Fahrrad-Finder: Welches Rad für die Tour?

Der Reiseradler

Der ultimative…, ach nein, ein Leitfaden-Versuch für das richtige (Reise)Rad

Immer wieder bekomme ich Anfragen von Leuten, die eine Radtour machen wollen, aber nicht genau wissen, was für ein Fahrrad sie denn brauchen. Welcher Rahmen, welche Ausstattung, welcher Preis?

Zugegeben, das ist ein typisches „Frag 5 Leute und Du bekommst 6 Antworten“-Thema und jeder wird diese Fragen nach seinen Erfahrungen und seinem eigenen Geschmack beantworten. Aber ich versuche es trotzdem mal, so etwas wie eine Entscheidungshilfe für den (Reise)Rad-Kauf zu erstellen.

Da dieser Leitfaden aber immer nur meinen heutigen Kenntnis- und Erfahrungsstand widerspiegelt, seid ihr natürlich alle aufgefordert, hier Eure Meinungen und Vorschläge kundzutun. Und vielleicht entsteht hier dann sogar ein ganz brauchbarer Leitfaden für all jene, die sich für das Reisen mit dem Rad begeistern und so eine gute (erste) Entscheidungshilfe für die ewige Frage „Welches Rad muss es sein, welches Rad kann es sein?“ bekommen.

Der Genussradler

Der Genussradler| Photo Credit: Heilbronner Land via Compfight cc

 

Was für ein Rad(reise)-Typ bin ich?

Natürlich ist es immer gut, sich vorher schon mal Gedanken gemacht zu haben, welche Art von Touren man machen möchte. Ist es die Radreise nach Frankreich, der Trip über viele Wochen durch ferne Länder oder eine Tour auf dem Elberadweg. Ich habe mal drei Typen definiert, die hier aus meiner Sicht in Frage kommen:

Der Genussradler: macht Tagestouren bis hin zu kleinen Radtouren bis max. 1 Woche; vorwiegend auf Radwegen in Deutschland oder in Mitteleuropa. Vorwiegend auf befestigten Wegen. Tagesstrecke zwischen 40 und 80 Kilometer.

Der Radtourer: macht Radtouren bis zu 14 Tagen Länge, gerne auch durch andere europäische Länder; radelt auch in der Heimat viel (#biketowork). Ist vorwiegend auf befestigten Wegen unterwegs, schätzt aber auch den Ausflug über Pisten und Pfade. Tagesstrecke zwischen 70 und 100 Kilometern.

Der Reiseradler: kein Weg ist zu weit, egal ob nach und durch Afrika, die Panamericana oder auf dem Landweg in den Himalaya und weiter. Freut sich über jedes Stück Asphalt, hat aber viel mit Pisten und kaputten Wegen zu kämpfen. Und genießt dies. Lebt auf dem Rad und fährt – je nach Gebiet – zwischen 50 und 150 Kilometern am Tag.

Der Radtourer

Der Radtourer | Photo Credit: Mit dem Fahrrad unterwegs via Compfight cc

 

Welches Fahrrad brauchen unsere Typen?

Jetzt wird es heiß, denn bereits hier scheiden sich die Geister. In der Tat lässt sich das nicht einfach beantworten. So kann es sein, dass Menschen ihre Liebe zum Touren mit dem Rad entdeckt haben, hier in der Kategorie Genussradler rangieren, aber sich sehr schnell Richtung Radtourer oder Reiseradler entwickeln. Und dabei möglichst nicht jedes Mal ein neues Rad kaufen wollen. Schwierig, schwierig, aber hier mal ein Vorschlag zur Sache:

Der Genussradler: ein 28er Cityrad/Trekkingrad. Rahmenmaterial ist eigentlich egal. Meist wird es Alu sein, vielfach mit einer Federgabel. Aufrechte Sitzposition und bequemer (breiter) Sattel.

Der Radtourer: hier es kann ein 28er Trekkingbike oder ein reisetaugliches 26er MTB sein. (Ich lass jetzt mal alle 29 Zoll und 650B Varianten weg.) Rahmenmaterial viel Alu, aber auch Stahl/Cro-mo.

