Lasst uns mal über Fahrräder & Nachhaltigkeit sprechen

Fahrrad Nachhaltigkeit
Wie nachhaltig ist das Fahrrad eigentlich? Ein Vorschlag für mehr Transparenz

Der „Bicycle Sustainable Index“ oder warum wir bei Fahrrädern mehr hinschauen sollten

Es ist schon interessant: Beim Essen ist uns wichtig, woher es kommt, wie es produziert wird, wie die Tiere gehalten werden, welche Zusatzstoffe verwendet werden und welche Nährwerte es hat. Bei Kleidung ist es ähnlich: Wie wird diese hergestellt, wie sind die Arbeitsbedingungen vor Ort, das Material und die chemische Belastung? Oder bei der Unterhaltungselektronik: Welchen Energieverbrauch hat der Fernseher, unter welchen Bedingungen wird das Smartphone gefertigt? Oder bei Kühlschränken und Waschmaschinen: Wie hoch ist der Energieverbrauch, die Lebensdauer und Recyclingfähigkeit? Und auch bei Autos sind wir – berechtigterweise – immer kritischer und schauen genau hin, welche Kosten bei der Herstellung und beim Betrieb entstehen.

Wir verlangen also bei sehr vielen Produkten und Services mehr Transparenz, haben mehr Fragen und erwarten auch mehr Nachhaltigkeit und Ethik in der Herstellung und im Handeln.

Marken und Unternehmen müssen sich immer mehr auch an diesen Faktoren messen lassen und gewinnen oder verlieren bei uns an Akzeptanz und Kaufbereitschaft.

Rund 70 Prozent der Kunden legen beim Kauf Wert auf Nachhaltigkeit der Produkte oder des Unternehmens. Und nur ein geringer Teil der Kunden empfindet Nachhaltigkeit als nicht relevantschreibt die Horizont, ein Magazin für Marketingmacher und bezieht sich auf die Studie „Sustainability Image Score (SIS) 2017“.

Und damit wir uns als Verbraucher zurechtfinden und die für uns richtigen Entscheidungen treffen, gibt es eine ganze Reihe von Siegeln und Indikatoren. Nahezu jedes elektronische Gerät hat ein Energieverbrauchslabel, Lebensmittel haben ausführliche Inhaltsangaben und Hinweise auf die entsprechende Herstellungsart und Autos was den Verbrauch und CO2 Ausstoß angeht.

Marken werben immer mehr mit Nachhaltigkeit und sozialem Engagement, da dies maßgeblich die Kaufentscheidungen beeinflusst. Unter dem Titel „Nehmen Marken Nachhaltigkeit ernst genug?“ schreibt das „Sourcing Journal“ (ein B2B Magazin), dass die Kunden sehr gebildet sind und dementsprechend auch die Erwartungen und Ansprüche an Marken steigen, vor allem was das Thema Nachhaltigkeit angeht. Greenwashing wird durchschaut und auch plakative, aber nicht nachhaltige Maßnahmen oder Kommunikation werden entsprechend negativ bewertet.

Die Kunden erwarten eine echte Haltung, die nachweisbar Nachhaltigkeit und Arbeitnehmerrechte beachtet und in den Mittelpunkt des Geschäfts rückt.

Gerade bzw. auch die Outdoorbranche ist in den letzten Jahren in die Kritik geraten, was die Verwendung bestimmter Materialien und die Herstellung von Kleidung und Ausrüstung angeht. Vor allem die Verwendung von PFC ist sehr belastend für Umwelt und Natur.

Seit ein paar Jahren gibt es durchaus bemerkenswerte Entwicklungen und Unternehmen wie Vaude oder Patagonia setzen ganz auf Transparenz, Nachhaltigkeit und umweltverträgliche Produktion.

Letztens habe ich eine Übersicht gefunden, in der Outdoorunternehmen nach Nachhaltigkeit geranked wurden. Das Bedürfnis nach Aufklärung, Transparenz und vor allem Orientierung scheint also hoch zu sein.

Fahrrad Nachhaltigkeit @ rankabrand.de

 

Und wie ist das eigentlich bei Fahrrädern?

