Fontane, Draisinen, Zisterzienser & die Alte Oder: Eine kleine Tour durch Brandenburg

Fontane, Draisinen, Zisterzienser & die Alte Oder: Eine kleine Fahrradtour durch Brandenburg

Anfang Juni hatte ich mich mit einem TV-Team vom RBB zu einer zweitägigen Tour mit dem Fahrrad verabredet. Grund war eine Reportage über die Tour Brandenburg. Das ist eine Radstrecke mit um die 1.100 km Länge, die einmal durch Brandenburg führt. Der Plan war, Teile dieser Strecke mit unterschiedlichen Radfahrern zurückzulegen und dabei Natur, Land, Leute und Geschichten zu entdecken und darüber zu erzählen.

Und ich war einer dieser Radfahrer und durfte die Strecke von Rheinsberg nach Oderberg fahren. Um die 170km waren geplant. Für zwei Tage also kein Ding. Aber eine TV Produktion und Aufnahme einer solchen Reportage unterliegt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Das bedeutete, immer wieder bestimmte Streckenabschnitte mehrfach zu befahren, um Aufnahmen aus unterschiedlichen Positionen zu machen und auch bestimmte Gegenden etwas mehr zu würdigen.

Zum Einsatz kamen aber nicht nur normale Kameras, sondern auch eine Drohne und vor allem ein aus einer eRikscha umgebautes Kamerabike. Damit fuhr das Team gemeinsam mit mir auf Radwegen und Straßen, mal vor mir, mal hinter mir, mal neben mir und filmte dabei.

Eine solche TV Produktion ist durchaus ein Erlebnis, auch wenn ich am Ende dann nicht so viele Kilometer gefahren bin, wie erhofft. Aber dafür kam ich in den Genuss eines besonderen Privilegs: Ich konnte so die wirklich wunderbare Landschaft des nördlichen Brandenburgs kennen lernen, besondere Orte besuchen, Menschen treffen und ihre Geschichten hören.

So ein TV-Dreh ist auch anstrengend für den Kameramann

Und dabei sollte ich nicht nur radeln und begeistert in die Gegend schauen, sondern durfte aktiv Leute interviewen und wurde selbst auch viel gefragt.

 

Radfahren im märkischen Paradies

„Meine“ Strecke hatte auch gleich einige Highlights zu bieten: Der Große Stechlinsee, Kloster Chorin, Draisinenfahrt, Besuch bei einem Fischer und eine abendliche Kanu-Tour auf der Alten Oder an der polnischen Grenze.

Friedrich in Rheinsberg

Rheinsberg ist eine kleine und überraschend schöne Stadt, in deren Mitte der Friedrich Wilhelm I. auf einem Sockel vor seinem Schloss steht. Er markierte auch den Startpunkt meiner Tour durch die Prignitz. Auf guten Radwegen und durch viel Nadelwald rollte ich Richtung Menz, wo wir am wunderschönen Roofensee eine erste Pause machten und die Zeit für ein kleines Interview nutzten.

An die Fragen kann ich mich leider nicht mehr erinnern, aber da sehen wir ja vielleicht Auszüge in der Reportage. Bis hierhin war es zwar noch keine lange Strecke, aber da wir auf diesem Teil der Route viele Aufnahmen machten, dauerte es etwas länger.

Wir folgen der Tour Brandenburg

Von Menz aus fuhr ich dann alleine weiter. Wir hatten uns wieder am Ufer des Große Stechlinsee verabredet. Die Gemeinde Stechlin und der Große Stechlinsee waren nicht nur wunderschön, sondern stehen auch im Mittelpunkt des Romans von Theodor Fontane „Der Stechlin“. Dort erzählt er die Geschichte eines fiktiven Adelsgeschlechts „von Stechlin“, die im Roman an diesem See gelebt hatten. Ich könnte jetzt so tun, als ob ich Fontane intensiv studiert habe, dass alles Allgemeinwissen ist und mich an das Buch erinnern würde (welches wir in der Schule gelesen haben). Aber dem ist nicht so. Natürlich kenne ich Fontane und auch den Roman, aber ich habe die Tour in Brandenburg auch dazu genutzt, um mein Wissen aufzufrischen und auch Neues zu entdecken. Dafür ist eine Radtour ja schließlich auch da.

