Nur 500 Meter – Illegal nach Tibet

Mein persönlicher Einreisestempel

„You have to wait until a group of seven is completed. No bikes, only bus.“ -diese Worte eines chinesischen Polizisten begruben unsere Hoffnungen, mit dem Rad durch Tibet zu fahren. Sollte alles hier in Golmud, einer Stadt in Westchina, an der „Grenze“ zu Tibet, enden?

Natürlich würden wir nach Tibet reinkommen, aber das kostet 400 DM, man muss einen Bus nehmen, der nur Ausländer transportiert und direkt nach Lhasa fährt, wo man dann wiederum in die Obhut der Touristenpolizei übergeben wird. Die Räder mitzunehmen sei nahezu unmöglich, man könne ja einen Ausflug machen und dann nach Golmud zurückkommen. Das wären schlappe 1.200 Kilometer pro Strecke. Wir könnten ja noch mal nachdenken, schließlich fährt der Bus nur wenn mindestens 7 Leute zusammengekommen sind. Sieben Ausländer. Wie lange das dauern könnte? Keine Ahnung. Außer uns gab es hier nur noch einen weiteren Reisenden, der ebenfalls wartete. Und das schon seit einer Woche. Schönen Dank auch.

In Lhasa/Tibet am Potalla Palast

In Lhasa/Tibet am Potalla Palast

Mehr als 7.000 Kilometer waren wir bis hierher geradelt, durch die Ukraine, Russland, Kasachstan und China. Angezogen von unserem großen Ziel: durch Tibet und den Himalaya entlang der 8.000er dieser Welt zu radeln. Und nun lag Tibet vor uns, so nah und doch so unerreichbar. Natürlich hatten wir vorher gewusst, dass wir ein Permit brauchen, dass wir dieses mit Fahrrädern nicht bekommen würden und dass wir nur in der Hoffnung, vor Ort etwas machen zu können, bis hierher geradelt sind.

Deprimiert zogen wir von dannen und fuhren zurück in das Touristenhotel, in dem alle Ausländer absteigen mussten. Bei Tee und Bier wälzten wir unsere Landkarten und überlegten. So einfach wollten wir uns nicht abspeisen lassen. Wer Wodkaorgien überlebt hatte, den konnte doch nix mehr abschrecken! So beschlossen wir, es auf eigene Faust zu versuchen. Wir hatten schon gehört, das 40 Kilometer hinter Golmud ein Kontrollposten liegt. Den galt es zu überwinden. Aber wie?

Blick auf die 8.000er des Himalaya

Blick auf die 8.000er des Himalaya

Die Straße schlängelte sich durch ein Tal, eingerahmt von sehr hohen Bergen. Rechts im Tal führte die Straße nahe an den Bergflanken entlang. Hier lag auch der Kontrollposten. Linker Hand breitete sich ein Flussbett aus, welches nur sehr wenig Wasser führte. Ein paar Gebäude des Kontrollpostens reichten bis an das Bett heran, aber es blieb noch ein ca. 250 Meter breiter Streifen, bis die Bergflanke kam.

Von einem chinesischen Banker, der unsere Travellercheques getauscht hatte, wussten wir, dass hinter dem Kontrollposten erst mal keine weiteren Checkpoint kamen und zudem die Polizisten in den Morgenstunden nicht so aufmerksam waren wie sonst. Das war unsere Chance. Und sie ist viel besser, als fröhlich winkend einfach die Schranke mit den Rädern zu durchbrechen und schnell wegzuradeln. Auch weil hinter dem Posten der Anstieg zum 5.231 Meter hohen Tangula-Shankun Pass begann. Da fährt man nicht mal eben schnell hoch.

In Xingjiang - Auch Polizisten sind nur Väter

In Xingjiang – Auch Polizisten sind nur Väter

In der zunehmenden Dunkelheit fuhren wir bis ca. einen Kilometer vor den Checkpoint und schlugen unser Nachtlager in einer Wasserröhre unterhalb der Straße auf. Die nächsten Stunden verbrachten wir zwischen Aufregung und Müdigkeit. Gegen 5 Uhr klingelte der Wecker und nun sollte sich zeigen, ob unser Plan gut war.

Ein erster Blick durch das Kameraobjektiv, welches wir als Fernglas nutzten, zeigte einen dunklen Checkpoint. Kein Mensch konnte ausgemacht werden. Lediglich in einer der Hütten brannte Licht. Vorsichtig fuhren wir 200 Meter auf der Straße und bogen dann ab ins Flussbett. Vorsichtig und laute Geräusche vermeidend schoben wir die Räder erstmal Richtung Felswand. Leider kam der Mond etwas hervor und schien auf unseren Einreiseversuch. Im Schatten der Bergflanke änderten wir unsere Richtung und gingen nun parallel zur Straße Richtung Checkpoint. 20 Meter laufen. Stopp. Horchen. Weiterlaufen. Es waren eigentlich nur 500 Meter, aber die kamen mir vor wie 50 Kilometer. Immer wieder hielten wir inne, um zu schauen, ob wir bemerkt wurden. Alles ruhig. Nur aus der Hütte mit dem Licht drangen Stimmen. Weit weg und doch so nah.