Interessanterweise scheint es dieses Interesse und diese Forderung nach Transparenz bislang bei Fahrrädern und Fahrradteilen nicht zu geben. Und darüber möchte ich heute mit euch mal sprechen, denn ich finde, auch hier sollten wir genauer hinschauen.

Natürlich wird das Fahrrad immer als eines der umweltfreundlichsten Fortbewegungsmittel betrachtet. Fahrradfahrer sind quasi aktive Umweltschützer und wir haben es uns mit diesem Image ganz gut eingerichtet. Allerdings ist die tatsächliche Nachhaltigkeit hier aus meiner Wahrnehmung nur ein Randthema und wenn mal jemand fragt, ist es oft auch schnell vorbei. Allein die Diskussion rund um eBikes und Pedelecs bringt das Thema immer mal wieder auf die Agenda. Dann geht es aber eher um die CO2-Kosten in der Produktion eines eBikes und wann diese sich amortisieren. Und um die Recyclingfähigkeit der Akkus sowie die Entstehungskosten für den Strom.

Das Utopia Magazin schreibt dazu: „Ohne lang und breit über das „kommt drauf an“ zu philosophieren, lassen sich einige Fakten nennen. Denn das E-Bike ist natürlich umweltfreundlicher als ein Auto, es verbraucht aber mehr Ressourcen als ein Fahrrad oder ein Paar Schuhe.

Und weiter: „Es (ist) derzeit nicht möglich (…), diese ganzen Komponenten (für ein eBike/Pedelec) zuverlässig aus sozialverträglichen und umweltfreundlichen Quellen zu beschaffen. Das Fahrrad ohne Elektro ist immer grüner.

Eurobike 2018

© www.pd-f.de / messe-friedrichshafen / eurobike

 

Nachhaltigkeit kommt auf den Rahmen an

Abgesehen von der Antriebsdiskussion beim Fahrrad wird vor allem die Art des Rahmenmaterials und die Kosten für dessen Produktion, Transport und Auslieferung diskutiert.

Das ist durchaus ein wichtiges Thema, denn gerade in Zeiten von Carbon-Rädern und -Komponenten wird oft vergessen, dass die Herstellung einen sehr hohen Energie-Verbrauch hat und mit die meisten CO2-Emmission verursacht. Zudem ist es nicht recyclingfähig.

Und da hilft aus meiner Sicht kein Vergleich, wie es Felix Puello von Haibike versucht: „Mit dem Carbon, das in einem einzigen Verkehrsflugzeug wie dem Airbus A380 oder dem Boeing ‚Dreamlinerʻ verbaut wird, könnte man zehntausende von Fahrradrahmen herstellen“.

Das ist kommunikativ natürlich auf den ersten Blick schlau, denn man verschiebt das Problem in eine andere Dimension und lässt es somit für sich klein wirken. Aber es bleibt trotzdem so, dass viele Carbon-Räder und -Teile auf dem Markt sind und gekauft werden, die aus ökologischer Sicht ein Problem sind – egal ob die Flugzeugbranche noch böser ist.

Glaubt man den entsprechenden Untersuchungen, dann schneidet ein Rahmen aus Stahl am besten ab, auch wenn die Herstellung natürlich ressourcen- und energieintensiv bleibt.

Fahrrad Nachhaltigkeit

@ Velotraum.de // Quelle: Stahl – aus ökologischer Sicht der überlegene Werkstoff. (Quelle: Ritthoff et al., 2004, Stahl im Vergleich – Verfahren, Ressourceneffizienz, Recycling, Umwelt. Stahl und Eisen 124, Nr. 7., S 62—66)

Carbon-Rahmenfahrer sind also ökologisch gesehen nicht auf der richtigen Spur, Alu-Rahmen-Fahrer auch nicht wirklich und Stahl ist das geringste Übel. Bambus ist eine gute Alternative, auch wenn dies importiert werden muss, was wiederum Klimakosten entstehen lässt. Die Argumentation ist hier, dass man diese Transport-Kosten (CO2) durch soziales Engagement im Herkunftsland wieder ausgleichen kann (siehe My Boo).

