Bikepacking oder Radreisen oder beides? Eine Einordnung

Morgens im Wald auf Overnighter Bikepacking Tour

Ich bin ja eher der klassische Radreisende: ein gutes Reiserad, sechs Fahrradtaschen an Gepäckträger und LowRider, Lenkertasche, zwischen 15 und 20 kg Gepäck dabei, ausgerüstet für fast alle Wetterlagen und lange Strecken durch unbekannte Länder und gerne auch mal etwas mehr als nötig dabei.

All die bisherigen 58.000 km durch viele Länder hat sich das auch bewährt und ich konnte mir es auch nie anders vorstellen. Ich habe mich sozusagen in meiner Radreise-Komfortzone eingerichtet.

Und dann bin ich im letztem Jahr auf der Eurobike zum ersten Mal dem Bikepacking begegnet. Ja, das ist dieser „komische“ Trend, wo Leute Gepäck an das Mountainbike schnallen und dann über Trails durchs Gelände heizen und sich abends am Lagerfeuer unter freiem Himmel aufs Ohr legen.

Auf erster Bikepacking Tour

Auf erster Bikepacking Tour

Ich fand das damals sehr interessant und beobachte seitdem die Entwicklung dieses Trends, der mittlerweile im Mainstream angekommen ist. Aber so richtig konnte ich mir das Bikepacking als Alternative zum Radreisen nicht vorstellen.

Bis jetzt. In den letzten Wochen hatte ich die Möglichkeit, Bikepacking mal so richtig selber auszuprobieren. Ich bekam ein Testrad mit Bikepacking Taschen und machte mich dann auf zu einer Overnighter Tour (so sagt man heute zu kurzen Touren, die nur über ein oder zwei Nächte gehen und daher auch ideal für Büro – Natur – Büro sind).

Hier flog ich ins Wasser. Man sieht die Spuren noch, als ich wieder hoch kroch. Eine Katze brachte mich zum Bremsen. Mit entsprechenden Folgen...

Hier flog ich ins Wasser. Man sieht die Spuren noch, als ich wieder hoch kroch. Eine Katze brachte mich zum Bremsen. Mit entsprechenden Folgen…

Doch mein erstes Bikepacking Abenteuer fiel gleich buchstäblich ins Wasser: aufgrund zu hoher Geschwindigkeit und einer sehr überzeugenden Vorderradbremse bekam ich das Rad nicht mehr zum Stehen (es war nass und matschig) und flog samt Rad und Taschen in hohem Bogen in einen Fluss. Ja, richtig gelesen!

Ein paar Beulen und Schrammen und ein verletztes Ego...

Ein paar Beulen und Schrammen und ein verletztes Ego…

Zum Glück ist nix passiert. Ein paar Beulen und Kratzer und ein verletztes Ego – mehr nicht. Und mein Teasi Pro Navi ist beim Sturz abgeflogen und im Schlick des Flusses für immer versunken.

So ärgerlich mein Start als Bikepacker auch war – es hat mich angefixt! Zum ersten Mal habe ich einen Eindruck davon bekommen, was die Faszination des Bikepackings ausmacht und gemerkt, dass man durchaus alles, was man braucht, in den kompakten Taschen mitnehmen kann. Also startete ich eine Woche später erneut.

Bikepacking Idylle

Bikepacking Idylle

Ich suchte mir eine Route von Hamburg nach Osten aus, an den Grossensee bei Trittau. Via Bikemap geplant, hatte ich dann das überraschende Vergnügen, direkt aus dem Büro auf fast schon richtigen Trails, Schotterwegen und üblen Reiterpisten 30 Kilometer durchs Land zu heizen.

Mit an Bord hatte ich alles, was ich für eine kurze Nacht brauchte. Und im Prinzip war es auch alles, was man sonst so braucht: Schlafkram, Ersatzklamotten (ich hatte nur ein Shirt dabei), Waschkram, Kocher, etwas Essen, Werkzeug und mein Zelt.

Egal ob Bikepacking oder Radreise - ohne Morgen-Kaffee geht nix

Egal ob Bikepacking oder Radreise – ohne Morgen-Kaffee geht nix

Allerdings stellte ich fest, dass mir zum „richtigen“ Bikepacker noch die entsprechende Ausrüstung fehlt. Mal abgesehen vom Rad und den Taschen würde ich zum Beispiel einen neuen, wesentlich leichteren und kompakteren Schlafsack brauchen. Und auch bei den Klamotten würde ich dann wesentlich funktionaler planen und meine Kleidung komprimierter packen.

