Kurbelbruch und Ziegenpisse: drei Rad-Pannen, drei Geschichten

Ein tägliches Bild in der Sahara: Martin flickt sein Rad...

Abenteuer ist, wenn was dazwischen kommt. Und meist ist es eine Panne. Zumindest war das früher so. Allerdings kann ich mich an meine letzte „echte“ Panne kaum erinnern. Ich war schon überrascht, als in den vergangenen Tagen einer meiner Radcomputer seinen Geist aufgab.

Natürlich finde ich es gut, dass ich nun kaum noch Pannen habe. Wann ich das letzte Mal einen Schlauch flicken musste? Keine Ahnung. Und von dramatischeren Ausfällen ganz zu schweigen.

Daran kann ich mich noch erinnern: Panne im tibetischen Hochland

Das habe ich zum Anlass genommen, um mal der Vergangenheit zu kramen und Euch einige meiner prominentesten Rad-Pannen vorzustellen. Sie waren selbstverständlich nervig, aber sorgten auch für viele Erfahrungen und Geschichten, die ich sonst nicht erlebt hätte.

Kurbelbruch und Ziegenpisse

Die Überschrift fasst es eigentlich schon zusammen. Ein Bruch meiner „Race Face“ Kurbel in Nepal machte mich kurz fassungslos. Sie änderte den Verlauf einer Reise komplett. Ursprünglich sollte es durch Nepal nach Westen, nach Kaschmir gehen. Aber mitten in Nepal brach die Kurbel. Einfach so. Woher sollte ich hier eine neue Kurbel bekommen? Die einzige Chance hatte ich in Katmandu. Da kam ich grad her, also ging es die Kilometer der letzten Tage mit einem Bus wieder zurück.

Einfach gebrochen: die gute Race Face

Einfach gebrochen: die gute Race Face

Bus fahren in Nepal ist an sich schon ein Abenteuer. Auf das Dach wurde alles raufgeladen, was ging. Neben dem Fahrrad und den Radtaschen landeten dort oben Menschen, Säcke, zwei Mopeds, Koffer und zahlreiche Ziegen. Ich hatte es mir im hinteren Teil des Busses gemütlich gemacht und war froh, bei Temperaturen um die 40 Grad am Fenster sitzen zu können. Das war ohnehin offen. Dann ging es los. Vergnügt machte ich Fotos und genoss es, mal die Kilometer nicht zu radeln, sondern mich fahren zu lassen. Der Luftzug kühlte und immer wieder erfrischten mich Spritzer kühlen Wassers. Hmmm, Moment mal, woher kommt denn hier kühles Wasser? Fragend schaute ich zu meinem Reisekameraden Stephan, der langsam von mir abrückte. Warum? Dann verstand ich und zum Gelächter meiner unmittelbaren Mitreisenden versuchte ich vergeblich das Fenster zu schließen. Da war es aber auch schon zu spät, denn ich stank bereits nach: Ziegenpisse. Die armen Tiere auf dem Dach erleichterten sich munter und durch den Fahrtwind wurde das schön in mein Fenster reingedrückt. Und auf mein Gesicht. Na super!

Das Busdach mit Ziegen: auf dem Weg nach Katmandu

Das Busdach mit Ziegen: auf dem Weg nach Katmandu

In Katmandu angekommen suchte ich zwei Tage nach einer Kurbel. Ich bekam schließlich eine alte Shimano Kurbel, mit der ich nicht nur meine Reise bis nach Bombay fortsetzte, sondern die mich auch noch viele Jahre danach begleitete.

Felgenbruch im fernen Osten

Wir radelten in China so vor uns hin, rechts breitete sich die Takla-Makan Wüste aus, links konnte man die Wüste Gobi erahnen. Vor und hinter uns nichts. Nur Straße. Herrlich. Ein idealer Zeitpunkt für eine Pause. Gemütlich ließen wir uns am Straßenrand nieder. Verträumt strich Stephan mit seiner Hand über die Vorderradfelge. Plötzlich ein Schrei. Stephan schaute mich entgeistert an: seine Felge war gerissen. Nur der Dreck verbarg das Drama. Die gute, teure Mavic Felge – einfach so gerissen und an den Speichenlöchern teilweise ausgebrochen. Nach reichlichen Verwünschungen ging es ganz vorsichtig ins nächste Dorf. Wir waren in China, da musste es doch an jeder Ecke einen Radladen geben. Gab es auch. Allerdings bekamen wir keine einzelne Felge, sondern mussten ein komplettes Rad kaufen. Nach einigem Hin und Her kauften wir ein chinesisches Mountainbike mit 26 Zoll Stahlfelgen (Alu gab es nicht), bauten ein Rad aus und verkauften dem Radhändler den Rest des Fahrrads wieder. Ringtausch auf Chinesisch.