Als Radfahrer machen wir ja gerne die Rechnung auf, dass die Kosten der Herstellung sich im Laufe der Zeit durch die Benutzung und damit aktive CO2-Vermeidung wieder ausgleichen. Ok, kann man machen und stimmt sicherlich auch. Kommt natürlich auf die Nutzungshäufigkeit an. Entstanden sind die Umweltkosten aber trotzdem. Beim Flugzeug gleiche ich das mit Atmosfair Zahlungen aus, beim Fahrrad mit Radfahren. Also ist es in beiden Fällen doch ein Nullsummenspiel!? (Ich provoziere hier mal ein bisschen 😉 )

 

Beim Fahrrad ist alles im grünen Bereich?

Und wenn man sich weiter mit dem Thema beschäftigt, dann kann man den Eindruck bekommen, alles sei im grünen Bereich. So schreibt der Pressedienst Fahrrad in seinen Beiträgen „Das ökologische Fahrrad“ und „Fahrrad und Ökologie: Schlaglichter aus der Branche“ über sich verbessernde Recyclingprozesse für eBike Akkus, die man am besten in Europa fertigen sollte, wo doch 90% der Akkus aus Asien kommen, das Pinion auf kürzere Produktionswege setzt, Reparieren statt Wegwerfen eine gute Idee ist, Schwalbe seine Schläuche recycled, Chris King auf einen geschlossenen Produktionskreislauf setzt, Busch & Müller das Wasser besser nutzen und das Flyer sich eine energiesparende Produktionsstätte mit Solar gebaut hat.

Fahrrad Nachhaltigkeit

Alles „grün“ beim Fahrrad?

Die genannten Maßnahmen und Aktionen sind gut, keine Frage, aber so ganz überzeugt bin ich nicht. Denn sie verstellen aus meiner Sicht den klaren Blick auf das Thema „Wie nachhaltig ist mein Fahrrad wirklich?“.

Apropos Recycling der Akkus: Das ist nämlich gar nicht so einfach erledigt, wie man vielleicht denkt (oder von Händler/Hersteller gesagt bekommt): „E-Bike-Akkus zählen zu den Industriebatterien. Die gute Nachricht ist, dass die Importeure zu ihrem Recycling verpflichtet sind, sie dürfen nicht einfach verbrannt werden (= thermische Verwertung). Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass die Recycler in der Kategorie „Sonstige Batterien“ nur 50 Prozent recycelte Stoffe nachweisen müssen – und diese Quote derzeit auch kaum zu steigern ist“, so das Utopia Magazin.

Und Arndt Oehler fasste es in FahrradZukunft #9/2009 schon mal gut zusammen: „Die Werbebotschaft, Fahrräder mit Elektroantrieb könnten dank geringer CO2-Emissionen helfen, das Weltklima zu retten, ist falsch. Auch die Werbung mit niedrigen Verbrauchskosten ist verlogen. Lithium-Ionen-Akkus sind in der Produktion teuer und energieintensiv. Lithium ist eine begrenzte Ressource, die nicht verschwendet werden sollte. Wer CO2 im Verkehr sparen will, sollte in erster Linie das Fahrradfahren fördern und nicht Radfahrern Zusatzantriebe schmackhaft machen.

Und selbst die Autoren des Pressedienst-Fahrrad sind dann offensichtlich doch nicht wirklich überzeugt von den ganzen Anstrengungen: „Am Ende können die Hersteller nur möglichst transparente Angebote schaffen. Das Fahrrad ist in der Gesamtschau kein Null‐Emissionen‐Fahrzeug. Was im Einzelnen sinnvoll und vertretbar ist, muss jeder selbst entscheiden. Das Wissen um die Produkte und wie sie hergestellt werden hilft dabei. Das Verantwortungsbewusstsein des Kunden kann es aber nicht ersetzen.

Moment mal!

Wird hier aber so nicht gerade die Verantwortung mal schön von den Unternehmen zum Verbraucher geschoben? Oder ist die Fahrradbranche einfach nur bequem oder hat das Thema noch gar nicht erkannt?

Wie auch immer – Ich hätte da einen Vorschlag…

 

Plädoyer für einen „Sustainable Bicycle Index“

Bei Fahrrädern reden wir also vor allem über die Rahmenherstellung und vielleicht noch über die Akkus bei eBikes. Das greift aus meiner Sicht aber zu kurz.