Abgesehen davon, was unterscheidet das Bikepacking nun vom Radreisen?

Bikepacking

Beim Bikepacking geht es vornehmlich darum, über unbefestigte Wege und Pisten zu fahren und tief in die Natur vorzudringen (klingt jetzt sehr pathetisch, aber ihr wisst, was ich meine). Das allerdings nicht wochenlang, sondern eher beschränkt auf ein paar Tage. Obwohl es auch Bikepacker gibt, die durchaus in diesem Stil Afrika bereist haben.

Mein Bikepacking Rad mit leichtem Gepäck

Mein Bikepacking Rad mit leichtem Gepäck

Bikepacking verlangt Dir eine neue Bescheidenheit ab. Alles ist auf minimales Packmaß und Gewicht orientiert. Die Räder sind meist Mountainbikes, mit Radgrößen von 27,5 und 29 Zoll. Oder Gravelbikes mit 700x45c Reifengröße. Hier werden die Taschen angeschnallt, denn klassische Halterungen drohen auf den Trails zu brechen und zudem fixieren Riemen die Taschen besser am Rad. (Allerdings haben Salsa und Specialized jetzt auch Taschen mit Clip-befestigung auf den Markt gebracht.) Zudem sind je nach Befestigungsart die Taschen auch höher am Rad gebaut. Das gibt genügen Bodenfreiheit auf den Trails und Pisten.

Tatsächlich weisen die Bikepacking Taschen eine erstaunliche Stabilität auf. Richtig montiert und geschnürt wackelt da nix. Der Nachteil: das Abbauen der Taschen ist mitunter recht fummelig (abhängig von der Marke und Typ). Daher lässt man dann meist die Taschen einfach am Rad.

Radreisen

Beim Radreisen geht es ja vornehmlich auf normalen Straßen und Wegen voran (ja, manchmal auch auf üblen Pisten und über Stock und Stein). Und hier geht es um das Reisen über mehrere Wochen, Monate oder Jahre, bei dem eben der Hausstand komprimiert am Rad mitgeführt wird, aber immer noch in einem Umfang, der durchaus komfortorientiert ist.

Die Taschen dafür sind dann meist am Gepäckträger und Lowrider und Lenker befestigt und werden über ein starres Hakensystem An- und Abgehängt. Das funktioniert wunderbar einfach und so lassen sich die Taschen immer bequem abnehmen.

Mein Reiserad mit Taschen-Six-Pack

Mein Reiserad mit Taschen-Six-Pack

Die Fixierung der Taschen an den Gepäckträgern ist für den normalen Straßeneinsatz ausgelegt. Da wackelt nix. Auf der Piste kann es allerdings dazu kommen, dass die Taschen sich heftiger bewegen, ggf. sogar abspringen, oder die Haken sich lösen.

Klingt jetzt schlimmer, als es meist ist. Allerdings liegen die Taschen am Reiserad manchmal tiefer (je nach Transportart), was gerade bei den LowRidern manchmal dazu führt, dass auf Pisten die Taschen am Boden oder der Seite aufsetzen.

 

Bikepacking, Radreisen oder beides?

Wenn man es so beschreiben möchte:

Bikepacking ist der Geländewagen, Radreisen das Wohnmobil oder der Camper!

Es sind also zwei unterschiedliche Konzepte, die sich aber auch kombinieren lassen. So gibt es auch Bikepacking-Bikes mit Lowrider oder Reiseräder mit Bikepacking-Taschen.

Aber das ist ja auch das Schöne: diese Vielfalt an Möglichkeiten und Kombinationen lassen sich auf jede Art von Tour anpassen. Und somit hat das Bikepacking eine neue Vielfalt in das Radreisen gebracht.

Egal wie - Hauptsache dreckig! ;-)

Egal wie – Hauptsache dreckig! 😉

Und am Ende ist es ohnehin egal, wie und auf was man radelt:

Hauptsache man fährt raus und genießt seine Tour!

Ich bin gerade am Überlegen, ob ich meine Patagonien-Tour im kommenden Jahr nicht im Bikepacking-Stil fahren soll. Auf der Carterra Austral geht es vornehmlich auch auf unbefestigten Wegen durchs Land und gerade zwischen Chile und Argentinien muss ich auch klettern. Das lässt sich vermutlich alles besser mit einem Mountainbike machen, geht aber natürlich auch mit einem klassischen Reiserad.

