Ein alter Freund – Unterwegs im Weserbergland

Ein alter Freund - Unterwegs im Weserbergland

Im Herbst 1989 schrauben in einem Keller in Leipzig Connewitz zwei Schulfreunde an ihren Fahrrädern, während draußen die Montagsdemos stattfinden, die Mauer fällt und eine neue Welt aufgeht. Der eine ist Stephan, der andere ich. Und wir sind wild entschlossen, die neue Freiheit auf unseren Fahrrädern zu entdecken.

Und wir sind uns sicher: Mit diesen Rädern hier im Keller kommen wir doch locker bis in die Alpen. Ach was, bis nach Venedig! Und so führte uns unsere erste Radreise tatsächlich von Leipzig nach Venedig und weiter über Frankreich und Benelux zurück nach Deutschland.

Und sie war der Beginn einer nun fast schon lebenslangen Leidenschaft: dem Reisen mit dem Fahrrad durch die Welt. In den folgenden Jahren sind wir zusammen nach Marokko geradelt, zum Nordkapp, in den Nahen Osten, durch Syrien nach Jerusalem und 1998 dann nach Indien. 114 Tage waren wir damals unterwegs, durch die Ukraine, Russland, Kasachstan nach China, illegal durch Tibet nach Lhasa, Nepal und schließlich nach Mumbai in Indien.

Stephan und ich 1998 irgendwo in Kasachstan auf dem Weg nach Tibet

Damals gab es das relativ neue Internet und wir bekamen die Möglichkeit, eine Website für unsere Reisen zu eröffnen:

Biketour-Global war geboren.

Mit unserer „Transasien – Mit dem Fahrrad von Leipzig nach Mumbai“ Tour sind wir dann zusammen auf Dia-Show Tournee gegangen. Mit drei Diaprojektoren und Soundanlage zogen wir durch Deutschland und erzählten von unseren Erlebnissen.

Danach trennten sich unsere Wege und wir zogen jeder für sich alleine weiter. Stephan wurde Vater und ich begann alleine Radreisen zu machen und fuhr im Jahr 2000 alleine durch die Sahara nach Timbuktu. 2003 trafen wir uns noch mal zu einer kleinen Tour von Leipzig ins Baltikum. Anschließend verfolgte Stephan sein Physik-Studium und Promotion und zog später in die USA, um dort zu lehren.

Unterwegs im Weserbergland

Auch ich studierte, begann zu arbeiten und blieb beim Radreisen. Alleine radelte ich weiter durch die Welt: Norwegen, Marokko, Vietnam, Ruanda/Uganda, Island, Kaukasus und Patagonien. Dann begann ich mit dem Bikepacking (Kenia/Tansania und Tuscany Trail) und dem Fokus auf Ultra Endurance Rennen (Atlas und Silk Road Mountain Race).

Der Kontakt zu Stephan riss irgendwann ab und wir verloren uns aus den Augen.

Wir spulen vor – 20 Jahre später im Frühjahr 2022: Ich war bei meinen Eltern in Leipzig zu Besuch und bei einem Spaziergang in unserer alten Wohngegend auf dem Leipziger Scherbelberg begegneten wir uns plötzlich wieder. Stephan war wieder in Deutschland und arbeitete nun in unserer alten Heimatstadt.

Mit Stephan auf Tour

Und nach vielen Jahren ohne viel Fahrrad in seinem Leben, hatte es sich wieder in sein Herz geschlichen und ist fester Bestandteil seines aktiven Alltags geworden. Und so sind wir unmittelbar nach der ersten Wiedersehensfreude eine Runde in der Leipziger Seenlandschaft gefahren, er auf seinem Specialized Diverge Gravelbike und ich auf dem alten Trekkingrad meines Vaters.

Und es war, als ob keine Zeit vergangen ist: Löwi und Moschi auf gemeinsamer Fahrt. Und so verabredeten wir uns spontan für eine gemeinsame Tour im Sommer. Und wenig später stand fest: der Orbit360 im Weserbergland sollte es werden.

Enjoy Your Orbit

Denn Stephan hat die Orbit360 für sich als Motivation entdeckt und beschlossen, so viele als möglich zu fahren. Und so kam es, dass er auch der erste Fahrer war, der in diesem Jahr die 8 Orbits gefinished hat. Insgesamt ist er 10 dieser anspruchsvollen Gravelrunden in Deutschland gefahren. Eine beachtliche Leistung und ich bin richtig stolz auf meinen alten Freund. Denn wer schon mal nur einen Orbit gefahren ist, der weiß, dass es schön, aber auch anstrengend ist.

