Transasien 1998 – Berichte von Unterwegs

Schon von unterwegs aus haben wir hier kleine Reiseberichte und Bilder in verschiedenster Form veröffentlicht. Das war der einfachste Weg, viel Telefongeld zu sparen und nicht alle Freunde anzurufen, um ihnen zu sagen, was uns so passiert.

Jetzt sind diese Nachrichten natürlich schon reichlich alt, aber es ist interessant, wie wir die Dinge vor Ort sahen.

Übersicht:

Ukraine Sumi 14.Tag 5.Juli 1998 2.200 km
Rußland Samara 28.Tag 19.Juli 1998 3.600 km
Kasachstan Alma-Ata 42.Tag 2.August 1998 4.600km
China Dunhuang 62.Tag 22.August 1998 6.900km
Tibet Lhasa 75.Tag 5.September 1998 8.500km
Nepal Kathmando 88.Tag 17.September 1998 9.600km
Indien Varanassi 111.Tag 10.Oktober 1998 11.000km

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Sumi/Ukraine

14.Tag | 5.Juli 1998 | 2.200 km

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Samara/Rußland
28.Tag | 19.Juli 1998 | 3.600 km

Von: biketour@lda.de An: info@leipzig-kommt.de

Betreff: biketour-nachricht russland

Datum: Montag | 20. Juli 1998 | 08:13
auch wenns unmoeglich klingt, aber in russland ist das i-mehlen einfacher als in good old germany. hier geht man einfach in eine uni und versucht, das kyrillische keyboard zu entziffern. auch sonst ist in den staaten der gus alles moeglich. die menschen sind derart freundlich, dass sich probleme ergeben, die erst durch den kater am naechsten morgen erkannt werden. auf unserer bisherigen reise, heute ist der 28.Tag und wir sind in samara, passierte uns das haeufiger. das allgemeine bild vom alkoholiker mit der kalaschnikow moechten wir allerdings nicht untermauern. von kriminalitaet bekamen wir nichts mit.

das kontinentale klima macht uns ganz schoen zu schaffen. wir schwitzen beim mittagsschlaf. den muessen wir halten, weil wir uns nach dem essen bei freunden kaum bewegen koennen. die wartezeit aufgrund der registrierungsschwierigkeiten verbringen wir bei ihnen auf einer insel in der wolga. ein riesenfluss, in dem man baden, waschen und dessen wasser man trinken kann!!! 3600 km haben wir bis jetzt erlebt, allein kasachstan wird ebenso gross sein. insgesamt warten noch 11000km auf uns. die einsamkeit der steppe wird sich sicher auch auf unsere meldungen auswirken, doch wir versuchen alles…

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Alma-Ata / Kasachstan
42.Tag | 2.August 1998 | 4.600km

Wir sind jetzt in Alma-Ata, der inoffiziellen Hauptstadt Kasachstans. Unser Quartier ist den letzten Tagen entsprechend der leere Auflieger eines kaukasischen Trucks auf einem Verladehof am Rande der Stadt. 2 Tage und 2 Nächte nahmen uns diese “Abenteurer” mit, weil mitten im ewig gleichen Nirgendwo der Steppe eine Felge gebrochen ist. Die Ersatzteilbeschaffung und die Registration bei der Miliz dauert eine Woche, doch dann werden wir wieder mit dem Rad von Karaganda aus weiter durch die Hitze ziehen. Hier am Fuße des Tian Shan ist das Leben stark moslemisch geprägt.

