Reiseradler-Interview #19: Sebastian von Cycling Far

Sebastians Fahrrad auf dem Ak-Baital Pass (4655m) im tadschikischen Pamir-Gebirge © cyclingfar.wordpress.com

Am Anfang war es nur eine Linie, die Sebastian sah, als er wieder mal träumend auf seine Weltkarte an der Zimmerwand blickte: Sie führte von Deutschland quer durch Südosteuropa, Anatolien, Zentralasien nach Westchina und Südostasien. Der Ferne Osten lockte und Sebastian folgte diesem Ruf nach seinem Studium und fuhr von Bayern nach Hanoi. Nach 217 Tagen und 14.500 Kilometern erreichte er die vietnamesische Pazifikküste, verkaufte spontan sein Fahrrad an einen Taxifahrer aus Hanoi und kam rechtzeitig zum Reiseradler-Interview nach Deutschland zurück.

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Zum Warmwerden: Wie bist Du zum Radreisen gekommen?

Es war eine sehr graduelle Annäherung. Die Idee, lange Reisen mit dem Rad zu machen, möglicherweise sogar vor der eigenen Haustür startend, langsam in immer fernere Länder zu gelangen, hatte für mich immer etwas sehr romantisches. Vor ein paar Jahren radelte ich dann mit einem Freund innerhalb eines Tages 160 Kilometer von unserem Heimatstädtchen nach Würzburg. Das bestätigte mir, dass ich in der Lage bin, Tagesstrecken von 100 Kilometern und mehr mit dem Rad zurückzulegen. Der nächste Schritt war dann eine gut einwöchige, 900 Kilometer lange Tour von Sylt nach Bayern, auf der ich das erste Mal mit voller Campingausrüstung auf Radreise ging. Es folgten zwei mehrwöchige Touren durch Marokko und Skandinavien und dann letztes Jahr die große Fernost-Tour von Deutschland quer durch Asien nach Hanoi.

Zum Träumen: Wo warst Du schon überall und wo musst Du unbedingt noch hin?

Mit dem Rad war ich bisher in Deutschland, Marokko, Skandinavien, Südosteuropa und quer durch Asien (Türkei, Iran, die Stan-Staaten, China und Vietnam) unterwegs. Irgendwann möchte ich unbedingt mal nach Südamerika. Besonders die Anden und der tiefe Süden in Patagonien und Feuerland, aber auch der karibische Teil im Norden, stehen weit oben auf meiner „Liste“. Und von dort aus ist es dann auch nicht mehr weit ins westliche Nordamerika, wo ich mir sehr gut eine Tour vom Süden Kaliforniens durch den Westen der USA und Kanada nach Alaska vorstellen kann. Irgendwann.

Zum Nachmachen: Welches Land kannst Du empfehlen und warum?

Marokko und die Türkei sind für mich geniale Länder zum Radreisen: die Leute sind offen und gastfreundlich, die Straßen auch in abgelegenen Gegenden meist gut, die Landschaft beeindruckend, das Essen lecker und günstig, die Kultur reich und exotisch.

Zurecht unglaublich beliebt unter Radreisenden sind auch die zentralasiatischen Länder Tadschikistan und Kirgisistan. Sie sind mit vielen (teils extrem) rumpligen Straßen und schlechter Versorgungslage, was Essen aber beispielsweise auch Ersatzteile betrifft, eher nichts für reine Genussradler. Wer es trotzdem auf sich nimmt, radelt durch monumentale Hochgebirgslandschaften, mit Gletschern, Jurten und tiefblauen Seen und lernt die Kultur und die (freundlichen) Menschen einiger der entlegensten und wenig-bereisten Länder der Welt kennen.

Meine größte Empfehlung aber bekommt Tibet. Ich war nie in der sogenannten Autonomen Region Tibet, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man die faszinierende Kultur der Tibeter dort noch besser erleben kann, als in den tibetisch dominierten Gebieten, die außerhalt der Autonomen Region in den chinesischen Provinzen Qinghai, Sichuan und Yunnan liegen. Wenn man dort als Radfahrer den schlammigen Straßen, dem harschen Wetter und den vielen Klettereien auf die hohen Pässe trotzt, erlebt man ein Land voller goldener Klöster, rotgekleideter Mönche, zotteliger Yaks und herzlicher, tief in ihrer Religion und Kultur verwurzelter Menschen.