Pause am Wegesrand im Saupark

Und Mitte August war es dann soweit: Bei größter Hitze trafen wir uns in Bad Nenndorf, um dort gemeinsam auf das Abenteuer Enjoy your Orbit zu gehen. Dan Miesen von Enjoy your Bike hat hier eine 250km lange und 5.000 Höhenmeter „hohe“ Tour gebaut, die landschaftlich sehr schön ist und auch sehr gut gescoutet wurde.

Orbit Arbeitsgerät

Der Orbit führt durchs Weserbergland, den Deister, Saupark, Ith, Rühler Schweiz und an der Weser entlang. Und er hat es echt in sich: wenig Asphalt und viele Waldwege und Schotterpisten. Aber immer fahrbar und technisch nicht herausfordernd. Eigentlich eine angenehme Runde, wenn es nicht so viel und oft hoch gehen würde.

Hui

Je nach Gebirge und Gegend waren es mal steile Rampen, mal kurvenreichere Aufstiege. Mit Bad Nenndorf haben wir uns einen guten, aber auch anspruchsvollen Startort ausgesucht. Denn hier beginnt der Kletteranteil des Orbits, wie man im Höhenprofil sehen kann.

Es geht ordentlich hoch

Auf den dann folgenden 120km müssen über 3.000 Höhenmeter überwunden werden. Das ist auch ohne Hitze eine Herausforderung, weshalb wir viel klettern und teilweise auch schieben mussten.

Ein umgefallener Baum! Da wäre die Tour fast vorbei gewesen!

Besonders hoch ging es dabei aber nicht hinaus: bei 440m war Ende. Für die Höhenmeter sorgten aber die vielen Auf und Abs, die vor allem mit etwas Gepäck und im Gelände dann entsprechend herausfordernd sein können.

Stephan unlimited!

Allerdings waren wir nicht im Race Modus unterwegs, sondern als alte Freunde mit ihren Rädern auf Tour. So quatschten wir oft und erzählten von den Jahren, die wir uns nicht gesehen hatten. Außer am Berg, denn da musste Stephan nämlich atmen. 🙂

Wunderbar!

Aber die Landschaft und Natur entschädigten für die schweißtreibende Arbeit: Die Route führte hauptsächlich durch den Wald, was Schatten und etwas Abkühlung brachte. Sobald man aber das schützende Dach verließ, war man der brennenden Sonne ausgeliefert. Entsprechend viel haben wir auch getrunken und mein Trinkrucksack hat sich wieder mal bewährt.

Wie heiß war es? Ja!

Stephan suchte Abkühlung bei einer Badepause, ich bei einer Portion Pommes, bevor wir die letzten Steigungen hinunter an die Weser nahmen. In der Abenddämmerung rollten wir auf dem Weser Radweg und schlugen wenig später unser Nachtlager in einer der Rasthütten am Ufer auf. Ein herrlicher Sonnenuntergang, ein leuchtender Vollmond, eine angenehme Kühle und zwei Bier machten den Abend dann wunderbar.

Abendstimmung an der Weser

Der nächste Tag sah dann nur noch 800 Höhenmeter vor und so rollten wir frohen Mutes in der Morgensonne entlang der Weser. Beeindruckend fand ich das AKW Grohnde bei Hameln, dessen gigantische Kühltürme die Landschaft prägten.

AKW Grohnde

Bei Schaumburg hieß es dann wieder klettern und es ging zurück in die Berge. Und das durchaus steil: bis zu 19% mussten hier überwunden werden. Doch dann wartete das Steinhuder Meer (ein fürchterlicher Ort mit all den Badegästen) und nach weiteren Kilometern erreichten wir dann wieder Bad Nenndorf.

Am Ende standen 250km und 5.020 HM auf der Uhr. Es war eine tolle Fahrt, eine wunderbare Zeit mit Stephan und ein schönes gemeinsames Erlebnis. Und ein bisschen war es wie früher und wir machen das bestimmt noch mal. Und vielleicht gehen wir auch wieder mal auf eine längere gemeinsame Tour. So wie früher vor 20 Jahren…

Löwi & Moschi
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3 Comments

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  1. says: Frank Hinsche

    Einer guten Freundschaft können Jahre nichts anhaben. Man trifft sich und auf einmal ist alles wie früher. So, als ob nichts gewesen wäre.
    Eine schöne Geschichte die hoffentlich eine Fortsetzung haben wird.

  2. says: Olaf

    Steinhuder Meer – ein furchtbarer Ort???

    Nunja, für mich ist es ein wenig Urlaubsstimmung quasi vor der Haustür,
    ein Vogelparadies, das ständige wchöne Foto.otive bietet – aber ich gebe zu, im Sommer am Wochende durchaus überlaufen. Die Runde um den See fahre ich auch lieber unter der Woche oder bei weniger perfektem Wetter…