Warum? Ein Fahrrad besteht aus vielen Komponenten und nicht nur dem Rahmen.

Utopia schreibt dazu: „Ob E-Bike oder herkömmliches Fahrrad: Es besteht größtenteils aus Metall – Stahl und Aluminium – und Kunststoffen. Selbst wenn recycelte Komponenten eingesetzt werden, sollte ein langer Nutzungszyklus das Ziel sein, sowie eine lokale Produktion, in der möglichst hohe Umweltstandards eingehalten werden.

Und wie zum Beispiel Vaude seine Lieferkette überwacht und zertifiziert, sollten es doch eigentlich auch die Hersteller von Fahrrädern machen, oder? Und wie bei den Klamotten sollte uns doch auch interessieren, woher die Komponenten kommen, wie diese hergestellt werden und unter welchen Bedingungen.

Einige Komponenten-Hersteller sind natürlich schon aktiv geworden. Selle Royal ersetzt beispielsweise erdölbasierte Kunststoffe durch organisches Material und fertigt die Gel‐Einlagen zum Teil aus Kork. Aber da muss man erst viel recherchieren, um das zu erfahren.

Und weil wir gerade bei Sätteln sind: ist es eigentlich noch ok, einen Sattel aus Echt-Leder zu fahren?

Ihr seht hoffentlich, wohin ich mit meiner Argumentation möchte und schlage daher vor, dass Fahrräder wie auch andere Gebrauchsprodukte deutlich transparenter gekennzeichnet werden und die Fahrradbranche sich hier bewegt.

Fahrrad Nachhaltigkeit

@ www.pd-f.de / Messe Friedrichshafen / Eurobike

 

Wie wäre es also mit einem Sustainable Bicycle Index?!

Er gibt Auskunft über zwei Bereiche:

Die ökologische Nachhaltigkeit und die soziale Nachhaltigkeit.

Die ökologische Nachhaltigkeit

gibt Auskunft über die CO2-Kosten in Herstellung und Transport, inkl. einer Prognose, wann der CO2-Ausgleich erstrampelt ist. Zudem informiert er über die Verwendung von Schadstoffen, die Zusammensetzung der Produkte (und den Umfang an seltenen Erden bei Akkus), den Anteil an tierischen Stoffen im Produkt, den Recyclinganteil des Produkts oder gesamten Fahrrades und welche sonstigen Maßnahmen zum Umweltschutz in der Produktion geschaffen wurden.

Die soziale Nachhaltigkeit

gibt Auskunft über die Produktionsbedingungen, Herkunftsorte, Zulieferzertifizierungen, aber auch Equal Pay (die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern), Diversity (die Respektierung und Förderung von Vielfalt an Geschlechtern, Religion, sexueller Orientierung in Unternehmen), Ausbildungsbetrieb, Förderung des Handwerks und des Standortes, Haltung und Ethik des Unternehmens und das (soziale) Engagement hierzulande und weltweit.

Das Ziel:

Nicht nur mit gutem Gewissen Rad zu fahren, sondern auch mit gutem Gewissen ein Fahrrad (und die Ausrüstung) zu kaufen.

Fahrrad Nachhaltigkeit

@ www.pd-f.de / Messe Friedrichshafen / Eurobike

Das sind also schon ganz schön viele Informationen, die man in einem solchen Index integrieren kann. Aber nicht versteckt in einem Geschäftsbericht in Schriftgröße 6, sondern übersichtlich und leicht verständlich.

Wie ein Energielabel, welches jedes Fahrrad und jedes Ausrüstungsteil kennzeichnet und so dem Konsumenten mehr Transparenz gibt.

Wie das aussehen soll? Keine Ahnung, aber ich denke doch, dass es da Möglichkeiten gibt.

Es kann eine neue Art von Qualitätssiegel sein, mit dem sich für Marken und Handel durchaus interessante Vermarktungsmöglichkeiten bieten würden. Da würde in Blick in die Autoindustrie, zum Beispiel zu Toyota, oder in die Unterhaltungselektronik zu Samsung durchaus lohnen, denn die sind schon länger mit diesen Kundenforderungen konfrontiert und haben da durchaus interessante Sachen in der Marketingkommunikation ausprobiert.

