Reiseradler Interview #37: Olga & Michel von rausgefahren.de

Traumhafter Campingplatz in der Türkei © rausgefahren.de

Zwei Hamburger auf großer Tour und ich freue mich sehr, die beiden im Interview begrüßen zu können. Bevor es losgeht – Olga und Michel, stellt euch bitte kurz vor:

„Moin! Wir sind Olga und Michel aus Hamburg. Olga kommt ursprünglich aus Russland und ist mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen. Michel ist in Marne, einer kleinen Stadt an der Nordseeküste, aufgewachsen. Vor knapp 5 Jahren haben wir uns dann in Hamburg kennen gelernt, als wir zusammen in einer WG in einem Studentenwohnheim wohnten.

Michel hatte hier schon ein bisschen länger gewohnt und studierte im 3. Semester Maschinenbau. Olga kam frisch aus Augsburg und wollte hier nach abgeschlossenem Studium ein Praktikum als Designerin machen. So führte eins zum anderen und wir haben gemeinsam ein paar richtig schöne Jahre in Hamburg verbracht.

Mittlerweile haben wir geheiratet und befinden uns jetzt auf unserer Hochzeitsreise – eine Fahrradtour einmal um die Welt! Wir haben in Deutschland quasi alles aufgegeben, unsere materiellen Besitztümer verkauft und leben nun auf unseren Fahrrädern und im Zelt.“

Olga & Michel auf ihren Rädern © rausgefahren.de

Zum Warmwerden: Wie seid ihr zum Radreisen gekommen?

Wir sind ganz zufällig, ungefähr ein Jahr vor Beginn unserer jetzigen Tour, auf diese Art zu Reisen gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt schwirrte in unseren Köpfen die Idee, in ein paar Jahren eine Weltreise mit dem Flugzeug zu unternehmen. Dann ist Michel zufällig auf Facebook über eine Hamburgerin gestolpert, die mit ihrem Fahrrad um die Welt fahren wollte (Immer noch unterwegs – www.veganworldfriendshiptour.de).

Wir waren sofort sehr begeistert von dieser Idee und vor allem der einfachen Art zu Reisen. Unsere Fahrräder haben wir bis Dato lediglich als passendes Transportmittel für kurze Touren durch die Stadt, Einkäufe und für die Fahrt zur Arbeit gesehen. Damit wirklich eine lange Reise durchzuführen, hörte sich einfach unglaublich spannend an! Wir konnten uns daher von der Begeisterung nicht losreißen und haben schon bald angefangen weitere Recherchen zum Radreisen durchzuführen. Nur ein paar Wochen später haben wir dann entschieden, unsere erste Radreise (Einmal um die Welt!) in ca. 10 Monaten zu starten!

In Tadschikistan © rausgefahren.de

 

Zum Träumen: Wo wart ihr schon überall und wo müsst ihr unbedingt noch hin?

Unsere erste gemeinsame große Reise ging nach Thailand. Wir waren drei Wochen nur mit unseren zwei Minirücksäcken unterwegs und haben dort vielleicht den ersten Grundstein für unsere Liebe zum minimalistischen Reisen gelegt. Ansonsten sind wir gemeinsam in einigen Städten Europas gewesen. Nichts sonderlich Spektakuläres soweit!

Auf unserer jetzigen Radreise sind wir bisher durch Europa und den Nahen Osten gefahren. Im Moment sind wir in Russland unterwegs, auf dem Weg nach Tscheljabinsk – Olgas Heimatstadt.

Eines unserer ersten großen Ziele war wohl „Le Mont Saint Michel“ in Nordwesten Frankreichs. Eine einzigartige und wunderschöne Kulisse die uns hier geboten wurde und für uns als Radreise-Neulinge ein unglaubliches Gefühl, hier wirklich mit dem Rad hingefahren zu sein! Danach ging es weiter Richtung Süden am Atlantik entlang bis nach Portugal – eine der schönsten Etappen unserer bisherigen Reise! Durch Spanien hindurch sind wir dann ans Mittelmeer gefahren und haben hier unter anderem die schönen Städte Barcelona, Venedig und Dubrovnik bestaunen dürfen. Der Balkan war einfach toll! Am ersten Abend in Slowenien sind wir direkt auf Essen und Wein eingeladen worden und von dort an wurde Gastfreundschaft auf einmal ganz großgeschrieben! Durch die weiteren Balkanländer, in der Türkei, Jordanien und in Georgien ging es auf jedenfalls genauso weiter!

Auf dem Pamir-Highway © rausgefahren.de

Nachdem wir in Tscheljabinsk waren, sind wir durch die Steppen Kasachstans nach Kirgistan und Tadschikistan ins Pamir Gebirge fahren. Danach geht’s weiter Richtung Iran. Auch darauf freuen wir uns sehr, denn das durchaus vergleichbare Jordanien und insbesondere die Menschen dort, haben uns sehr beeindruckt!