Zum Erfahren: Was hat Dich am meisten unterwegs beeindruckt?

Am meisten beeindruckt haben mich sicherlich die Offenheit der Menschen gegenüber Fremden und ihre Gastfreundschaft, besonders in den islamischen Ländern Zentralasiens. Es ist eine ganz andere, viel positivere Einstellung gegenüber Fremden, als man sie bei uns findet. Ich bin überzeugt, dass wir Europäer in dieser Hinsicht viel von diesen Leuten lernen können. „Hosgeldeniz. Welcome to Turkey!“ Ein einfacher Satz, den ich in diesem Stil nicht nur in der Türkei fast täglich hörte und der mich tatsächlich als willkommener Gast und nicht als geduldeter Fremder fühlen ließ.

Frühstück bei iranischen Bauern © cyclingfar.wordpress.com

Frühstück bei iranischen Bauern © cyclingfar.wordpress.com

Von der iranischen Gastfreundschaft ganz zu schweigen, die einen als Europäer durchaus mit Scham erfüllen kann. Mir wurden regelmäßig von völlig Fremden Essen, Trinken und/oder Unterkunft angeboten. Diese Herzlichkeit und Offenheit gegenüber Fremden in Ländern, die wir oft eher mit Gewalt, Terror und einer gewissen kulturellen Zurückgebliebenheit verbinden, hat mich schon tief beeindruckt.

Zum Leben: Bist Du lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

Auf meiner Fernost-Tour war ich solo unterwegs. Es gibt dir viel Freiheit: du entscheidest über Tempo, Route und Zeitplan. Als Einzelreisender ist man auch offener für Begegnungen und gleichzeitig für die Einheimischen leichter zugänglich als eine Gruppe. Das Alleinreisen ist intensiver, aber dadurch sicherlich auch anstrengender.

Es ist sehr angenehm, auch mal die Verantwortung an den Reisekumpanen abgeben zu können: ihm/ihr die Orientierungsarbeit oder die Suche nach einem Zeltplatz überlassen zu können, wenn man mal einen schlechten Tag hat. Und auch nicht immer alle Entscheidungen selbst treffen zu müssen ist ein kleiner Luxus. Nicht nur deswegen habe ich mich auf meiner Soloreise immer sehr gefreut, wenn sich die Gelegenheit geboten hat, mal für ein paar Tage mit einem anderen Radler unterwegs zu sein, den ich unterwegs getroffen habe. Wenig habe ich auf der Tour mehr genossen, als meine Erfahrungen mit anderen Reiseradlern auszutauschen, mit ihnen zu fachsimpeln oder gemeinsam zu campen.

Zum Fahrrad: Stell es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an Deinem Rad dran?

Ich bin alle meine bisherigen Reisen mit einem ganz normalen Mountainbike gefahren, einem Giant Terrago 1 (Neupreis 700€), das ich reisetauglich um- und ausgebaut habe. Hinten drauf ist ein verlässlicher Tubus Cargo, vorne musste ich ein bisschen tüfteln: auf die RockShox-Federgabel passte nur ein Träger des US-Herstellers Old Man Mountain, den ich extra über einen holländischen Händler importieren musste.

Am Lenker habe ich eine Rixen&Kaul-Tasche mit KlickFix-Halterung (genial!). Dazu ein Satz Hybridreifen (Schwalbe Hurricane und später Schwalbe Marathon Tour Plus), für geringen Rollwiderstand auf Teerstraßen und einem gewissen Halt auf Pisten. Zudem ergonomische Lenkergriffe, damit die Hände auf langen Touren nicht völlig taub werden, ein Ständer (macht das Leben leichter, besonders in baumarmen Ländern!) und Schutzbleche.

