Mein Riemen und ich: 3.000 km mit dem Gates Carbon Drive

Mein Riemen und ich: ein Fazit nach 3.000 km mit dem Gates Carbon Drive

Vor ein paar Tagen hat der Globetrotter Sven Marx ein Bild von seiner aktuellen Tour gepostet, wo sein Riemen einen kleinen Riss aufweist. Und bevor jetzt alle schon sich in der fehlenden Haltbarkeit des Riemenantriebs bestätigt fühlen: sein Riemen ist seit 27.500 km im Einsatz. Eine beeindruckende Referenz also.

Oder Kamran, der mit Riemen und Pinion schon über 10.000 km durch Süd- und Mittelamerika gefahren ist, beides kaum oder gar nicht gepflegt hat und es immer noch läuft.

Der Riemenantrieb ist also schon lange nix mehr nur für hippe City-Bikes, sondern auch eine gute Alternative zur Kette auf harter und langer Tour.

Ein Riemen taugt heute auch für die große Tour

Als ich aus Patagonien wiederkam, wurde in meinem Rahmen ein leichter Riss entdeckt. Da hatte der Transport des Rades im Flugzeug seine Spuren hinterlassen.

Ich nutzte diese Chance, um auf Riemenantrieb umzurüsten. Bei der Reparatur lies ich dann gleich ein Rahmenschloss einbauen und den Antrieb auf Gates Carbon Drive umbauen. Das war mit ca. 460 Euro zwar nicht ganz billig, aber es hat sich aus meiner Sicht gelohnt: einen solch wartungsarmen und pflegeleichten Antrieb hatte ich bislang noch nie.

Riemen und Rohloff – für mich die perfekte Kombination

Hinweis: nicht jeder Rahmen ist Riemen-geeignet. Bei Gates auf der Website gibt es daher eine Liste der zertifizierten Rahmen, die offiziell von Gates für den Riemenantrieb zugelassen sind.

Hier mal die Kosten im Überblick:

  • Einbau Rahmenschloss à 150 Euro
  • Gates Riemenscheibe Center Track LK 55 Zähne à 115 Euro
  • Gates Ritzel für Rohloff 22 Zähne à 86 Euro
  • Rohloff Gates Ritzelträger à 23 Euro
  • Gates Carbon Drive Riemen à 89 Euro

Nicht aufgeführt sind hier die Kosten für das neue Lager und die neue Truvativ-Kurbel, was mit der Umrüstung auf Riemen einherging. Die Kosten dafür lagen bei insgesamt 185 Euro.

 

Mein Riemen und ich = große Liebe!

Seit 3.000 km fahre ich nun den Gates Riemen in Verbindung mit der Rohloff und bin schwer angetan. Das Beste ist natürlich die Wartungsarmut. Ab und zu etwas Wasser drauf und den Dreck abmachen – das reicht. Manchmal bürste ich den Riemen auch mal aus, aber das eher selten. Ansonsten läuft er unauffällig, macht seinen Job und es gibt nichts zu meckern.

Dreck macht ihm nix aus

Spricht man über Riemenantrieb, gibt es oft zwei Vorurteile:

1. der Riemen muss nach Ausbau des Hinterrades immer neu nachgespannt werden und

2. Er ist nicht so steif wie eine Kette.

Beides ist so aus meiner Sicht nicht richtig.

Bei der Riemenspannung kann ich keine Probleme beim Ein- und Ausbau des Hinterrades feststellen. Einmal eingestellt (mittels verschiebbare OEM Platte), erreiche ich beim Einbau ohne Probleme wieder die richtige Spannung. Dafür drücke ich lediglich – wie bei der Kette auch – das Hinterrad beim Einbau etwas nach hinten. Das reicht völlig. Für eine eventuelle Nachjustage habe ich rechts und links Spannschrauben, die dann das Rad samt OEM Platte verstellen. Benutzt habe ich das aber noch nie.

Mit diesen Schrauben wird die Riemenspannung nachgestellt

Die richtige Spannung lässt sich einfach mit Druck auf den oberen Riemen feststellen: dieser sollte nicht mehr als 5 mm nachgeben. Alternativ kann man sich auch die Gates Spannungsmess-App runterladen und diese dann verwenden.