Oder ist das alles eher Mist, da wir Radfahrer ja per se nachhaltig sind und das Fahrrad im Vergleich zu allem ohnehin die derzeit beste Alternative ist?

Und man sollte da bitteschön nicht kritischer sein als nötig?

Oder gibt es das gar schon und ich habe es nur nicht gesehen?

 

Ich freue mich über eure Meinungen!

14 Comments

  • Andreas sagt:

    Ich sag mal so, E-Autos und E-Bikes werden nicht zur Lösung unserer Probleme führen. Fahrräder ohne E-Antrieb aber auch nicht.
    Grundsätzlich sollte jeder sich selbst überdenken, ob vielleicht ein Flug übers Wochenende z.B.nach New York wirklich nötig ist, auch wenn er nur 98-€ kostet, oder ob man sein Kind mit dem Porsche Chayenne wirklich zur Schule bringt usw.
    Ich könnte hier noch unendlich weiterschreiben, aber es weiß doch jeder, jedenfalls ist es gut wenn man darüber nachdenkt ob nachhaltig gehandelt wird oder nicht, auch bei Fahrrädern.
    Gruß Andreas

    • Hallo Andreas,

      Danke für deine Meinung. Es geht aber nicht um Klimaschutz und Vergleiche, sondern darum, was das Fahrrad ganz konkret betrifft. Nicht in Relation, sondern ganz spezifisch. Und es geht nicht um Handlungsvorschriften oder Verhaltenserziehung, sondern um Transparenz.

      Viele Grüße
      Martin

  • Sascha sagt:

    Hallo Martin,

    ich bin da voll Deiner Meinung und danke Dir für den tollen Artikel. Er wird von mir an alle Fahrradfreunde weitergeleitet.

    Beste Grüße

    The Traveler

      • Sascha sagt:

        Hi Martin,

        ich nochmal. Mal ein anderes Thema. Dieses Jahr fahre ich auch bei dem Tuscany Trail mit (Aufgrund deines Berichtes). Ich freu mich schon wie ein kleines Kind drauf.
        Ich habe vor mit meinem 650 Laufradsatz zu fahren und bin mir noch nicht sicher welche Bereifung ich raufziehen soll. In der Regel fahre ich immer mit WTB Produkten. Was für eine Bereifung hattest du denn drauf und warst du zufrieden?
        Beste Grüße

        Sascha

  • Marcel sagt:

    Hallo Martin,
    eigentlich könnte ich hier einen ganzen Aufsatz zu dem Thema schreiben, da es mir am Herzen liegt und mich schon länger damit auseinandersetze. Trotzdem versuche ich mich kurzzufassen.

    Es ist immer ein guter Weg sich um die Nachhaltigkeit von Produkten seine Gedanken zu machen. Auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Fahrrads kann so ein Sustainable Bicycle Index ein guter Leitfaden für den Kauf werden und ermöglicht eine Vergleichbarkeit untereinander. Des Öfteren hätte ich mir so etwas gewünscht.

    Trotzdem kann ich mit deiner Argumentation nicht ganz mitgehen, da du den Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln nicht wirklich zulässt.
    Die Nachhaltigkeit eines Produktes ist mehr als nur der Ressourcenverbrauch und die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung oder die Recyclingfähigkeit bei der Entsorgung. Auch der Betrieb bzw. die Benutzung spielt hierbei eine große Rolle, d.h. für welchen Verwendungszweck wurde das Produkt gebaut und für welche Lebensdauer ist es ausgelegt oder wie geht der Bediener damit um. Die Nachhaltigkeit also kann erst nach Beendigung des Lebenszyklus reproduziert und wirklich beurteilt werden.

    Führe ich nun eine Betrachtung unter Berücksichtigung des Verwendungszwecks durch, ist ein Vergleich mit Produkten anderer Kategorie durchaus möglich, wenn nicht sogar zwingend.