Die Fontane Bank

So saß ich am Ufer des Sees beim Ort Neuglobsow, wartete auf das TV Team und scrollte mich währenddessen durch die Buchbeschreibung und Geschichte des Sees. Animiert wurde ich durch die „Fontane Bank“: eine hölzerne Bank, auf der die (hölzernen) Romane Fontanes lagen und man sich setzen und wie der alte Dubslav von Stechlin (Hauptfigur des Romans) auf den See schauen konnte.

Der Große Stechlinsee

„Der Stechlin“ ist tatsächlich ein interessantes Buch und erzählt eine Familiengeschichte Ende des 19. Jahrhunderts. Das waren politisch und gesellschaftlich bewegende Zeiten. Und ein Zitat aus diesem Buch habe ich gefunden, welches mir sehr gut gefiel und auch gut zu mir passt:

„Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“

 

Zwischen Himmel und Hölle

Vom Große Stechlinsee fuhr ich weiter nach Fürstenberg. Es tat gut mal für ein paar Kilometer zu Ballern, wenn man sonst eher langsamer fahren musste, oder hin und her, um die Aufnahmen zu machen. Wir hatten uns hinter dem Ort Himmelpfort verabredet, wo ich ein paar Kilometer mit einer Draisine fahren sollte.

Auf nach Himmelpfort

Doch vorher fuhr ich nach Fürstenberg, wo sich das Konzentrationslager Ravensbrück befand. Es war das größte KZ für Frauen und Kinder in der NS-Zeit und ich konnte und wollte nicht einfach so daran vorbeifahren.

Niemals dürfen wir vergessen!

Denkmal KZ Ravensbrück

Es ist ein Mahnmal, das zeigt, wohin Hass, Faschismus und Ausgrenzung führen.

Vor allem die beeindruckende Plastik der Frauen und ihrer Kinder an der Zufahrt zur Gedenkstätte war sehr berührend.

Ich war als Schüler zu DDR Zeiten schon mal hier und meinte mich noch an den sowjetischen Panzer zu erinnern, der als Zeichen für die Befreiung des KZ durch die Rote Armee im April 1945 aufgestellt wurde. Später wurde Ravensbrück zur Kaserne der Roten Armee und Fürstenberg ein wichtiger Militärstandort.

Befreit im April 1945

Aus der Hölle in den Himmel: wenig später erreichte ich Himmelpfort, dass sich als ein altes Zisterzienser-Kloster aus dem 14. Jahrhundert entpuppte, dessen Ruinen den Ort prägten. Hier spielte der Weihnachtsmann offensichtlich eine wichtige Rolle, denn er hat ein eigenes Denkmal und dazu gibt es auch noch ein Weihnachtspostamt im Ort.

Der Weihnachtsmann in Himmelpfort

Ein kurzes Foto und dann musste ich auch schon weiter, denn es wartete Karl und seine Draisine auf mich…

 

Auf Schienen durch die Uckermark

Wer Lust hat, das Land auch mal radelnd anders zu entdecken, der kann in Fürstenberg auf eine Fahrraddraisine umsteigen, und auf einer alten Bahnstrecke über Lychen nach Templin fahren.

Ich hatte mich am Zwischenstopp hinter dem Örtchen Pian mit dem TV Team verabredet, denn wir wollten zusammen ein paar Kilometer Draisine fahren. Und hier traf ich Karl, der seit Beginn bei der Draisinen Erlebnisbahn dabei ist.