In Alma-Ata allerdings kann man den Einfluß der vielen Konsulate und internationalen Institute spüren. Ein weltoffenes Flair begleitet uns Fahrradfahrer, die hier als Paradiesvögel betrachtet werden. So waren wir auch schon im kasachischen TV und ein jeder möchte uns hier helfen und einladen. Die Gastfreundschaft begleitet uns schon seit dem Eintritt in die Ukraine und ist sicher charakteristisch. Die Landschaft ist durch das Wort “Nichts” schon sehr treffend beschrieben. Doch wenn sich am Horizont ein 5000m hohes Gebirge aus der Ebene emporhebt, freut man sich auf dem Rad über jeden Meter Steppe, der einen vor dem mühseligen Aufstieg bewahrt. Und nachdem wir uns in der Ukraine vorkamen, als wären wir gefangen in einem überdimensionalen Mecklenburg-Vorpommern, ist uns jede Aussicht recht, die kein Kornfeld enthält.
Stephan und Martin

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Dunhuang / China
62.Tag | 22.August 1998 | 6.900km

60 Tage unterwegs, 7.000 km sind geschafft, die Hälfte der Reise also. Und wir sind in China, im fernen Osten. Nachdem wir den Tian-Shan und das Altaigebirge überquert haben, sind wir nun, nach über 600 km Wüste in Dunhuang angekommen. Hier beginnt nun die höchste längste Straße der Erde. Eröffnet wird diese mit einem 3.600 m Paß. Später kommen dann aber die richtigen Pässe mit über 5.000 m Höhe.

Bis hierher war es schon recht abenteuerlich, weil an Stephan’s Fahrrad nun alle Felgen gerissen und geschweißt sind.
Desweiteren ist der Kulturschock doch recht erheblich. Aus dem einsamen Kasachstan urplötzlich in einem Land mit über 1 Milliarde Menschen zu kommen, führt doch zu Irritationen. Die Straßenschilder sind für uns nicht lesbar: alles in chinesischen Zeichen, gelegentlich mit arabischer Übersetzung. Von der Flutkatastrophe bekommen wir hier nichts mit. Anfänglich gab es zwar 15-19 Uhr Gewittersturm und nichts ging, aber hier, am Fuße der großen Berge, haben wir nur noch mit Temperaturen um die 45°C zu kämpfen.

Gesundheitlich geht es uns gut. Probleme bereitet nur das relativ scharfe Essen. Natürlich müssen wir mit Stäbchen essen. Anfänglich fast nicht möglich, aber inzwischen beherrscht. Selbst Spaghetti ist für uns kein Problem mehr.
Da die Kommunikationsmöglichkeiten sehr teuer sind, melden wir uns erst aus Nepal oder Indien wieder. Definitiv müssen wir am 10.09.98 nach Nepal einreisen.
Bis dahin also.
Martin + Stephan

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Lhasa / Tibet
75.Tag | 5.September 1998 | 8.500km

Heute, am 05.09.98, sind wir in Lhasa, der Hauptstadt Tibets angekommen. Die höchste und längste Straße der Erde liegt hinter uns. Von Dunhuang, am Ende der Takla-Makan-Wüste, über Golmud bis nach Lhasa führt diese Straße. Dabei bewegten wir uns immer über 4.500 m Höhe. Unser höchster Paß war der Tangula-Shankun mit 5231m. Dieser Paß war gleichzeitig auch das Tor nach Tibet. Dieses Land empfing uns mit Schneesturm und Temperaturen unter 0°C. Zuvor gab es aber in Golmud Probleme. Zur Weiterreise nach Lhasa/Tibet benötigt man ein Permit. Dieses gibt es nur in Verbindung mit einer Bustour. Kosten 400 DM, Aussteigen zwischendurch verboten. So waren wir gezwungen, in einer Nacht- und Morgennebelaktion den Permit-Kontrollpunkt zu umgehen und fahren seitdem unbehelligt und illegal durch Tibet.