    Wird das Fahrrad als reines Sport- und Freizeitgerät genutzt, dann gehe ich mit deiner Ausführung voll und ganz mit. Denn dann sieht es mit der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit im Verhältnis nicht ganz so gut aus. Vor allem, wenn ich es einem anderen Sportgerät, beispielsweise einem Paar Laufschuhe, gegenüberstelle.

    Auch gibt sich die Fahrradindustrie sehr viel Mühe die Nutzungsdauer unserer Fahrräder zu verkürzen. Sei es der Einsatz vom empfindlichen Leichtbaumaterialen oder die Einführung neuer Standards, wie beispielsweise 29‘‘, Boost-Achsstandard, SRAM-XD-Freilauf usw. Die Kompatibilität untereinander geht mehr und mehr verloren und immer mehr Neuheiten folgen in immer kürzeren Abständen. Stichwort: Psychologische Obsoleszenz.
    Warum sollte es auch anders sein, denn schließlich ist es eine Industrie wie jede andere auch und Investoren werden nur mit Wachstumaussichten bei der Stange gehalten.

    Trotzdem sei auch eine andere Perspektive erlaubt: Nämlich aus Sicht der Fahrradnutzung als Mobilitätsalternative. Wenn es nämlich andere Fahrzeuge substituiert, das Mobilitätsverhalten bestimmt (z.B. durch fahren kürzerer Strecken) und die Auswahl der Wohnung beeinflusst
    (z.B. strategisch günstig zur Arbeitsstelle und zum ÖPNV).

    Die Frage sollte doch dann lauten: Wie nachhaltig ist meine Mobilität und nicht nur das Produkt?

    Der Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln ist ja bekannt. In Sachen Effizienz (Energieverbrauch pro Kilometer) ist das Fahrrad unschlagbar. Auch hat das Fahrrad den übertragenden Effekt, dass mein Mobilitätsverhalten grundsätzlich ressourcenschonender wird.

    Auch der bekannte Vorwurf, dass Fahrradfahrer mehr Nahrung zu sich nehmen und dadurch einen passiven CO2-Ausstoß verursachen relativiert sich in vielen Fällen recht schnell. Denn was unter Laborbedingungen erstmal als universeller Fakt ermittelt wird, löst sich in der Realität oftmals in Wohlgefallen auf. Am besten schaut man sich nur mal auf einem Autobahnparkplatz um und beobachtet das Essverhalten der Menschen. Was manche Autofahrer dort zu Mittag essen, bekomme ich auf einer Radtour manchmal den ganzen Tag nicht runter.

    Über die Angaben und Energiebilanzen der Automobilhersteller hinsichtlich des CO2-Ausstoßes ihrer Fahrzeuge braucht man auch nicht weiter reden. Der Betrug war schon vorher offensichtlich. Die Schlagzeilen in den Medien nur noch die Kür. Und eine vollständige Nachhaltigkeitsbilanz der Fahrzeugherstellung bleibt uns die Automobilindustrie ebenso schuldig.

    Deshalb sollte sich der Vorwurf der Intransparenz in Sachen Nachhaltigkeit an alle Fahrzeugbranchen richten.

    Und trotzdem kann man doch um jedes Fahrrad auf der Straße froh sein. Es ist lärmfrei, stößt keine Abgase aus, verursacht erheblich weniger Reifen- und Bremsabrieb und somit Mikroplastik-Emmissionen. Zudem rauschen keine 2 Tonnen Stahl durch die Gegend die andere Menschen und Tiere töten könnten.
    Über E-Bikes wiederum lässt aufgrund ihrer Akkus diskutieren. Aber dieses Problem betrifft ja alle akkubetriebenen Geräte. Und bei dem „Akku-Wahnsinn“ der derzeit stattfindet, frage ich mich wirklich, ob man dann nur um das E-Bike herumdiskutieren sollte oder generell über Batterien und deren Herstellung spricht.

    Warum werden Akku-Schrauber, -Rasenmäher, -Staubsauger, -Heckenschere, -Wischroboter, Smart-Watches, -Phones, tragbare Boxen, batteriebetriebene Weihnachtsbeleuchtung etc. in der alltäglichen Debatte als absolut legitim wahrgenommen und wieso ist das E-Bike aufgrund der Batterie ein Umweltschwein?