Karl, die Draisine und ich

Nachdem wir mein Rad auf der Draisine befestigt hatten, strampelten wir los und er erzählte mir viel über die Strecke und die Draisinen. Die ursprüngliche Eisenbahnstrecke wurde 1898 eröffnet und gehörte zur Bahnstrecke Britz-Fürstenberg. Bis 1996 fuhren hier noch Züge, nach dem Krieg vor allem Züge der Strecke Moskau-Schwerin, die sowjetischen Armeeangehörigen vorbehalten waren und die nach Fürstenberg fuhren. 1996 wurde dann der Betrieb zwischen Fürstenberg und Templin eingestellt und die Strecke in eine Draisinenbahn umgewandelt.

Mein Rad auf der Draisine

Das Fahren mit einer Draisine war durchaus laut, vor allem wenn man wie Karl und ich ordentlich Gas gab. Die drei Kilometer bis zum nächsten Stopp vergingen wie im Fluge. Am Großen Lychensee stieg ich wieder aus, verabschiedete mich und machte erstmal Essenstop beim Uckermark Fischer und seinen leckeren Fischbrötchen. Das durfte ich dann TV-gerecht mit Blick auf den See verspeisen.

Lecker Fischbrötchen

Nach dieser kleinen Stärkung fuhr ich noch mal zurück nach Himmelpfort für weitere TV Aufnahmen, bevor wir zusammen nach Eberswalde in die Marina fuhren, wo wir übernachteten und ich mein Zelt aufbaute.

Gute Nacht in Eberswalde

 

Schiffshebewerk und Zisterzienser

Am nächsten Morgen ging es erstmal am Finow-Kanal entlang. Eine sehr schöne Gegend mit weiten Feldern und Wiesen.

Am Finow-Kanal entlang

Das erste Tagesziel war das Schiffshebewerk Niederfinow, am Ende des Oder-Havel-Kanals. Es ist das älteste seiner Art (gebaut 1927-1934) und gleich daneben wurde in den letzten Jahren ein neues gebaut, um mehr Schiffen die Passage zwischen den Flüssen und die damit verbundene Steigung zu ermöglichen. Im Jahr 2025 soll dann das neue Hebewerk das alte ablösen. Allerdings wird es dann nicht abgerissen, denn es zählt zu den Industriedenkmälern und ist sogar durch die „Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ geschützt.

Das Hebebecken des alten Hebewerks

Als ich ankam war gerade ein Schiff im Fahrstuhl. Sehr beeindruckend, wie viele tausend Tonnen da einfach so in die Höhe gehoben wurden. Von Weitem war das schon beeindruckend, von Nahem einfach nur riesig groß. Ich bin schon gespannt die Bilder zu sehen, denn das TV-Team ist hier mit einer Drohne rüber geflogen und hat Aufnahmen gemacht.

Anschließend wartete eine schöne Gravelstrecke auf mich, denn es ging durch den Wald auf sehr alten Wegen zum noch älteren Kloster Chorin. Als ich so durch den Wald und über das alte Pflaster fuhr, hatte ich den Eindruck eine magische Zeitreise zu machen. In der Ferne hörte ich eine Glocke läuten, kein Zeichen moderner Zivilisation umgab mich, nur ein alter Meilenstein stand am Wegesrand. Eine tolle Stimmung!

Meilenstein im Wald nach Chorin

Und dann wurde der Wald lichter und gab einen ersten Blick auf das Kloster frei. Ich war tatsächlich die Jahrhunderte zurückgereist und in der Zeit der Zisterzienser Mönche angekommen.

Kloster Chorin

Aber auch nur für einen Augenblick, denn ich wurde schon am Tor erwartet und konnte mit meinem Rad auf das Klostergelände. Normalerweise muss man es am Eingang abstellen, aber als angehender TV-Star hatte ich natürlich Privilegien.

Im Kreuzgang Kloster Chorin

Und es war schon etwas Besonderes, dann mit dem Rad an der Hand in den beeindruckenden Kreuzgang zu gehen und später in das große Kirchenschiff. 1258 wurde das Kloster gegründet und war viele Jahrhunderte in Betrieb. Dann verfiel es und heute kann man die immer noch sehr beeindruckenden Ruinen der Gebäudereste bewundern.

