Reiseradler Interview #44: Carsten Grüttner von Bikeload.com

Reiseradler Interview #44 mit Carsten von Bikeload.com

Carsten ist Rechtsanwalt, Kampfsportler, Coach, Vortragsredner und vor allem Radreisender. 2013 machte er eine Radreise um die Welt und ist seitdem immer wieder mit dem Rad unterwegs. Das war allerdings nicht seine erste Tour, denn Carsten ist seit 1997 mit dem Radreise-Virus infiziert und berichtet darüber auf seiner Seite Bikeload.com und in seinen Vorträgen. Carsten ist mir aufgefallen als er auf Sri Lanka mit einem Fatbike unterwegs war, das er sich vor Ort gekauft hatte, da sein Rad irgendwie in Deutschland liegen geblieben war. Zuletzt war er in Japan und hat wie immer tolle Bilder mitgebracht. Nun aber macht er kurz Pause und ist zu Gast beim Reiseradler Interview: Herzlich willkommen!  

 

Carsten Grüttner // @Bikeload.com

Zum Warmwerden: Wie bist Du zum Radfahren gekommen?

Mit dem Rad bin ich schon als Kind zur Schule gefahren; als Reisefahrzeug habe ich das Rad vor 20 Jahren entdeckt. Was anfing mit kurzen Touren und Übernachtungen in vorgebuchten Hotels hat sich für mich zu einer immer freieren Form des Reisens mit Zelt und Schlafsack entwickelt.

Carsten in Tibet // Bikeload.com

 

Zum Verstehen: Ein Jahr mit dem Rad um die Welt – was war die Motivation zu dieser Reise?

Meine Radtouren waren über viele Jahre ein Ausgleich für einen stressigen Job; gleichzeitig reiste der Job in Form von Laptop / Handy und ständiger Erreichbarkeit ständig mit. Nach 15 Jahren hatte ich den Wunsch einmal richtig rauszukommen, ohne an die Arbeit zu denken und gleichzeitig den Kopf für die Entscheidung freizubekommen, was ich in meinem Leben verändern wollte.

In Bolivien // @Bikeload.com

 

Zum Erfahren: Was hat Dich am meisten unterwegs beeindruckt?

Die Offenheit und Freundlichkeit mit der mir Menschen auf der ganzen Welt begegnet sind, obwohl ich für sie völlig fremd war.

Beeindruckende Offenheit und Freundlichkeit // @Bikeload.com

 

Zum Träumen: Wo warst du zuletzt und wo musst Du unbedingt noch hin?

Zuletzt war ich in Hokkaido/Japan; eine mich nachhaltig beeindruckende Reise in einer so ganz anderen Kultur des wertschätzenden Umgangs. Traumziele sind für mich noch Myanmar und die Mongolei.

 

Zum Nachmachen: Wie hast Du Dich vorbereitet und welche Tipps hast Du (für unterwegs)?

Für die Weltreise habe ich mich 6 Monate vorbereitet; es ging mir vor allem darum eine Auswahl von teils sehr fernen Ländern zusammenzustellen, die zum Bereisen mit dem Rad mehr Zeit benötigen, als man bei einem normalen Urlaub erübrigen kann. Herausgekommen sind Ziele wie z.B. Alaska, Australien und Bolivien. Mein Tipp für alle Reisen mit dem Rad: eine ungefähre Strecke ausarbeiten, die die eigene Fitness und persönlichen Interessen (Sehenswürdigkeiten/Sicherheit/Nebenstrecken, etc.) berücksichtigt und einen Vorfreude entwickeln lässt und gleichzeitig unterwegs flexibel für Abweichungen bleiben; denn „anders als geplant“ ist Teil des Abenteuers und der Regelfall des Lebens.

@Bikeload.com

 

Zum Leben: Du bist alleine unterwegs – was sind deine Tipps fürs Solo-Radreisen?

Wenn mein Kumpel Christof, mit dem ich seit nunmehr 20 Jahren als eingespieltes Team regelmäßig Radreisen unternehme, keine Zeit hat, dann bin ich tatsächlich meist allein unterwegs. Wer sich unsicher ist, ob das Alleinreisen für ihn/sie etwas ist, dem empfehle ich mal einen Kurztrip ab der eigenen Haustür zu machen, auf diese Weise ein paar Tage unterwegs zu sein und das auf sich wirken zu lassen. Damit man nicht nur „Bäume zählt“ bin ich auf Alleinreisen immer mit Hörbüchern unterwegs.

Herrliche Landschaft in Bolivien // @Bikeload.com

 

Zum Fahrrad: Stell es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an Deinem Rad dran?