    Wenn schon auf batteriebetriebene Geräte verzichten, dann doch auf alle oder nicht?

    Da ist es manchmal schon pure Ironie mich mit einem Autofahrer über die Umweltbilanz eines E-Bike-Akkus unterhalten zu müssen und er die Starterbatterie in seinem Fahrzeug irgendwie verdrängt zu haben scheint. Wenn es sich bei dem Fahrzeug dann noch um einen SUV handelt ist das fast schon Comedy.

    Schöne Grüße
    Marcel

    • Hallo Marcel,

      eine durchaus nachvollziehbare Argumentation. Kann ich verstehen. Mir geht es allerdings nur ums Rad und ich möchte da andere Vergleiche weglassen, da sie nur relativieren, aber nicht die gewünschte Info zulassen.
      Ja, das Fahrrad ist umweltfreundlicher, aber ich möchte wissen, wie der Impact ist. Da ist es mir egal, wie schlimm alle anderen sind. Und ob das Rad die Lösung ist, weiß ich persönlich nicht. Es ist sicherlich Teil davon, aber bestimmt nicht die pauschale Antwort.

      Beim Akku geht es mir nicht darum, das zu verteufeln. Auch hier geht es mir um Transparenz. Ich habe nix gegen Akkus, ich möchte nur wissen, welche Auswirkungen damit verbunden sind. Das sind andere Branchen einfach weiter. 😉

      Viele Grüße,
      martin

  • jan sagt:

    Hallo Martin,

    mein erstes und einziges Fahrrad habe ich vor über 20 Jahren gekauft. Original ist nur noch der Rahmen und Lenker. Der Rest ist Verschleiß und wurde mehrmals ausgetaucht. Es wird täglich benutzt, da kein Auto vorhanden. Dementsprechend hat es auch schon viele KM runter. Mein nächstes (und hoffentlich letztes) Fahrrad gibt es in ein paar Jahren dann.

    Was ich sagen möchte: 2 Räder im Leben sind für mich ausreichend. Ich benötige nicht für jeden Streckentyp ein anderes Bike (n+1). Wer das möchte, sollte dann eher versuchen beim Rahmen auf Nachhaltigkeit achten. Bei mir sind es eher die Komponenten.

    Bei Felgen, Speichen, Klingel, … gilt das selbe wie beim Rahmen: Metall.
    Schlauch und Mantel wäre schon interessanter, was da noch nachhaltig geht, ohne Qualitätseinbußen.
    Ledersattel ist natürlich. Kommt dann nur noch drauf an, ob die Kuh „glücklich“ war.

    Am Ende kommt es auf das große ganze an, wie man sich insgesamt verhält: Mit ’nem dicken SUV in die Alpen zum ökologischen Fahrrad fahren beißt sich halt etwas…

    Viele Grüße
    Jan

  • Alles was ich kaufe, belastet in gewisser Weise die Umwelt. Die Argumentation, dass ein E-Bike weniger umweltfreundlich ist, wie ein Bike ohne Motor stimmt natürlich, hilft denjenigen, die aus Alters- oder Gesundheitsgründen E-Bike fahren, aber auch nicht weiter.
    Der Kilometer E-Bike im Vergleich zum Pkw dürfte allerdings klar Umwelt schonender sein, vom positiven Gesundheitsaspekt ganz zu schweigen.
    Deshalb ist Alu, Carbon, Akku etc. u.U. eben trotzdem positiv zu bewerten, der Alpencross sicher besser als der Flug nach Mallorca ;=)

    • Hallo Thomas,

      Es geht nicht um den Vergleich mit irgendwas und auch nicht gegen eBikes. Es geht nur darum zu wissen, was der Impact des jeweiligen Rades ist. Mehr nicht. Das ist durchaus schwer, haben wir uns doch so prima in den ganzen guten Argumenten pro Rad und gegen alle anderen eingerichtet. Das ein Fahrrad momentan vermutlich mit die beste Alternative ist, ist klar. 😉 Anders gesagt: mir ist egal ob der Vollkornkeks gesünder ist als die Waffel. Ich möchte wissen was im Keks drin ist.