Eigentlich sind wir aber auf jedes Land, was noch vor uns liegt richtig gespannt! Wir wollen soviel wie möglich von der Welt sehen und freuen uns darauf die unterschiedlichen Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Übrigens haben wir auf unseren Blog eine Karte mit unserer bereits gefahrenen Strecke und der geplanten weiteren Route.

 

Zum Nachmachen: Welches Land könnt ihr empfehlen und warum?

Spanien im Hochsommer hat uns richtig gut gefallen. Fröhliche, unkomplizierte Menschen und einfach mega gutes Obst. Wir haben dort hunderte Kilogramm Wassermelonen verputzt 😉 Dazu kommt, dass die Straßen gut ausgebaut sind und die Autofahrer extrem respektvoll gegenüber Radfahrern sind. Es kam nur selten vor, dass ein Auto NICHT komplett auf die Gegenfahrbahn wechselte um zu überholen. Auch gibt es einige schöne Radwege, die in Zukunft noch weiter ausgebaut werden sollen!

Wie oben schon geschrieben, waren wir auch richtig von Jordanien angetan. Vermutlich eine gute Alternative für Menschen, die nicht unbedingt direkt in den Iran Reisen wollen, aber trotzdem eine sehr ähnliche Kultur und Gastfreundschaft erfahren möchten. Auch landschaftlich eins der Top Länder unserer Reise. Fahrradfahren in der Wadi Rum Wüste und die Höhlenstadt Petra waren unglaublich! Dazu gibt’s super leckere Datteln und Falafel aus der Straßenküche für ein paar Eurocent!

Durch den Schnee in Jordanien © rausgefahren.de

Zum Erfahren: Was hat euch am meisten unterwegs beeindruckt?

Wie auch die meisten Radreisenden, die wir bisher getroffen haben: Definitiv die Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit der Menschen, die wir unterwegs treffen und die wir fast jeden Tag zu spüren bekommen. Es ist so ein schönes Gefühl zu merken, dass es so viele nette Menschen auf der Welt gibt! In Bosnien und Herzegowina wurden wir während eines Schneesturms ohne große Fragen in ein Haus eingeladen und haben Essen und Trinken bekommen. In der Türkei wurden wir zu Hunderten von Tassen Tee und Kaffee eingeladen und haben dazu kiloweise Lukum gegessen. In Jordanien hat jeder zweite Autofahrer angehalten und gefragt, wie er uns denn helfen könnte. In Georgien hat man uns literweise Wein geschenkt – in Russland gab’s Wodka! Um mal nur einige Beispiele zu nennen 🙂

Gastfreundschaft in Kirgistan © rausgefahren.de

Auch spannend ist es zu sehen, wie schnell sich Landschaften und das Wetter ändern können. Insbesondere in den Bergen, kann es nach ein paar Kilometern bergab, auf einmal komplett anders aussehen. Wegen entsprechend schwankenden Temperaturen haben wir innerhalb von einem Tag öfters von Winterjacke zu T-Shirt wechseln müssen.

Es ist überwältigend so dicht an den Menschen und Mutter Natur zu sein!

 

Zum Leben: Seid ihr lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

Wir sind auf unserer jetzigen Reise ununterbrochen zu zweit unterwegs (weil es unsere Hochzeitsreise ist).

Auch sonst sind wir eigentlich immer in Begleitung gereist und können uns nicht wirklich vorstellen, komplett alleine unterwegs zu sein. Natürlich ist man dann auch immer den Launen des Partners ausgesetzt und manchmal streitet man sich ein bisschen.

Gemeinsam in Georgien © rausgefahren.de

Aber dennoch können wir uns im Moment nichts anderes vorstellen, als gemeinsam mit unseren Rädern durch die Welt zu Reisen – es ist wunderschön dieses Erlebnis mit seinem liebsten Menschen teilen zu können!

 

Zum Fahrrad: Stellt es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an euren Rädern dran?

Wir fahren beide das „Expedition“ von der Firma Boettcher aus Norddeutschland.