Die Landschaft rechtfertigt aber diesen “kriminellen” Akt. Permanent über 4.500 m, die Luft so dünn, daß man sich nach dem Lachen 10 min erholen muß. Und dann fährt man einem 5.000er Paß entgegen, welcher flankiert wird von mächtigen 6.500ern, eingeschneit und majestätisch. Noch sind wir im Transhimalaya, aber jetzt nach Lhasa fahren wir den Himalaya. Waren die 6.000-7.000er Berge schon gewaltig, wie müssen dann die 8.000er aussehen? In ein paar Tagen werden wir es wissen. Dann fahren am Mount Everest vorbei und wollen auch in das Everest-Basecamp vordringen. Problem: Kurz vor diesem liegt ein weiterer Checkpoint für das Permit. Vielleicht werden wir dort erwischt. Mal sehen!. Wir sind heute 75 Tage unterwegs und haben über 8.600 km hinter uns gebracht. Von Lhasa aus fahren wir nach Kathmandu/Nepal, um dann weiter nach Kaschmir, im Nordwesten Indiens, zu gelangen. Dort begeben wir uns wieder in luftige Himalayahöhen, bevor die “letzten” 2.000 km nach Bombay anstehen.
Martin + Stephan

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Kathmandu / Nepal
88.Tag | 17.September 1998 | 9.600km

Von: biketour@lda.de

An: info@leipzig-kommt.de

Betreff: biketour-nachricht Nepal

Datum: Donnerstag, 17. September 1998 16:38

Hallo aus Kathmandu, der Hauptstadt Nepals !
Nach fast 10.000 km und 90 Tagen on Tour mal wieder eine E-Mail. Nach China und der Provinz Tibet sind wir wieder in der westlichen Zivilisation angekommen. Einige Gewoehnungsschwierigkeiten gibt es angesichts Supermaerkten voller westlicher Dekadenz.

Aus Lhasa haben wir uns das letzte Mal gemeldet. Danach hatten wir mit den Auswirkungen der Erdrutsche in dieser Region zu kaempfen. Die Strassen waren verschuettet, ueberflutet und mussten teilweise erst wieder freigesprengt werden. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Auf dem Weg zu unserem dritten 5.000 m Pass verschwindet der Asphalt entgueltigund die Piste verwandelt sich in die Hoelle auf Erden. Spurrillen bis 1m tief, Fluesse kreuzen oder die Strasse fuehrt als Fluss weiter, Schlamm, dass wir bis zu den Knien versinken, ganze LKW’s bleiben stecken, fallen um. Doch am schlimmsten sind kilometerlange Geroellabschnitte. Fussballgrosse Steine machen ein Vorwaertskommen fast unmoeglich. Hinzukommt das Wetter. Bei unserem Start “unten” auf 4.300 m scheint noch die Sonne.Aber immer, wenn wir ueber 5000 m kommen, gibt es einen Wetterumschwung. Natuerlich beginnt es zu hageln. Ueber 4 Stunden zog sich dieses Unwetter hin und weichte die Pisteentgueltig auf. Erst als wir wieder auf 4.500 m waren, fing die Sonne an zu scheinen. Die Strassen blieben aber so schlimm.

Zum Glueck gibt es die 8.000er, Mt. Everest, Cho Oyo, Makalu und Lhotse, deren Schoenheit und Maechtigkeit von den katastrophalen Wegen ablenkten. Es ist absoulut zu verstehen,dass Menschen diese Berge besteigen wollen, von ihnen in Bann gezogen sind. Wir erlebten einen wunderschoenen Sonnenauf und -untergang. Es ist eines der schoensten Erlebnisse bisher, vor dem Zelt sitzend die hoechsten Berge dieser Erde in tausend Farben schillern zu sehen.

Der letzte Pass des oestlichen Himalaya war der Lalung – La mit 5.300 m. Von dort an ginges nur noch bergab nach Nepal. Nun, wer sich Nepal als kargen Bergstaat vorstellt, liegt falsch. Urploetzlich waren wir im Regenwald. Bananen, Kakteen, Lianen, tausend Blumen,Tiere und Voegel. Ein Paradies mit schwuelwarmen 40 Grad C. Wasserfaelle stuerzen sich tausendfach die Haenge hinab. Hier, nach 5.000km, sehen wir endlich wieder Wald. Und zwar so viel Wald, dass sogar Holz geschlagen wird. Seit Kasachstan begleiteten uns nur Steppe,Wuesten, kahles Gebirge. Und hier Regenwald !
An der Grenze gab es keine Probleme, obwohl wir ohne Permit in der chinesischen Provinz Tibet unterwegs waren. Tja, und nun sind wir in Kathmandu und lassen uns vom Touristentrubel mitreissen. Hier haben wir auch einen recht vernuenftigen Radladen gefunden und die Raeder mal wieder auf Vordermann gebracht, damit sie die letzten 4.000 km noch durchhalten. Von hier geht es nach Westen weiter. In Kaschmir wollen wir die hoechste Strasse dieser Erde bezwingen, bevor wir dann weiter nach Bombay, zu unserem Ziel radeln. Wir halten Euch weiter auf dem laufenden, hier ist es eher moeglich als bisher.