Mein Fahrrad hat einen Velotraum-Stahlrahmen ohne Federung, 26 Zoll Rigida Laufräder, SON-Nabendynamo und Frontleuchte, Rohloff Schaltung mit Kette, Brooks Sattel, Gepäckträger von Tubus und V-Brakes. Kein Leichtgewicht mit ca. 17 kg; aber grundsolide, auch bei schwerer Beladung. Eventuell würde ich bei einem neuen Kauf eher mechanische Scheibenbremsen nehmen; ansonsten empfinde ich mein Rad auch nach 10 Jahren und ca. 50.000 km nach wie vor als ein für mich optimal ausgerüstetes Reiserad.

Carsten und sein Rad // @Bikeload.com

 

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Insgesamt hatte ich sehr wenig Pannen und keinen einzigen Komplettausfall. Nur in Bolivien war die deutlich höhere Zahl an platten Reifen kritisch. Eigentlich kein Problem; die Kombination von sehr holprigem Gelände und schwerer Zuladung (zeitweise zusätzlich 10 Liter Wasservorrat) führte aber zu Ventilabrissen und drohte die Tour entlang der Langunenroute zur beschwerlichen Wanderung zu machen, weil es unterwegs keine Ersatzteilversorgung gab. Zum Glück bin ich mit dem letzten Schlauch doch noch zurück nach Chile gekommen. Ansonsten ist mir in Japan der Flansch an der Speichenaufhängung der Rohloff gebrochen; da hat mir der Service von Rohloff zum Glück schnell und unbürokratisch geholfen; und das weit außerhalb der Garantiezeit.

Recht kühl bei der Radreparatur in Bolivien // @Bikeload.com

 

Zum Lernen: Was hast du unterwegs immer dabei und auf was kannst du gut verzichten?

Grundsätzlich passe ich die Ausrüstung immer stark ans Land an, so dass das sehr variiert. Immer dabei habe ich meinen Laptop (weil ich unterwegs oft arbeite), meine Kamera, GoPro, Mobiltelefon (auch als GPS-Ersatz), mindestens einen Ersatzschlauch, Luftpumpe, Multitool-Werkzeug, Wasserfilter und meine Edelstahl Trinkflaschen (damit ich unterwegs keine Plastikflaschen kaufen muss). Gut verzichten kann ich auf eine umfangreiche Kochausrüstung, weil ich weder Talent noch Geduld zum vielseitigen Kochen habe 😉 Ansonsten verzichte ich inzwischen auf ein schweres Schloss, weil ich entweder versteckt zelte oder das Rad mit ins Hotel nehme. Das spart ordentlich Gewicht.

Das ist nicht Carsten, sondern ein Bär in Alaska. // @Bikeload.com

 

Zum Wissen: Die Komfortzone verlassen, um Neues zu lernen – wie kann eine Radreise das eigene Leben bereichern und warum ist es gut auch mal über die eigenen Grenzen hinwegzugehen?

Auf individuellen Radreisen, bei denen man auch mal die Hauptstrecken verlässt, sich in unbekanntes Gelände begibt, sich mit anderen Kulturen auseinandersetzt ist es fast unvermeidlich, dass nicht alles so läuft wie zu Hause und dass es Phasen gibt, in denen man physisch und/oder psychisch außerhalb der eigenen Komfortzone unterwegs ist. Wie man damit umgeht, lernt Situationen anzunehmen, flexible Lösungen und Kompromisse zu finden, Durchhaltevermögen sagt mehr über einen aus als der Umgang in einem vielfältig abgesicherten Alltag zu Hause. Ein regelmäßiges, maßvolles Verlassen der eigenen Komfortzone führt unweigerlich zu einem Trainingseffekt, der uns auch für unser Leben im Alltag stärkt und gegenüber Veränderungen offener und stärker macht. Im Idealfall gestalten wir so unser Leben mehr als uns gestalten zu lassen.

Zeltplatz mit Ausblick // @Bikeload.com

 

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Darauf habe ich nur eine Antwort, die ich als Jurist oft meinen Mandanten gebe: „Es kommt darauf an!“ 😉 Beides kann sehr herausfordernd sein. Wer der Entschluss einmal gefällt hat loszufahren, der denkt, vorausgesetzt man lässt keine unbearbeiteten Krisen zurück, eher nach vorn, weil die Gedanken viel zu sehr um die bevorstehende Reise kreisen und dann fügt sich viel zusammen. Das Wiederkommen dauert gefühlt meist länger; je klarer der eigene Plan ist, wie es nach der Rückkehr weitergehen soll, je einfacher wird es!

Strandplatz in Australien // @Bikeload.com

 

Zum Abschluss: Was ist als Nächstes geplant?

Myanmar

 

Hier findet ihr mehr über Carsten, seine Vorträge und Radreisen:

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