzähne.

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Im Normalbetrieb habe ich alle 3.000 km meine Ritzel und die Kette gewechselt. Und alle 7.000 km die Kettenblätter.

Wo die Kettenschaltung unschlagbar ist, ist beim Preis: eine Komplettgruppe Shimano XT 3×10 ohne Naben bekommt man schon um die 350 Euro, wohingegen eine Rohloff mit um die 1.000 Euro zu Buche schlägt. Und wenn man noch die Verschleißkosten einer Kettenschaltung hochrechnet, so dauert es durchaus eine lange Zeit, bis die Anschaffungskosten für eine Nabenschaltung erreicht sind.

Fazit:

Ich bin absoluter Fan der Rohloff mit externer Schaltbox geworden. Das Fahren und Schalten ist wesentlich komfortabler und flüssiger, als mit einer Kettenschaltung. Und ich kann im Stand schalten, was mit einer Kettenschaltung nicht geht. Bei der XT gefällt mir die Einfachheit des Systems und die hohe Qualität und Haltbarkeit.

Rohloff Speedhub

PRO:

– sehr angenehme Gangabstufung

– leichtes und intuitives Schalten

– aufgeräumtes Design

– wenig Wartung und Pflege notwendig

– hohe Lebensdauer

– Gänge immer schaltbar

– 14 echte Gänge

 

CON:

– Preis

– geschlossenes System

– Gewicht

– höherer Aufwand beim Radausbau

– die Gangsprünge passen nicht unbedingt jedem (Probefahren unentbehrlich)

Shimano XT

PRO:

– offenes System

– preislich attraktiv

– sehr weit verbreitet und immer reparierbar

– große Gangvielfalt durch 27 bzw 30 theoretische Gänge

– sehr robust und präzise schaltend

– Gewicht

 

CON:

– hoher Pflege- und Wartungsaufwand

– hoher Verschleiß und dadurch oft Austausch-Notwendigkeit (bei Vielfahrern)

– Fummelige Einstellung und Justage

– viele Schaltungsteile (vorderer und hinterer Umwerfer, Kranzkassette)

Den Anforderungen einer harten Radtour genügen beide Systeme vollkommen. Die Kettenschaltung kann unterwegs als offenes System und aufgrund der hohen weltweiten Verbreitung natürlich einfacher repariert werden, Die Rohloff hat hier als geschlossenes System einen Nachteil. Allerdings ist mir bislang kein Fall bekannt, wo es eine Speedhub zerlegt hat. Und falls dies mal passiert, so steht der Rohloff Service zur Verfügung.

Und wer möchte, der kann beim Entfaltungsrechner sehen, welches System in welcher Übersetzung und Reifenkombination welche “Kraft” entfaltet.

Preislich ist die Kettenschaltung immer die bessere Wahl, auch angesichts der hohen Gesamt-Haltbarkeit einer Kettenschaltung. Die Rohloff ist aus meiner Sicht etwas für Vielfahrer, die ein perfektes System wollen, das wenig Pflege braucht.

2016 habe ich eine Umfrage gemacht, welches das beste Reiserad ist. Dabei kam raus, dass 43 Prozent der Befragten eine Nabenschaltung am Reiserad sehen und 47% noch auf Kettenschaltung setzen.

 

Hier könnt ihr die Auswertung der Umfrage lesen: Teil 1 beleuchtet Rahmen, Reifen, Bremsen. Teil 2 dreht sich dann um Schaltung, Naben, Lenkung und Gepäckträger.

Ich habe jedenfalls die Entscheidung für die Rohloff nicht bereut und freue mich nun auf viele tausend weitere Kilometer.

 

Du überlegst auch, einen Systemwechsel zu vollziehen und hast Fragen? Dann schreib mir einfach!

Du hast weitere Argumente pro/contra Kettenschaltung/Rohloff? Dann immer her damit und lass uns diskutieren!