Mit tropischen (?) Gruessen
Martin Moschek und Stephan Loew

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Varanassi / Indien
111.Tag | 10.Oktober 1998 | 11.000km

Von: biketour@lda.de

An: info@leipzig-kommt.de

Betreff: biketour-nachricht Indien

Datum: Samstag, 10. Oktober 1998 18:42

Hallo !
Eigentlich wollten wir um diese Zeit schon zu Hause sein, aber das Schicksal hat wieder einmal zugeschlagen. Dadurch bekam die Tour eine neue Route. Aber der Reihe nach: Wir waren schon 500 km hinter Kathmandu in Richtung Kaschmir, als bei Martin mitten im nepalesischen Dschungel der Tretkurbelarm brach. Dieser gehoert eigentlich zu den unzerstoerbaren Teilen des Rades. Wir hatten keine Wahl und mussten deshalb mit dem Bus zurueck nach Kathmandu. Nur dort gab es Ersatz. Desweiteren drangen nun auch Informationen aus Kaschmir durch, dass die Route von Manali nach Leh, die hoechste Strasse der Erde, bereits seit Mitte September wegen Wintereinbruchs geschlossen ist. So fiel dieser Teil weg und wir orientierten uns neu.

Weiter ging es also nach Pokahra, der Stadt am Fusse des Annapurnamassivs, um dann hinunter nach Indien, nach Varanasi zu gelangen. Zwischendurch blieben wir aber von weiteren Pannen nicht verschont: Erst zerfrassen Termiten unseren Zeltboden beim Camp im Dschungel und dann brach wiederum bei Martin der Sattel. Aber alles halb so schlimm. Nun sind wir am Ganges, dem heiligen Fluss Indiens. Hier in Varanasi, einer der aeltesten Staedte Indiens, finden taeglich die Verbrennungen der Toten statt. Fuer viele Inder ist es das Hoechste, einmal in ihrem Leben hierher zukommen und wenn moeglich auch hier zu sterben. Ihre Asche wird dann in den Strom gestreut.Ganz frueh am Morgen nahmen wir uns ein Boot, um den Sonnenaufgang, die rituellen Waschungen und Verbrennungen zu sehen. Beeindruckend!

Weiter geht es nun nach Agra. Hier besuchen wir das Rote Fort und vor allem das Taj Mahal,eines der zehn bedeutensten Bauwerke der Welt. Von dort wollen wir unbedingt nochmal an den Strand zum indischen Ozean, um unter Palmen den November zu geniessen. Wir kaempfen hier hauptsaechlich gegen Temperaturen von ueber 40 Grad C und Luftfeuchte um die 95%! Allein ruhiges Daliegen verursacht Schweissausbrueche, die selbst Nachts nicht abtrocknen! Anfaenglich fuerchteten wir den indischen Verkehr. Viele Stories ueber chaotische Strassenverhaeltnisse, auf denen ein Leben, es sei denn das einer heiligen Kuh, wenig zaehlt. Man muss zwar aufpassen, nicht versehentlich ueber einen Elephanten zu “stolpern”, aber ansonsten ist alles sehr ertraeglich. Auch die Massen, welche sich bei einer Pause sofort um uns scharen, belasten uns noch nicht. Bleiben wir in dem neuen Zeitrahmen, so sind wir Anfang November entgueltig in Leipzig.
Bis dann
Martin und Stephan

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