Reiseradler-Interview #16: Annika und Roberto von tastingtravels.com

Die Tasting Travels Räder © www.tastingtravels.com

Annika aus Deutschland und Roberto aus Mexiko reisen seit drei Jahren mit dem Fahrrad durch die Welt. Ihr Ziel: für das Radreisen werben, denn es ist die beste Möglichkeit, fremde Länder, Kulturen und Menschen kennen und verstehen zu lernen und dadurch das soziale Mitgefühl zu stärken. Dafür haben sie das Projekt „Tasting Travels“ ins Leben gerufen. Sie sind auf Tour und „probieren“ ein bisschen von allen Kulturen: ein paar Tage Ramadan in Malaysia, Angeln in der Donau in Ungarn, Übernachten in einer Jurte in Kirgisistan, heimliches Salsa Tanzen im Iran, Kälber nach Hause treiben in Usbekistan, tausend Tassen Tee in der Türkei… Mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen möchten sie anderen Menschen helfen, selbst eine Radreise in Angriff zu nehmen. Und wem das nicht möglich ist, dem bringen sie durch ihre Geschichten und Erlebnisse die Menschen und Kulturen anderswo näher. Sie radeln, weil es ihnen gefällt, wie nah man so ans Alltagsleben der Leute herankommt und neue Kulturen entdecken kann. Auch in diesem Interview lässt Annika uns die Welt aus einem anderen Blickwinkel erleben – los geht’s!

Annika und Roberto beim thailändischen Neujahrsfest in Nong Khai © www.tastingtravels.com

Annika und Roberto beim thailändischen Neujahrsfest in Nong Khai © www.tastingtravels.com

Zum Warmwerden: Wie seid ihr zum Radreisen gekommen?

Ich habe 2006 auf einem Campingplatz in Griechenland meinen ersten Reiseradler gesehen. Ich war damals zum ersten Mal allein mit Zelt und Rucksack unterwegs und konnte kaum glauben, was der dünne junge Mann, der kaum einen Satz Englisch sprach, da alles auf seinem Rad mit sich herumschleppte. „Das könnte ich nie“, sagte ich ihm damals. Roberto ist vor einigen Jahren mal mit dem Rad die halbe Baja California (Nordwesten Mexikos) heruntergefahren. Das ganze war geplant und ein Begleitwagen kümmerte sich um Gepäck und Unterkunft. Auch er bewunderte immer wieder die vollgepackten Radler, die über die Grenze nach Tijuana fuhren.

Als wir dann gemeinsam reisen wollten, haben wir uns aus mehreren praktischen Gründen fürs Rad entschieden: wir können beide fahren, die Anschaffungskosten halten sich in Grenzen, man kann die Route selbst planen und man fährt schnell genug, um Visa einhalten zu können, aber langsam genug, um wirklich eine Gegend kennenzulernen. Anfangs hatten wir noch Reiserucksäcke dabei. Falls uns das Radeln doch nicht so gut gefällt, könnten wir die Räder verkaufen und per Anhalter weiterreisen. Nun sind wir schon halb um die Welt und haben die Nase noch lange nicht voll.

Zum Träumen: Wo wart ihr schon überall und wo müsst ihr unbedingt noch hin?

Wir waren mit dem Rad in Deutschland, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland, der Türkei, Georgien, Armenien, dem Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan, China, Laos, Thailand, Kambodscha, Malaysia, Indonesien, Singapur, Australien und Neuseeland. Als nächstes werden wir Amerika durchfahren und dann ggf. mit einem kleinen Afrika-Schlenker (je nach Zeit und Geld) über Europa wieder nach Deutschland radeln. Wir wollen noch unbedingt den Karakorum Highway fahren, nach Taiwan, durchs Pamirgebirge, durch Japan, von Italien nach Griechenland, in den Oman, durch Irland, Schottland, Wales und England, sowie ein zweites Mal nach China, Georgien, Kirgisistan und Griechenland. Und die Ideen sprudeln immer weiter!

Plov essen in der Ukraine © www.tastingtravels.com

Plov essen in der Ukraine © www.tastingtravels.com

Zum Nachmachen: Welches Land könnt ihr empfehlen und warum?

Wir können schlichtweg alle Länder empfehlen, in denen wir waren. Es gab kein einziges, in das wir nicht ein zweites Mal reisen wollen würden. Das lag aber weniger am Land selbst, sondern mehr an den vielen Freundschaften, die wir unterwegs geschlossen haben. Wir haben unterwegs gelernt, dass das für uns das Wichtigste der ganzen Reise ist.

