Overnighter sollten von der Kasse übernommen werden

Overnighter sollten von der Kasse übernommen werden / Overnighters should be covered by health insurance

Als ich diese Woche auf einem Overnighter unterwegs war, kam mir ein Gedanke: Eigentlich sind Overnighter, also das kurze Ausklinken aus dem Alltag, mit dem Fahrrad für eine Nacht in die Natur, ein gutes Mittel, um Kraft zu tanken, Energie zu sammeln, mal was anderes zu machen, sich sportlich zu betätigen und vielleicht auch zufriedener zu werden.

Kurz: Ein Overnighter ist quasi ein Heilmittel!

Moment mal! Das klingt jetzt aber schon recht esoterisch und nach diesem (teilweise unerträglichen) Trend zum Ich-Bezug, den wir ja auch immer mehr beim Thema Radfahren lesen dürfen. Du jetzt also auch, Martin?

Nein, keine Sorge. Ich finde nur den Gedanken interessant, denn nach einem recht anstrengenden Tag in meinem Homeoffice tat mir die Fahrt raus aus Hamburg, rein in den Wald und die niedersächsischen Felder richtig gut.

Lasst uns also mal den Gedanken weiterspinnen:

Letztens habe ich mit meiner Krankenkasse telefoniert. Die machte mir ein Angebot von Gutscheinen, mit denen ich Geld spare oder zurückbekomme, wenn ich in meine Gesundheitsvorsorge investiere. Zum Beispiel regelmäßig Sport mache, idealerweise im Verein oder im Gym. Oder mich nachweislich gesund ernähre und regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehe. Ich meinte: Ich fahre Fahrrad, sehr viel Fahrrad. Zählt das auch? Ja, das wäre schon mal nicht schlecht. Da sind Sie ja auch viel draussen in der Natur unterwegs. Das ist schon mal sehr förderlich.

Ja, sage ich, zum Beispiel bin ich regelmäßig auf einem Overnighter und fördere so auch die körperliche und mentale Resilienz. Das klingt alles sehr gut und richtig, aber leider leider muss ich das auch nachweisen können. Kein Problem, denke ich, aber leider werden Strava und mein Blog als Beweise nicht akzeptiert. Und auch nicht andere Berichte über meine regelmäßigen Fahrten, Rennen und Touren.

Und das finde ich schade, denn so ein Overnighter wirkt, selbst wenn es nicht wirklich etwas zu heilen gibt!

Auch in kleinen Mengen und unregelmäßig verabreicht, kann er die Laune heben, den Stress reduzieren, den Kopf frei machen, energetisierend wirken, den Kreislauf ankurbeln, aus ein paar Stunden eine Ewigkeit werden lassen und für Freude und neue Perspektiven sorgen. Wenn das mal nicht aktiv Kosten senkt und vorbeugend ist.

Daher fordere ich: Overnighter sollten von der Krankenkasse übernommen werden!

„Heilmittel und Hilfsmittel sind Behandlungen und Produkte, die zum Beispiel Beschwerden lindern oder den Alltag erleichtern sollen. Beide können ärztlich verordnet und von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.“ (Quelle)

Und wir sind uns ja einig, dass ein Overnighter sowohl ein Heil- als auch ein Hilfsmittel ist. Er ist mental als auch körperlich positiv, gut verträglich und ist selbst bei übermäßigem Genuss ungefährlich.

Und er ist natürlich sehr einfach zu verabreichen.

Hier mein „Beipackzettel“:

1. Einfach – gerne auch spontan – einen Tag in der Woche suchen.
2. Ein Ziel oder Zielgebiet definieren.
3. Die Route planen, idealerweise so, dass man abends nicht zu spät ankommt und morgens nicht zu spät wieder zurück im Alltag ist.
4. Das Rad rausholen, ein paar Sachen für die Nacht packen.
5. Mitradler*innen suchen oder (am Besten) alleine los fahren.
6. Sich was Leckeres zu Essen mitnehmen – oder einfach irgendwo was kaufen.
7. Sich auf den Kilometern in der Natur verlieren und diese dabei neu entdecken.
8. Die Nacht erleben und genießen. Im Zelt, im Biwak, unter freiem Himmel – alles geht, nix ist verkehrt.
9. Am nächsten Morgen unbedingt die frühen Morgenstunden mitnehmen, wenn man noch ganz allein unterwegs ist.
10. Gerne eine kleine Pause mit einem Kaffee einlegen, bevor es wieder in die Stadt, das Büro, den Betrieb, zur Familie geht.
11. Den nächsten Overnighter planen.

Und, was meint ihr?

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2 Comments

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  1. says: Robert

    Da scheint der „Guardian“ ja von dir abgeschrieben zu haben:
    https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2022/jul/05/wild-camping-on-dartmoor-under-threat
    (Headline: „Doctors should prescribe it!“).

    Ich schwanke immer zwischen Verwunderung und Dankbarkeit, wenn andere Leute mir Fragen stellen, sobald sie von meinen bikepacking-Aktivitäten hören: „Haste da nicht Schiss, so allein im Wald?“ (wilde Tiere, Räuber, Vergewaltiger etc.). Dankbarkeit natürlich, weil es ein Problem wäre, wenn der Rest des Landes auf die gleiche Idee käme. Da bin ich lieber der komische Kauz mit all dem Gerödel am Rad …

  2. says: Alexander

    Hey Martin und vielen Dank für diese Idee, die ich direkt unterschreibe. Aufs Rad und raus hat mitnichten einen reinen Ich-Bezug. Sich eine Friedenszone zu schaffen, wie sie ein Overnighter zweifelsohne bildet, ist vielmehr notwendige Voraussetzung dafür, im Alltag gut zu handeln. Und ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: wo uns ein Overnighter hilft, unseren Geist zu beruhigen, kann er in Zeiten des Krieges und der Unsicherheit, die wir gerade erleben gar zu einem politischen Akt werden, wie Jack Kornfield in seinem Buch „Bringing Home The Dharma“ überzeugend darlegte: „Nur, wenn unser Geist und unser Herz friedlich sind, können wir erwarten, dass auch unser Handeln Frieden bringt. (…) Meditiert. Hört Mozart. Geht unter Bäumen spazieren. Fahrt in die Berge. Schafft euch eine Friedenszone. (…) Wenn wir auf Unsicherheit und Terrorismus mit Angst reagieren, verschlimmern wir das Problem. (…) Unseren Geist zu beruhigen ist also letztlich ein politischer Akt.“ Ich bin sicher, dass „Fahrt regelmäßig auf einen Overnighter raus“, auch Platz in seiner Aufzählung fände. In diesem Sinne: gute Fahrt Euch allen!

    Alexander