Der Reiseradler: Aus meiner Sicht dominieren seit einigen Jahren 26 Zoll Stahlräder die harte Radreiseszene. Aber es gibt auch sehr gute Alurahmen-Räder, wie von Giant, Koga, Santos oder auch Velotraum. Viele entscheiden sich aus Gewichtsgründen für Alu. Ich bin nach wie vor absoluter Stahl-Fan. Erste 29er Räder erscheinen zwar am Horizont, aber noch ist das Reiseradlersegment fest in 26er Hand. Aber das 28er hat immer noch eine Daseinsberechtigung und ist nach wie vor für viele erste Wahl, wenn es auf Tour in Ecken mit relativ guten Straßen geht. Zudem feiern Randonneure wieder hohe Wertschätzung.

Welche Ausstattung sollte es sein?

Und das nächste Minenfeld. 😉 Vielfach gibt es sehr gute Einstiegsräder, die bereits mit hochwertigen Komponenten bestückt sind. Jeder kennt diese Kombinationen aus XT-Schaltkörper, No-Name-Überwerfer und V-Bremsen etc.. Im Allgemeinen reicht eine solche Ausstattung durchaus für Touren. Aber Fahrräder sind ja viel mehr als nur Fortbewegungsmittel: sie sind Statussymbole geworden, weshalb natürlich ein echter Rad-Fan immer auf eine gute und hochwertige Ausstattung Wert legt. Einfach weil es länger hält (meistens) und einfach auch, weil es Spaß macht, mit tollen Materialien und Komponenten rumzufahren. 😉 Trotzdem glaube ich an folgende Kategorisierung, abgesehen von den persönlichen Vorlieben und Geschmäckern:

Der Genussradler: 7/8/11-Gang Nabenschaltung oder Kettenschaltung, z.B. Niveau Shimano Altus bis Deore, einfache Federgabel, breiter Gel-Sattel, zweistrebiger Gepäckträger, eher aufrechte Sitzposition. Einfacher Nabendynamo. Bremstechnik: meist V-Brakes, ggf. vereinzelt schon Einstiegsmodelle bei Hydraulikfelgenbremsen.

Der Radtourer:  Vorwiegend Kettenschaltung, z.B. Niveau Shimano Deore, SLX, LX oder auch schon XT. Oder Sram Via GT. Daneben auch Hybrid (eher selten) wie Sram Dualdrive. Bremsen neben V-Brakes und Scheibenbremsen auch Magura Hydraulikfelgenbremsen (HS11/33). Zwei- bis dreistrebige Gepäckträger (Tubus) und Low-Rider. Sattel von Selle und Brooks, häufig aber auch Hersteller-OEM Marken. Sportlichere Sitzposition. Stromversorgung über SON Nabendynamos oder Shimano-Modelle.

Der Reiseradler: Bei den Schaltungen ist hier alles Hochwertige möglich: Kettenschaltungen ab Shimano (S)LX, wobei die XT ein echter Klassiker ist. Nabenschaltungen eigentlich nur Rohloff und als neuer Stern am Antriebshimmel: Pinion Getriebe. Bei den Bremsen tummeln sich hier derzeit alle hochwertigen Systeme: von Magura über Avid Single Digit 7 bis hin zu hydraulischen (Shimano XT) und mechanischen Scheibenbremsen (Avid BB7). Bei Sätteln kommen eigentlich nur bei mir SQ Lab und Brooks in Frage, aber hier wird jeder für sich das richtige Unterteil finden müssen.  Beide Systeme dominieren die Reiseradler-Ausstattungen. Viele Jahre bin ich auch Selle Royal gefahren, und finde einige Eigenmarken, wie Herkelmann oder Specialized auch nicht schlecht. Stromversorgung eigentlich nur über SON Nabendynamos. Gepäckträger und Low-Rider meist von Tubus. Vereinzelt Trägersysteme anderer Anbieter. Bereifung (nur hier gebe ich die mal an): Conti Travel Contact, Schwalbe Marathon Mondial, Extreme, Supreme oder Big Apple (obwohl für Stock und Stein nicht meine erste Wahl).

Der Reiseradler

Der Reiseradler

 

Welcher Preis?