Beim Fahren kann ich keinen Unterschied zur Kette feststellen, außer das der Riemen sich nicht längt. Manch einer berichtet beim Antritt von einem weicheren Gefühl im Vergleich zur Kette. Aber auch das kann ich nicht bestätigen. Der Carbon Riemen ist sehr hart und direkt, wie eine Kette.

Einmal ist mir beim Fahren ein Stock in den Riemen gekommen. Dieser hat den Riemen bei voller Fahrt wie eine Kette abgehebelt. Allerdings wurde er dabei nicht weiter beschädigt. Anschließend musste ich die zermahlenen Holzstücke aus dem Tretkranz kratzen. Dann habe ich den Riemen wieder aufgezogen und bin weitergefahren.

Ein Stock ist in meinen Riemen gekommen

Richtig gespannt läuft der Riemen völlig unauffällig. Einzig wenn es sehr nass und dreckig ist, fängt mein Riemen an zu knacken. Dies aber auch nur, wenn ich ihn mit weniger Last bewege. Sobald ich den Riemen aber mit Wasser gereinigt habe, ist das Geräusch weg. Im Trockenen läuft der leise und ruhig. Einige Riemen-Fahrer berichten von quietschenden Geräuschen während der Fahrt. Bei mir ist das bislang noch nicht vorgekommen. Sollte es passieren, hilft wohl Babypuder ganz gut, um die Feuchtigkeit zu binden, oder man bürstet den Riemen aus und spült ihn noch mal ab. Fahrradreinigungsspray verträgt er ganz gut. Das hilft oft auch bei der Wäsche.

 

Fazit: Ich will nicht mehr ohne!

Ich liebe den Riemen-Antrieb und möchte am Reiserad nicht mehr auf ihn verzichten. Er ist pflegeleicht, wartungsarm und widerstandsfähig, bei einer hohen Lebensdauer. Diese Vorteile überwiegen die im Vergleich zur Kette hohen Anschaffungskosten. Allerdings läuft ein Riemen bei normaler Pflege und Nutzung auch um die 30.000 km.

Nicht ohne meinen Riemen – am Reiserad

Eine Kostenübersicht

290 Euro fallen für einen kompletten Tausch von Riemen, Kranz und Ritzel an. Bei 30.000 km sind das pro tausend Kilometer 10 Euro Kosten (bei 20.000 km wären es 14,50 Euro pro tausend Kilometer).

Im Vergleich dazu liegen die Kosten bei einer Kettenschaltung wie folgt: alle 5.000 km neue Kette und Ritzel. 60 Euro Kosten pauschal für Verschleißset Shimano XT 10fach Kette und Kassette. Alle 15.000 km neue Kettenblätter. 65 Euro Kosten pauschal für ein 3fach Shimano XT Set (22, 30, 40 Zähne). Insgesamt fallen auf 30.000 Kilometern 490 Euro an. Damit kosten tausend Kilometer 16 Euro (bei 20.000 km wären es 15,25 Euro pro tausend Kilometer). Und das Öl ist nicht eingerechnet 😉

Beispielrechnung Riemen vs. Kette

Bei 9fach Verschleißsets (Annahme SRAM für 36 Euro pro Set) und 9fach Kettenblätter Modell Shimano Deore (44,32,22 – 37 Euro zusammen) fallen auf 30.000 Km insgesamt 290 Euro an, was 10 Euro pro 1.000 km Kosten sind.

Ich merke an, dass die 5.000 km pro Kette ein Mittelwert sind. Natürlich laufen Ketten auch wesentlich länger und dann verschiebt sich das Kostenverhältnis entsprechend. Wie lange eine Kette hält, liegt aber oft am individuellen Fahrstil und der Häufigkeit der Pflege. Meine Ketten halten meist um die 5- bis 6.000 km. Dann fangen sie an zu rutschen, auch weil die Ritzel durch sind.