Landschaftlich war allerdings Kirgisistan die größte Überraschung: Berge, Seen, Wanderwege, Kajakmöglichkeiten. Man kann klettern, schwimmen, reiten und natürlich radeln. Auch Armenien und Georgien sind landschaftlich nicht zu unterschätzen. Wir fanden es großartig. Kulinarisch waren für mich Griechenland, Thailand, die Türkei und China weit vorne.

Die neugierigsten und gastfreundlichsten Menschen haben wir im Iran getroffen. In Malaysia und Indonesien haben wir Dschungel und Regenwälder kennengelernt, in Australien Strände genossen, in Österreich und Deutschland die großartigen Radwege genossen (auch da ist Malaysia im Kommen). Und in der Türkei, Serbien, Kroatien, Usbekistan und Laos fanden wir das Landleben am spannendsten.

Zum Erfahren: Was hat euch am meisten unterwegs beeindruckt?

Nach knapp drei Jahren unterwegs kann ich mich da nicht auf eine einzige Begebenheit festlegen. Generell war es die Gastfreundschaft und wie wir immer und immer wieder von den Menschen beeindruckt waren. Sie hielten an, um uns, zwei völlig Fremden, die nicht einmal ihre Sprache kennen, Obst zu schenken, uns zu einem Tee einzuladen oder sogar um uns in ihre Häuser einzuladen. Oft bekamen wir sogar unseren eigenen Schlüssel! Das ist etwas, was ich zurückgeben will.

Wie isst man eine Lotusblume? Gespräch in Kambodscha © www.tastingtravels.com

Wie isst man eine Lotusblume? Gespräch in Kambodscha © www.tastingtravels.com

Zum Leben: Seid ihr lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

Wir sind lieber zu zweit unterwegs. Ganz einfach, weil wir beide noch nie eine Tour alleine unternommen haben. Wir finden es gut, sich auf den anderen verlassen zu können, auch wenn das bedeutet, dass man oft Kompromisse eingehen muss, es Streitereien geben kann, wir vier Reifen haben, die Platt werden können und wir nicht einfach spontan sagen können „ich will jetzt mal den Feldweg da drüben erkunden“, ohne dass das vorher besprochen wird.

Doch wir haben in schönen und gruseligen Situationen immer unseren besten Freund und Partner dabei, wir haben viele Fotos, auf denen wir auch selbst drauf sind, wir sparen Bares bei den Unterkünften, es reicht, wenn einer Karten lesen oder eine Sprache sprechen kann und wir haben immer eine Schulter zum Anlehnen dabei. Ich würde gerne mal eine kleinere Tour alleine fahren, aber auf lange Sicht könnte ich mir eine Radreise ohne Roberto gar nicht mehr vorstellen.

Zum Fahrrad: Stellt es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an euren Rädern dran?

Unsere Räder sind so eine Sache für sich. Meines kommt zweiter Hand von ebay Kleinanzeigen und Robertos Rad stand bei meiner Mutter im Keller herum. „Da steht Trekking drauf, vielleicht kann Roberto damit ja was anfangen“, sagte sie uns vor mittlerweile drei Jahren. Wir sind dann von Bremen nach Kitzingen geradelt und haben die Räder dort getauscht.

Um es kurz zu machen: Wir haben Schrottmühlen mit guten Komponenten. Die Räder sind McKenzie und Diplomat (ich glaube das sind beides Hausmarken vom Real). Original sind noch beide Rahmen, beide Lenker samt Steuersatz, beide Sattelrohre, alle Schutzbleche und mein Tretlager und meine vordere Nabe und meine Felgen. Alles andere mussten wir auswechseln. Ganz große Klasse finde ich die Lichter von Reelight, da sie weder Batterien brauchen noch Reibung erzeugen.

Die Tasting Travels Räder © www.tastingtravels.com

Die Tasting Travels Räder © www.tastingtravels.com

Seit Malaysia radeln wir mit Gelsätteln von Selle Royal. Viel besser als die Originalsättel. Die Mäntel sind ein bunter Mix. Schwalbe hier, irgendwas Indonesisches da und ein sehr spartanischer Mountainbike-Mantel vorn, denn der war das Einzige, was wir in einer kleinen Stadt in Laos auftreiben konnten. Und irgendwie hat auch er nun über 5.000 Kilometer durchgehalten.