Das Kloster Chorin liegt im sogenannten Bioshärenreservat Schorfheide-Chorin und genau in diese Schorfheide führte mich mein weiterer Weg. Wir fuhren noch mal kreuz und quer durchs Land, machten Aufnahmen zwischen Friedrichswalde und Joachimstal und fuhren am Grimitzsee vorbei.

Durch die Schorfheide

Besonders interessant fand ich einen einsamen Gedenkstein mitten im Wald, auf dem nur „Toter Mann“ stand. Leider konnte ich dazu keine Informationen finden. Wer hier also Hintergrundinformationen hat, bitte gerne schicken. Leser Tobias kommt aus Joachimsthal und hat mir weitere Infos schocken können: “Alteingesessene Joachimsthaler wissen von einem Ort der „Schwedentotschlag“ oder „Toter Mann“ genannt wird, oder besser bekannt ist als „Judentotschlag“.”

Toter Mann im Wald

Eine Sache wollte ich aber unbedingt noch machen, solange ich hier im Osten war: ein richtiges Softeis essen, ein Moskau-Eis. Schoko-Vanille. Es erinnerte mich an meine Kindheit und so machten wir Halt an einer der zahlreichen Eisbuden. Natürlich nutzen wir diese Gelegenheit gleich zum Drehen und so wurde aus dem Eiskauf ein Happening, aber mir war das egal, denn ich konnte endlich mein DDR-Softeis essen. Und wenig später kaufte ich mir noch eines. Lecker!

Lecker!

 

Gute Nacht auf der Alten Oder

Zwei Tage hatten wir für den Dreh und die Tour geplant. Und leider waren wir auch schon fast am Ende unserer Reise angekommen. Aber in Oderberg wartete noch ein besonderes Highlight auf mich: eine Kanufahrt in den Sonnenuntergang auf der Wriezener Alten Oder.

Kanufahrt im Oderbruch

Am Rande des Oderbruchs, direkt an der deutsch-polnischen Grenze liegt eine fantastische Landschaft, durchzogen von vielen kleinen Flussläufen und gesäumt von Dörfern, deren Häuser bis ans Ufer reichen.

Hier trafen wir auf Karsten vom Kanu Verleih Oderberg mit dem wir auf eine Fahrt in den Abend gingen. Schnell das Kamerateam in die Boote gesetzt und schon machte sich unser kleiner Tross auf und paddelte auf der Wriezener Alten Oder Richtung Sperrwerk Neutornow.

Mit Karsten in einem Boot

Bei Hochwasser können die Pumpen dieses Sperrwerks bis zu 5.000 Liter pro Sekunde ins Hinterland pumpen und so Überschwemmungen vermeiden. Wir hatten normales Wasser und glitten einfach so durch das offene Sperrwerk.

Dahinter war der Fluss gesäumt von hohem Schilf und Karsten erzählte, welche Tiere es hier gibt und dass er sogar schon mal in den Abendstunden von einer Wildschweinhorde überrascht wurde, die den Fluss schwimmend überquerten.

Ins Abendrot auf der Alten Oder

Die untergehende Sonne tauchte den Fluss und das Land in ein fantastisches Rot, das leise Plätschern des Wassers und die Geräusche des Kanus gaben dem Ganzen eine sehr entspannende Atmosphäre. Und am Ende beschlossen Karsten und ich den Tag mit einem Schluck Whisky als Oder-Taufe und Gruß an den Oder-Gott.

Ein toller Abschluss einer kleinen Reise durch Brandenburg. Zwei Tage war ich unterwegs, aber sie fühlten sich länger an. Und ich werde wiederkommen, denn dieses Land hat mir sehr gefallen und ich möchte gerne mehr sehen.

Allee in der Uckermark

Die TV-Reportage über die Tour Brandenburg ist für Mitte Oktober im RBB geplant. Sobald ich da mehr weiß, gebe ich euch Bescheid.

 

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