      Viele Grüße
      Martin

  • Hallo Martin,
    danke für diesen wichtigen Artikel. Ich finde den Ansatz richtig, ein Öko-Label für Velos anzustreben, das gibt es schliesslich für allerlei Alltagsgebrauchsgüter wie Autos oder Kühlschränke auch schon, und gerade Alltagsradler sollten für diese Materie besonders sensibilisiert sein.
    Wenn ich weiss, wo ein Rahmen unter Einsatz von welchen Rohstoffen und Energiemengen produziert wurde, bin ich ev. auch eher bereit, für ein lokal produziertes und ökologisches Produkt etwas mehr zu bezahlen.
    Der wohl wichtigest Teil der Nachhaltigkeit eines Produktes zeigt sich aber erst im Gebrauch und in der Lebensdauer. Wie lange läuft die Garantiefrist? Verfügen Herstellerfirma oder Importeur über essenzielle Ersatzteile für Modelle, welche mehr als 10 Jahre alt sind? Können Verschleissteile einfach und preiswert ersetzt werden? Wie ist der Wiederverkaufswert des Velos nach ein paar Jahren? Lassen sich Verschleissteile und das ganze Velo einfach rezyklieren?
    Dies objektiv zu beurteilen ist sicher nicht ganz einfach – die europäische Fahrradbranche, oder was davon übrig ist, könnte sich aber damit selber viel Gutes tun!

    • Hallo Markus,

      genau das meinte ich! Daher vielen Dank für diesen Beitrag. Und vielleicht kann das so etwas wie ein Differentiator für die Fahrradbranche sein, oder innerhalb dieser.

      Viele Grüße,

      martin

  • Friedrich Lehmann sagt:

    Hallo Martin!

    Danke für Deinen Artikel! Der Gedanke, den Du da schilderst, ist absolut vernünftig aus meiner Sicht, und er musste endlich einmal ausgesprochen werden. Da ich seit den 90er Jahren als Fahrradmechaniker tätig bin, kenne ich die Schnelllebigkeit der Produktionszyklen, die uns die Fahrradindustrie als unumgänglich beschert, nur zu gut – könnte mich hier nun auslassen, doch dafür fehlt mir grade die Zeit. Kurz gesagt: Unter ökologischen Gesichtspunkten hat meiner Meinung nach das Fahrrad längst seine Unschuld verloren. Kompletträder und Komponenten kommen meist aus Fernost per Schiff, und wie wir wissen, verfügen diese Frachter weder über Kat noch Feinstaubfilter. Fahrradkomponenten, vor allem die Antriebsteile, besitzen konstruktiv bedingt eine recht kurze Lebensdauer – reparieren kann man sie nicht, sondern man muss sie austauschen. Die Altteile wandern dann in den Schrott, und hier haben wir es dann oft mit einem Mix aus Metallen zu tun, die getrennt werden müssen: Man denke da an Kassetten mit einem Spider aus Alu, auf den Titanritzel mittels Stahlnieten befestigt sind. Das ist zwar technisch alles machbar, doch ist es auch sinnvoll?!
    Wenn man all das fundamentalistisch betrachtet, dann dürfte man nur heimische Produkte/Fahrräder und Komponenten kaufen (Rohloff, Pinion, B&M usw.), und man dürfte auch keine Kettenschaltung nutzen, weil verschleiß- und damit abfallintensiv.
    Wenn man es realistisch betrachtet, dann sagt man sich: Das Containerschiff fährt sowieso, da ist es besser, wenn es auch Fahrräder transportiert; und besser ist es auch, dass man überhaupt mehr Fahrrad als Auto fährt, und da ist es doch egal, ob hier eine verschleißintensive Kettenschaltung gefahren wird.
    In der Technikgeschichte hat es oft genug einen sog. Reboundeffekt gegeben: Technische Entwicklungen führen dazu, dass Produkte wie ein Auto günstiger hergestellt und mit sparsameren Motoren ausgestattet werden können – doch dies führt dazu, dass mehr Autos gekauft und gefahren werden, so dass der Effekt der sparsameren Motoren aufgefressen wird. Und beim Fahrrad ist es leider auf andere Weise ähnlich.

    Gruß, Fritz

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