Wir haben Ortliebtaschen, von denen wir uns nicht mehr trennen wollten (anfangs zwei Stück, nun neun) und radeln von Anfang an mit einigen Shimano-Komponenten, seit der Türkei mit der ganzen Shimano-Gangschaltung und seit Singapur mit Shimano komplett, von den Bremsen bis hin zu den Schaltkabeln. Wir hatten anfangs keinen blassen Schimmer von Fahrrädern und haben nach und nach gelernt, worauf es bei den Komponenten wirklich ankommt.

Da Roberto aber immer wieder Probleme mit seinem Hinterreifen hat (was wir auf den leicht schiefen Rahmen schieben), wird er sich vermutlich ein neues Fahrrad zusammenbasteln, um mit ihm Teil zwei der Reise anzugehen.

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Es gab Pannen und zwar nicht zu knapp. Roberto hat seit März 2012 durchgehend Probleme mit zig brechenden Speichen. Mein Lenker hat im ganzen Iran gewackelt und niemand konnte mir sagen warum. Seit wir uns in Indonesien zur Regenzeit im Dschungel verfahren haben, haben sich Matsch, Rost und Feuchtigkeit in so ziemlich alle Ritzen geschlichen.

Meine Gangschaltung verstellt sich immerzu von allein (am dollsten natürlich in hügeligen Gegenden) und ich habe in kürzester Zeit drei robuste Ständer platt gemacht und zwei Tachos verschlissen. In Usbekistan ist mir der Lowrider abgefallen (zum Glück ganz langsam, sodass es keinen Sturz gab), meine Vorderbremse hat schon am allerersten Tag Mucken gemacht und was platte Reifen angeht, da habe ich nicht mehr mitgezählt. Wir haben aber schon einige XXL-Flickensets leer gemacht. Im Februar haben wir einen neuen Rekord aufgestellt: acht Platte an einem Tag an drei Reifen. Manchmal helfen eben auch Schwalbe Marathon nichts.

Momentan wackelt meine Nabe wie wild, die hat aber auch schon eine halbe Weltreise hinter sich, die darf das.

Zum Wissen: Euer ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Seid offen und lernt viele Menschen kennen. Mit dem Rad haben wir die einzigartige Möglichkeit, hautnah bei allem dabei zu sein. Wir fühlen Kälte und Wind, wir riechen brennenden Müll, Seeluft, Hühnerfarmen und Graslandschaften. Wir hören Kindergeschrei, Musik und den Verkehr. Und wir schmecken Salz in der Luft und regionale Leckereien. So können wir uns gut in die Menschen um uns herum hineinversetzen. Wir wissen, in welcher Umgebung sie wohnen und womit sie täglich leben. Die Menschen sind es hinterher, an die wir uns erinnern und die die Reise wert machen.

In einem Carwash in Indonesien © www.tastingtravels.com

In einem Carwash in Indonesien © www.tastingtravels.com

Lernt ein paar Worte in der Sprache des Landes und seid nicht schüchtern mit Händen, Füßen und Geräuschen zu kommunizieren. Lernt eure eigenen Vorurteile kennen und stellt sie auf die Probe. Frauen mit viel Make-Up sind Zicken? Blondinen mit Rastas sind ständig verkifft? Tätowierte Männer sind unsensibel? Das haben wir aber ganz anders erlebt.

Und seid sensibel. Beobachtet die Menschen um euch herum und passt euch kulturell an, soweit es geht. Wird gewartet, bis der Gastgeber das Fleisch anschneidet? Dürfen die Fußsohlen ausgestreckt werden? Ist es in Ordnung, mit kurzen Ärmeln einzutreten? Früher oder später werdet ihr auf jemanden treffen, der eure Sprache spricht und die Person könnt ihr dann mit euren Fragen löchern. Bis dahin heißt es beobachten und anpassen.

Ein fahrradspezifischer Tipp: habt immer Licht dabei. Ich will nie wieder durch einen Tunnel radeln, in dem ich die eigene Hand vor Augen nicht sehe.

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Wiedergekommen sind wir noch nicht. Aber loszufahren war gar nicht schwer. Sachen verkaufen oder einbunkern, alles Übrige in Packtaschen stecken und los.

Weiter geht es nach Südamerika © www.tastingtravels.com

Weiter geht es nach Südamerika © www.tastingtravels.com

Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Wir bleiben etwa ein Jahr lang in Neuseeland und stocken die Reisekasse wieder auf. Dann radeln wir durch Neuseeland und fliegen von dort nach Südamerika, eventuell mit einer Zwischenlandung von ein paar Wochen in Hawaii. Von dort geht es gen Norden, durch Robertos Heimatstadt Tijuana und dann von der Ostküste aus zurück nach Europa.

Hier gibt es mehr über Annika und Roberto:

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