Letztendlich ist es eine Frage des Packmaßes für den Transport des Rades und der Ausrüstung nach Chile und dann dort auch die Frage, ob ich meine Ausrüstung für 3 Wochen in den Bikepacking-Stil komprimieren kann.

Das Surly ECR im Aufbau von Logan Watts © Screenshot Bikepacking.com

Das Surly ECR im Aufbau von Logan Watts © Screenshot Bikepacking.com

Momentan habe ich mich etwas in das Surly ECR verguckt, und zwar in einer Zusammenstellung wie von Logan Watts, der so durch Afrika gefahren ist. Da war es natürlich eher trocken, aber das Rad bietet ja noch etwas Platz für Klamotten für den patagonischen Regen 😉

Das Bikepacking auch für gestandene Reiseradler attraktiv ist, zeigt Pushbikegirl Heike, die nach einem Unfall, bei dem ihr Rad zerstört wurde, nun auf den Bikepacking-Stil wechselt und nach 3 Jahren im klassischen Stil nun (hoffentlich bald) ihre Reise auf einem Surly Troll mit Bikepacking Taschen fortsetzen wird. Ich bin in jedem Fall gespannt, was sie dazu sagt und welche Erfahrungen sie macht.

 

Und wie seht ihr das mit dem Bikepacking? Trend, oder interessante Ergänzung?

6 Comments

  • Sebastian sagt:

    Schöner Artikel. Ich habe das Thema momentan auch für mich entdeckt und finde es faszinierend. Warum eigentlich? Ich finde der Übergang zwischen Radreise und Bikepacking ist fließend. Bei meiner letzten Tour habe ich einfach mal aussortiert und Dinge die ich nicht unbedingt brauche zu Hause gelassen. Dadurch konnte ich sogar 2 Taschen weglassen was ebenfalls Gewicht gespart hat. Dann merkt man, dass man vielleicht nicht unbedingt das stabilste (und schwerste) Rad braucht und so kann man ebenfalls wieder an Gewicht sparen. Und plötzlich machen Trails etc. mit dem weniger an Ballast mehr Spaß. Ich werde das Bikepacking auf jeden Fall weiterverfolgen. Und schöne Räder gibt es dafür auf jeden Fall auch. 😉

  • Heike sagt:

    Ich bin auch sehr gespannt wie das wird !!! 😉
    Aber ich glaube das wird genial !!!
    LG Heike

  • Franzi sagt:

    Guter Artikel!!!! Wir sind gerade dabei in den naechsten zwei Wochen, vom Camper auf den Gelaendewagen umzuruesten. Wir mussten nach ein paar tausend Kilometer feststellen, dass wir lieber auf Trails als auf Highways fahren.
    Wir finden die Entwicklung super, obwohl natuehrlich das jeder fuer sich entscheiden muss. Luxus oder Gewicht? Das ist ein ganz persoenliche Frage. Ich bin gespannt wie sich der Trend um das Thema Dirt Touring weiter entwicklet und was da so noch auf den Markt kommt.

  • ingo sagt:

    Schöner Artikel … und ja, Bikepacking ist natürlich erstmal ein Marketinggag, wahrscheinlich erfunden von amerikanischen Fahrradherstellern die die Seite Bikepacking.com gestartet haben, ähnliches versucht ja auch Ortlieb mit Bikepacking.info .
    Der Unterschied zwischen Bikepacking und Biketouring erklärt ja schon die Bezeichnung. Wenn ich zum Beispiel eine Wochenendtour vorhabe (von Hamburg an die Nordsee und zurück) dann packe ich beim Biketouring meine Sachen in mein Ortlieb Rackbag, schnalle das längs auf meinen Gepäckträger und düse los mit meinem Mountainbike.
    Anders Bikepacking, ich beschäftige mich erstmal damit ein halbes Dutzend kleiner Taschen am Rad zu befestigen, und nach dieser Fummelei beginne ich damit meine Sachen auf diese Täschchen zu verteilen (Bikepacking halt ;o) ). Wenn ich dann durchs Gelände düse und an einen Bach komme (konnte ich mir nicht verkneifen) den ich durchqueren muss stelle ich fest das ein Framebag eine ziemlich bescheuerte Sache ist weil ich das Rad nicht mehr einfach schultern kann.
    Egal, alles was die Leute weg von der Couch und dem TV in die Natur lockt kann nicht falsch sein, aber wie immer, etwas darüber nachdenken schadet nie.

    Gruss Ingo

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