Die Reiseräder © rausgefahren.de

Ausgestattet sind unsere Räder mit:

-Stahlrahmen

-Rohloff Nabe

-SON 28 Nabendynamo

-Magura HS 33 Felgenbremsen

-Schwalbe Marathon Mondial Reifen (26 Zoll)

-Lederfreie Sättel von Terry

-Dazu noch einige Souvenirs, wie z.B. jeweils eine Muschel aus Portugal an unseren vorderen Schutzblechen

 

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Natürlich hatten wir schon einige Platten – das gehört aber wohl unausweichlich zu so einer Reise dazu. Ein bisschen außergewöhnlicher war z.B. Olgas abgebrochener Bremshebel an der Grenze zwischen Jordanien und Israel. Man darf die Grenze (Allenby Brücke) nicht mit dem Rad überqueren und muss alles in einen Bus reinpacken. Obwohl wir äußerst vorsichtig waren und den Jungs genau erklärt haben, dass unsere Räder das wichtigste Gepäck der letzten Monate seien, sahen wir auf der israelischen Seite dann, dass diverse Taschen auf unseren Rädern lagen und eine den Bremshebel abgebrochen hatte. Wir haben uns lautstark beschwert, was natürlich zu einer Sicherheitsbefragung durch die israelischen Grenzbeamten führte… Naja im Endeffekt eine ziemlich witzige Geschichte und in Jerusalem konnten wir glücklicherweise Ersatz auftreiben!

Wildnis in Tadschikistan © rausgefahren.de

In der Türkei gab eine kaputte Felge Anlass für Michel 1600 km mit dem Nachtbus nach Istanbul zu fahren und dort Ersatz zu beschaffen. Das war im ersten Moment ziemlich nervig, aber schlussendlich waren wir froh, dass wir zwei Tage später schon weiterfahren konnten! Leider ein Nachteil unserer Rohloff-Nabe, denn sie muss speziell eingespeicht werden und natürlich gibt’s die entsprechenden Felgen auch nicht in jedem Fahrradladen zu kaufen…

 

Zum Wissen: Euer ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Immer versuchen, offen für alles Neue zu sein und alles positiv zu sehen! Auch wenn’s mal hapert und nicht alles läuft wie geplant, nicht aufgeben und an die ganzen tollen Dinge denken, die man schon erlebt hat und noch weiter erleben wird!

Ansonsten ist eine Radreise wirklich sehr individuell durchführbar und jeder kann es so machen wir er es möchte – das ist das Schöne am Radreisen!

In Kirgistan © rausgefahren.de

 

Zum Verstehen: Hat euch die Reise und das Radreisen verändert und wenn ja, wie?

Ja wir sehen anders aus! Unsere Gesichter sind gebräunt und irgendwie schaffen wir es nicht mehr zum Frisör zu gehen 🙂

© rausgefahren.de

Aber auch im Kopf hat sich so manches Denkmuster geändert. Insbesondere in Bezug auf das „Leben wie es sein sollte“. Wir könnten uns im Moment überhaupt nicht vorstellen, wieder 8 Stunden am Tag im Büro zu sitzen – wofür denn? Wir haben alles was wir brauchen und sind glücklicher denn je!

 

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Losfahren war nach unserer Planung und unserer Vorfreude leicht und „richtig“. Einzig das Wissen, unsere Familie und Freunde für längere Zeiten nicht zu sehen, war und ist etwas bedrückend. Wir sind noch nicht wieder da, wissen also nicht wie es ist zurück zu kommen!

Rückkehr ungewiss © rausgefahren.de

Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Unser Einjähriges Fahrradweltreise Jubiläum war am 24.05 und nach einer kleinen Urlaubspause in Tscheljabinsk (Olgas Heimatstadt) ging es Richtung Süden, durch Kasachstan, das Pamir-Gebirge und Usbekistan. Im Westen von Usbekistan sind wir dann per Zug weiter nach Aktau in Kasachstan gefahren. Von dort geht es nun per Fähre über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und in den Iran!

 

Mehr über Olga & Michel gibt es hier:

 

 

2 Comments

  • Ute und Eddy sagt:

    Hallo Martin,
    schön dass du Olga und Michel hier mal zum Interview gebeten hast. Sie haben schon beachtliche Strecken zurückgelegt, viel gesehen und erlebt. Radfahren ist halt einfach schön und noch besser ist es, wenn man lange am Stück dafür Zeit hat.
    Wir verfolgen ihre Reise schon von Anfang an, weil wir fast zur gleichen Zeit mit unseren Fahrräder nach Südostasien losgefahren sind (ca. einen Monat vorher). Inzwischen sind wir allerdings schon wieder nach Deutschland zurück. Mehr als 12.000km waren es am Ende nach einem Jahr. Du hattest früher mal eine Aufstellung aller Langzeitradler aus dem deutschsprachigen Raum. Wir finden sie nicht mehr, aber falls es sie noch gibt, dann kannst du uns jetzt erst mal dort austragen. Die nächste größere Radreise ist aber schon in Planung. Im kommenden Januar soll es nach Neuseeland gehen…
    Viele Grüße vor allem an Olga und Michel. Wir wünschen euch weiterhin eine schöne, erlebnisreiche Fahrt. Vielleicht trifft man sich ja mal beim radeln irgendwo auf der Welt 🙂
    Ute & Eddy

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