Sebastians Fahrrad auf dem Ak-Baital Pass (4655m) im tadschikischen Pamir-Gebirge © cyclingfar.wordpress.com

Sebastians Fahrrad auf dem Ak-Baital Pass (4655m) im tadschikischen Pamir-Gebirge © cyclingfar.wordpress.com

Das Rad ist aber mittlerweile im Ruhestand. Ich habe es am Ende meiner Fernost-Tour an einen vietnamesischen Taxifahrer verkauft. Es hatte ca. 20.000 Tourenkilometer und nochmal etwa 10.000 Kilometer ohne Gepäck hinter sich. Mein nächstes Rad wird dann aber wohl doch ein ausgesprochenes Reiserad werden, hauptsächlich weil Federgabel und Aluminiumrahmen auf langen Reisen einen zu hohen Risikofaktor hinsichtlich Pannen darstellen.

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Von schweren Pannen der Kategorie Felgenbruch oder schlimmer bin ich bisher verschont geblieben. Dafür hatte ich auf meiner Fernost-Tour im Schnitt mehr als einen Platten pro 1.000 Kilometer und habe auf der gesamten Strecke sechs Mäntel zugrunde gerichtet, also etwa einen alle 2.500 Kilometer. Da es immer der Mantel am Hinterreifen war, der kaputt gegangen ist, indem er meist seitlich an der Felge aufriss, nehme ich an, dass meine Felge die Probleme verursacht hat.

Nicht wirklich eine Panne, aber zum Mitfühlen, sind die vielen Magen-Darm-Probleme, die ich auf meinen Touren hatte. In Marokko und auf der Fernost-Tour hatte ich etwa einmal im Monat (Brech-)Durchfall. In manchen Fällen, z.B. als ich in Usbekistan unbehandeltes Wasser aus einem Brunnen getrunken habe, war ich wohl selbst schuld, aber oft kann man es nicht vermeiden, denn auf Essen und Trinken kann man auch in Ländern mit niedrigen hygienischen Standards nicht verzichten. Mein Magen scheint einfach nicht der widerstandsfähigste zu sein…

Zum Wissen: Dein ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Ich denke, das ultimative Geheimnis langer Radreisen spiegelt sich in einem Zitat von Paul Theroux wider:

„What I find is that you can go almost everywhere if you’re not in a hurry.”

Man benötigt keine Superkräfte, um Länder und Kontinente mit dem Fahrrad zu durchqueren, sondern neben Motivation, Willenskraft und gesundem Menschenverstand vor allem eines: Zeit. Ein Tagesschnitt von gerade mal 60 Kilometern bringt dich in einem Jahr über 20.000 Kilometer weit!

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Ich glaube beides kann schwer sein, oder auch nicht. Das Losfahren an sich ist nicht schwer – im Gegenteil: was könnte leichter sein, als nach all den Vorbereitungen und Träumereien endlich auf den Sattel zu steigen und loszufahren? Ein Gefühl unendlicher Freiheit – die Welt liegt sprichwörtlich vor deinem Vorderreifen. Schwer wird es natürlich, wenn Abschiede für lange Zeit involviert sind.

Auch das Wiederkommen habe ich nie zu schwer genommen. Ich denke, es ist wichtig, dass man nach der Reise gleich ein neues Projekt in Aussicht hat, z.B. ein Studium anzufangen, ein Buch zu schreiben, sich ein Leben in einer neuen Stadt mit einem neuen Job aufzubauen etc. Wenn man nicht weiß, wie es nach der Reise weitergeht, kann das Wiederkommen schwer sein und man selbst fällt in ein Loch. Ich selbst lerne während einer langen Radreise immer das zu schätzen, was man unterwegs nicht hat und freue mich darauf, wenn ich wiederkomme: Ein sauberes, weiches Bett, Familie und Freunde, Leute die meine Sprache sprechen usw.

Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Als nächstes zieht es mich vermutlich nach Süd- oder Nord-Amerika. Da ich gerade erst von einer langen Reise zurück bin, ist noch nichts Konkretes geplant. Aber für eine kleinere Reise von drei bis vier Wochen schwirrt mir Kuba schon länger im Kopf herum, weil ich es mir landschaftlich und politisch-gesellschaftlich extrem interessant vorstelle.

Mehr über Sebastian gibt es hier:

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