Wie ihr in meinen Beiträgen zu meinen Top-10 Reiserädern gesehen habt (Teil 1 und Teil 2), kann man heutzutage richtig viel Geld für ein Fahrrad loswerden. Teilweise kosten die Dinger mehr als alle Radreisen zusammen, die man mit ihnen macht. Ich werde übrigens irgendwann mal eine Low-Budget-Tour machen, einfach um (nochmal) zu zeigen, dass Radreisen auch mit preisgünstigen (normalpreisigen) Rädern und Ausrüstung möglich ist. Aber gut, ich glaube, dass ich mit der preislichen Kategorisierung durchaus richtig liege. Und gehe sogar so weit zu behaupten, dass ich mit einem 1.000-Euro-Rad locker einmal um die Welt radeln kann 😉

Der Genussradler: Preiskategorie 299 -550 Euro

Der Radtourer: Preiskategorie 450 – 1.300 Euro

Der Reiseradler: Preiskategorie 1.100 – open end Euro. Ein gutes Reiserad mit Kettenschaltung XT kostet um die 2.500 Euro, ein gutes mit Rohloff zwischen 2.900 und 3.500 Euro und Pinion etwas mehr.

Welche Räder gibt es da zum Beispiel?

Der Genussradler:

Der Radtourer:

Der Reiseradler:

So, nun bin ich gespannt auf Eure Kommentare und Ergänzungen. Ich werde die sammeln und diese wenn passend in diesen Leitfaden einbauen. Im nächsten Schritt werde ich den Leitfaden auch visualisieren und eine Art Entscheidungspfad-Grafik basteln.

Also los, her mit Euren Meinungen und Tipps!

10 Comments

  • Da gehör ich mit meinem surly Long Haul Trucker wohl in die Kategorie Radtourer vom Preis her aber schon reiseradler 🙂

  • Christian sagt:

    Ich mische mich einfach mal dazu. Ich bin jetzt zwar nicht der Super Radprofi sondern ich bin leidenschaftlicher Boulderer. Ich finde man sollte sich das Fahrrad genau auch anschauen und begutachten, ob es zu mir passt. Ich fahre viel in München und Umgebung Fahrrad und habe mir diesbezüglich ein CrossBike von Focus zugelegt und bin sehr zufrieden. Bevor man sich ein Fahrrad für eine Tour kauft, wie viele es machen. Ein Freund von mir arbeitet in einem Fahrradgeschäft, die Leute kommen meistens und wollen das beste vom Besten haben. Nach der Sommersaison kommen sie dann wieder und meinen sie haben es verkauft, da sie mit dem Bike nicht zurecht kommen. Gruß, Chris

    • BiketourGlobal sagt:

      Hallo Christian,

      absolut. Und manchmal ändert man natürlich noch seine Entscheidung. Aber bei einem richtigen Fachhändler, der auch gut berät, sollte das eigentlich nicht vorkommen.

      Gruß,
      martin

  • Monika sagt:

    Ich überlege immer ob es be Radreisen nicht mehr Sinn macht, mit einem Radanhänger zu fahren, statt der Radtaschen. Insbesondere die Fronttaschen machen das Rad schon sehr träge und z.T. auch instabil – finde ich. Hast Du Erfahrungen mit Anhängern? LG Monika

    • biketourglobal sagt:

      Hallo Monika,

      Ich kann Deine Einschätzung nicht teilen.
      Mit Taschen vorne und hinten entwickelt das Rad eigentlich eine große Laufruhe. Dadurch fährt es sehr stabil und eigentlich
      Leicht.
      Ich würde Anhänger nicht nehmen. Zum einen braucht man wirklich nur in den weltensten Fällen so viel Gepäck. Zum anderen finde ich einen Anhänger eindach nicht praktisch.

      Viele Grüße,
      Martin

  • Sigurd sagt:

    Habe mit extra einen surly Long Haul Trucke in 26 bauen lassen, da ich dachte 26er wäre für meine weltreisen besser. Bin aber seit Jahren wieder mit meinem 28er Manufaktur Rad T700 unterwegs. Einfach unschlagbar was Laufruhe und Geschwindigkeit betrifft. War bei meinen Reisen mit dem 26er sehr frustriert. Einfach langsamer, geht nicht so gut über Hindernisse und Kippliger ( mit 4 taschen ) Kann die Infos über weltreisen und 26er nicht teilen. ( reisen Südamerika, Kuba, Afrika )
    Sigurd

    • BiketourGlobal sagt:

      Hallo Sigurd,

      ja, ist immer Geschmackssache. Bin lange auch ein 28er gefahren. In den Anfangsjahren.
      Das 26er hat sich als Reiserad durchgesetzt – aber natürlich kommt es immer auch auf die persönlichen Vorlieben an.

      Gruß,
      Martin

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