"Umfelgen" in China

„Umfelgen“ in China

Nun hatten wir also eine Felge, daher ließen wir uns im Schatten eines Baumes nieder und begannen, umringt von neugierigen Chinesen, das kaputte Rad aus- und das neue Rad einzuspeichen. Und das klappte auch ganz wunderbar, zumindest konnte man fahren. Fröhlich schwangen wir uns wieder auf die Räder und rollten los. Rückenwind, Sonne, alles prima.

Und nun noch einspeichen...

Und nun noch einspeichen…

Komisch, irgendwie funktionierte der Radcomputer von Stephan nicht. Ja, lag vermutlich daran, dass wir beim Umbau der Räder den Sensor-Magneten irgendwie verloren hatten. Verlust gibt es immer, also kräftig in die Pedale treten. Was war das? Bei Stephan fing der Mantel an eine Blase zu bilden und das Rad eierte. Schnell hielten wir an, bauten das Vorderrad aus, zogen den Mantel ab und schauten auf eine gerissene und ausgebeulte Stahlfelge. Aber hey, hier war ja der Computermagnet. Toll, den hatten wir also nicht verloren, sondern er klemmte an der Felgeninnenseite fest. Und sorgte so für das Aufreißen der Felge.

Na super, Felge gerissen...

Na super, Felge gerissen…

Mit etwas Werkzeug und ein paar Steinen wurde die Felge wieder in Form gebracht, der Reifen wieder aufgezogen und wir machten uns auf die Suche nach einer Werkstatt. Wenig später fanden wir diese, ließen den Felgenriss fachkundig und ohne Schutzbrille schweißen, und machten uns wieder auf den Weg. Die geschweißte Felge hielt dann noch viele tausend Kilometer bis nach Bombay. Probleme gab es nicht mehr.

Hier wird noch echt geschweißt!

Hier wird noch echt geschweißt!

Dorniger Weg nach Timbuktu

Ich wache auf. Draußen zirpen irgendwelche Tiere. Ach ja, ich liege im Zelt inmitten der malischen Wüste. Gut, dann kann ich ja wieder weiterschlafen. Doch halt, was ist das für ein Zischen? Oh nein, schon wieder. Bis morgen warten, oder lieber doch gleich? Jetzt bin ich wach, also gleich. Raus aus dem Zelt und im Mondlicht sehe ich schon, dass wieder Luft aus meinem Reifen entweicht. Ich habe aufgehört zu zählen. Seit Tagen geht das nun schon so. Teilweise flicke ich meine Reifen jede Stunde. Das ist sehr nervig, zumal tagsüber draußen um die 40 Grad sind. Und natürlich meist kein Schatten.

Ein tägliches Bild in der Sahara: Martin flickt sein Rad...

Ein tägliches Bild in der Sahara: Martin flickt sein Rad…

Ich tapse zum Rad und spüre auch gleich im nackten Fuß den Grund für meine zahllosen Platten: Akaziendornen bohren sich in meine Fußsohlen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, also wird jetzt geflickt. Das geht so lala, man kann auch nicht so richtig sehen, wo es nun wieder hakt. Die Dornen bohren sich in den Mantel und treten innen nur unter Druck heraus. Dadurch kann ich sie nicht erfühlen und pumpe so den neuen Schlauch in sein Verderben hinein. Aber was für ein Bild: ein fast nackter Weißer steht nachts in der Wüste und pumpt wild an seinem Reifen rum. Naja, mich hat ja keiner gesehen…hoffentlich…

Überall auf den sandigen Pisten hier im Norden Malis liegen die Akaziendornen. Man kann sie nicht erkennen und merkt meist erst am besonders schwammigen fahren, dass es einen wieder erwischt hat. Ab und zu fahre ich gar durch ganze Alleen von Akazienbäumen. Da kann ich auch gleich absteigen. Zusammen mit den Sandfeldern hier in der malischen Sahara komme ich durch Platten und Schieben teilweise nur auf 40 km am Tag.

Flicken kaufen in der malischen Sahara.