Ob Dreck oder Schlamm – der Riemen hält vieles problemlos aus

Pro & Con Riemenantrieb

Vorteile

  • Sehr Pflegeleicht
  • Sehr Wartungsarm
  • Geringes Gewicht
  • Hohe Lebensdauer
  • Gute Widerstandsfähigkeit
  • Gutes Preis/Leistungsverhältnis

Nachteile

  • Rahmen benötigen besonderes Schloss und Zulassung
  • Hohe Anfangsinvestition bei Umrüstung
  • Ersatzriemen darf nicht gefaltet oder geknickt werden, was den Transport erschwert
  • Einbau manchmal fummelig
  • Spannungsbedarf fordert zusätzliche Konstruktionen am Hinterrad (Spannschrauben) oder verstellbare Tretlager
  • Höhere Empfindlichkeit als eine Kette: hier muss man etwas mehr auf den Riemen achten, als auf eine Kette, da dieser leichter zu beschädigen ist.
  • Gehen auf Tour außer dem Riemen der Kranz oder das Blatt kaputt, ist man ohne Ersatz aufgeschmissen (kann man aber mitnehmen)

Riemen oder Kette?

Diese Diskussion wird sehr leidenschaftlich geführt. Lasst euch dadurch nicht verunsichern: wichtig ist, dass man prima mit beiden Systemen fahren kann. In jedem Fall sind beide für eine Radreise mehr als geeignet und tauglich. Und wenn ihr mal die Möglichkeit habt, dann probiert gerne den Riemen-Antrieb aus.

Meine Riemen-Bilanz als Video

Hier findet ihr noch weitere Artikel und Diskussionen rund um das Thema:

 

4 Comments

  • Dominik sagt:

    Lieber Martin, ich kann dir nur beipflichten. Ich fahre Pinion und Gates, und das seit fast genau 15’000 km; dieses Velo habe ich nun seit März 2015. Der Riemen selbst zeigt noch keine Verschleisserscheinungen. Die Scheiben hinten und vorne sind leicht abgenützt, was aber überhaupt nicht stört. Der nächste Jahresservice wird im Februar 2018 sein – ich bin gespannt, was dann der Fachmann sagt. Ich reinige den Riemen 4 bis 5 Mal jährlich bzw. dann, wenn er leicht zu quietschen beginnt. Das geschieht mittels lauwarmem Seifenwasser und einer Bürste. Das stetige Rauswaschen von Staub und Sand verlängert die Lebensdauer auf jeden Fall.

    Fazit: Ich möchte nichts anderes mehr!

    Gute Fahrt weiterhin, nimmt mich wunder, wie lange dein Riemen hält.

  • sylvio sagt:

    Hallo Martin
    ich habe ein Surly Ogra und speile mit dem Gedanken das Rad auf Riemen umzurüsten. Nun frage ich mich: Wie gross ist der Aufwand, den Riemen nach jedem Ausbau des Hinterrades wieder in richtiger Spannung zu bringen? Das Surly hat ein horizontales Ausfallende mit der Möglichkeit zum Spannen!

    • Hallo Sylvio,

      ich bin mir nicht sicher, ob das Ogre einen teilbaren rahmen hat, sodass du den Riemen einbauen kannst.
      Beim ECR geht das. Und die Spannung müsstest Du, wenn kein OEM verbaut wird, was beim Surly eher nicht der Fall ist, dann händisch wie bei einer Kette einstellen. Einfach das Hinterrad entsprechen nach hinten ziehen und dadurch den Riemen spannen.

      Aber da gibt es bestimmt von Surly noch ein paar Hinweise und Tricks. Frag die doch mal danach.
      Vorher aber checken, ob das Ogre ein Rahmenschloss hat.

      Viele Grüße,
      martin

  • Simon sagt:

    Nicht zu vergessen, dass man auf einer langen Tour kein Fett und sonstiges mitschleppen muss und man sich nicht schmutzig macht. Wenn die ganzen Skeptiker einen Tag mal Riemen fahren würden, würden sie danach auch nie wieder etwas anderes wollen. Das Gefühl, voll beladen nach ein paar tausend Kilometern vollkommen geräuschlos über eine gute Straße zu gleiten, ist großartig.

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