Flicken kaufen in der malischen Sahara.

Das Flickzeug ist mir schon lange ausgegangen. Im letzten Dorf habe ich alte Fahrradschläuche gekauft, die ich versuche mit einer afrikanisch-französischen Klebemasse als Flicken zu verwenden. Das klappt ganz gut, auch wenn der Schlauch wenig später an anderer Stelle versagt. Aber zumindest lerne ich dadurch viele Leute kennen, bin beim Schlauchflicken meist von dutzenden Menschen umringt, die sich um mich kümmern, Wasser bringen, das Rad halten oder Bonbons mit mir teilen.

Nach 40 Platten habe ich aufgehört zu zählen. Es kamen noch einige mehr dazu. Erst als ich bei Mopti wieder die Straße erreichte, hören auch die Platten auf.

Zumindest war der Verkehr nicht so stark...

Zumindest war der Verkehr nicht so stark…

Das waren nur drei Geschichten, die sich aus Pannen ergeben haben.

Was sonst noch so passierte: in Indien brach mein Vorderradgepäckträger und fiel ab, und in Russland brach mein LowRider, der aber mittels Zelthaken geschient werden konnte. Ansonsten blieb bislang alles heil und ich ganz. (Bitte jetzt auf Holz klopfen! Danke!) Und mal ehrlich: für mehr als 20 Jahre Radreisen ist das doch ganz gut, oder?

Und nun gerne her mit Euren besten Pannengeschichten. Ich freu mich schon!

9 Comments

  • notiznagel sagt:

    Ich ziehe meinen Hut! Meine Pannen sind in keiner Weise ebenbürtig.
    Danke für den Beitrag. Müller

    • biketourglobal sagt:

      Danke. Aber ich hoffe doch, einige der Müller-Pannen brachte auch schöne Geschichten mit sich? 😉

      • Annika sagt:

        Auf der Anleitung (ja, so wenig wussten wir, dass wir tatsächlich die Anleitung lasen) stand nichts von Warten, also haben wir den Flicken gleich draufgepappt. Klappte nicht. Wir haben das aber nicht verstanden und dachten, wir hätten schon wieder ein neues Loch im Schlauch, Roberto ist quer durch Serbien und Mazedonien mit einer alten Stahlfelge aus Jugoslawien geradelt, weil – und nun kommts – drei Speichen gebrochen sind und niemand es geschafft hat, das Ritzelpaket vom Rad zu lösen um die Speichen zu wechseln.
        Mittlerweile haben wir Kettenpeitsche und Nuss (???) selbst dabei und können hinten rechts gebrochene Speichen selber wechseln. Zum Glück!
        Aber aus fast allen Pannen sind Begegnungen mit netten und hilfsbereiten Menschen entstanden, und ich glaube dass alles irgendwie aus einem guten Grund passiert.

        • biketourglobal sagt:

          Hallo Annika,
          Ja, mit dem Ritzelpaket ist das immer so eine Sache. Ich habe auch immer einen Abzieher dabei.
          Mir sind allerdings noch nie Speichen gebrochen…
          Und hoffentlich wird das auch nie der Fall sein 🙂

          Gruß
          Martin

  • Annika sagt:

    Toll, das klingt ganz nach unseren Geschichten 😀 Wir haben die billigsten Räder genommen, die wir kriegen konnten und hatten keine Ahnung, wie man die wenigen Werkzeuge benutzt, die wir dabei hatten. Dementsprechend viele nette Menschen haben wir unterwegs kennen gelernt. Nun haben wir eine halbe Tasche voll Werkzeug und Ersatzteile und sind Möchtegern-Reifenflickexperten. Wenn ich da an die ersten male in Ungarn zurückdenke, als wir nicht einmal wussten, wie lange der Kleber zu trocknen hat …
    Gute Reise, Rückenwind und eine robuste Luftpumpe wünscht
    Annika

    • biketourglobal sagt:

      Naja, bei mir waren es nicht die billigsten Räder 😉 Leider. Aber das mit dem Kleber ist in der tat eine Sache für sich. Manch einer muss 5 Minuten trocknen, bevor der Flicken drauf kommt, manchmal muss es gleich sein. Ein ewiger Kampf… 🙂

  • Christian sagt:

    Sehr schöne Berichte und eine ganz tolle Seite. Man bekommt gleich Lust sich ins Abenteuer zu stürzen. Also allzeit gute Fahrt

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