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Weiter schieben. Auf Höhe des Checkpoint pochte mein Herz wie wild. Glücklicherweise lag ein Teil des Flussbetts tiefer, was uns etwas Deckung gab. Nach weiteren 100 Metern beschleunigten wir, rannten fast, so gut es eben ging. Und noch mal 400 Meter weiter kamen wir an die Straße, die in einer Kurve begann, sich den Berg hinaufzuschlängeln. Ein letzter prüfender Blick zurück auf den Posten. Niemand schien uns bemerkt zu haben. Also schoben wir die Räder auf die Straße hinauf und radelten los. Der Morgen brach an, es wurde heller. So schnell es ging, fuhren wir die ersten Kilometer bergauf. Wir gewannen an Höhe und als es hell wurde, waren wir schon außerhalb des Sichtbereiches. Müde und erschöpft machten wir Rast. Es war kalt geworden und Schnee fiel.

KALT - auf über 4.000 Metern wird es frisch im Himalaya

KALT – auf über 4.000 Metern wird es frisch im Himalaya

Gegen Mittag erreichten wir eine Garküche. Davor standen ein paar Autos, es duftete lecker und wir merkten, wie hungrig und durchgefroren wir waren. Beflügelt vom Erfolg unserer illegalen Einreise marschierten wir in die Küche und setzten uns. Aber mit der Suppe kamen auch zwei Polizisten in die Küche. Oh nein, nun ist es doch vorbei. Sie traten an unseren Tisch und der eine Polizist fragte, ob das unsere Räder seien, die draußen stehen. Vorsichtig bejahten wir das. Sein Gesicht hellte sich auf und er setzte sich zu uns, während sein Kollege Tee für uns alle bestellte. Es stellte sich heraus, dass der Polizist begeistert war von unserer Idee, mit dem Rad hier lang zu fahren und wir ganz große Sportsmänner seien. Wenig später verabschiedete er sich und meinte, dass man sich eventuell noch mal sieht, da er ja auf der Strecke hier verantwortlich ist.

Uff, what a day! Unglaublich. Mit vollem Magen schwangen wir uns wieder auf die Räder und radelten nun endgültig nach Tibet. Wir hatten es geschafft: Illegal in Tibet!

Camping Deluxe - Uiguren Zelt in Tibet

Camping Deluxe – Uiguren Zelt in Tibet

Auf den folgenden 2.000 Kilometern passierten wir mehrere mobile Kontrollposten ohne Probleme. Einfach winkend fuhren wir durch. Wir besuchten Lhasa und fuhren unbehelligt weiter nach Nepal. Nur an der Grenze zu Nepal wurde der chinesische Grenzposten misstrauisch und fragte nach einem Permit. Wir verstanden nicht und verwiesen auf unsere chinesischen Visa. Das ging so 10 Minuten hin und her, dann kam eine Gruppe Schweizer Touristen und der Grenzer verlor sein Interesse an zwei verdreckten, bärtigen Radlern, die ja nun nicht mehr sein Problem waren, sobald sie in Nepal einreisten.

In Kathmandu kaufte ich mir dann einen Drachenstempel mit roter Tinte und trug die Einreise nach Tibet ordnungsgemäß in meinen Reisepass ein: „Checkpoint One“, 28.8.1998, Golmud/China

Mein persönlicher Einreisestempel

Mein persönlicher Einreisestempel

6 Comments

  • sushey sagt:

    … und ich war schon aufgeregt, als der Grenzer in Island wissen wollte, ob wir was zu verzollen hätten (bis auf drei Kilo selbstgemachte Müsliriegel: nein)…

  • Oli sagt:

    So sind sind sie, die Chinesen. Keine Spur von Pflichtverwusstsein, wenn der Chef nicht gerade über die Schulter schaut. Ich habe auch jede Menge solche Geschichten auf Lager. Allerdings frage ich mich, wie gut das heute möglich ist. Scheinbar wurde ja inzwischen ein Zaun um Tibet gebaut.

    • biketourglobal sagt:

      Hallo,
      Naja, man kann das sicherlich nicht so pauschalisieren. Sonst wäre China ja auch nicht so erfolgreich grade 😉 Aber damals war es ganz gut, dass die Posten es etwas ruhiger haben angehen lassen. Von einem Zaun weiß ich nix. Viele Grüße, Martin

      • Oli sagt:

        Doch doch, genau so kann man das pauschalisieren… 🙂 Nein, im Ernst: Ich habe ja sechs Jahre in China gelebt und das, was du beschreibst, habe ich wirklich an allen Ecken erlebt. Was ganz Ähnliches ist mir vor zwei Jahren am Qinghaisee passiert, als ich ausversehen in ein Militärsperrgebiet einreiste und dann in einem Hotel einchecken wollte. Nach ein paar Minuten hatte ich zwei nette Polizistinnen bei mir, die mir erklärten, dass ich ausreisen müsste. Am Ende konnte ich aber trotzdem die Nacht dort bleiben. Details dazu hier: http://oli.weltreiseforum.com/qinghai-see-ausversehen-im-militarsperrgebiet/ oder ein anderes Beispiel: Wer in China lebt, muss sich bei der Polizei registrieren. Das habe ich natürlich nicht gemacht, weil eh nie jemand nach dieser Registrierung fragt. Man braucht sie nur, wenn man das Arbeitsvisum verlängern will. Und so bin ich halt nach einem Jahr nicht angemeldeten Wohnens doch mal in Peking auf den Polizeiposten gegangen. Die Frau am Schalter merkte natürlich, dass ich da was falsch gemacht habe und holte ihre Vorgesetzte. Die lächelte mich ganz einfach an und meinte: Mach es das nächste Mal richtig! Dann gab sie mir eine Quittung auf der Stand: Punished according to the law…! Eigentlich hätte ich 50 Euro Busse zahlen müssen… Achso.. und darüber wieso China heute so erfolgreich ist, könnten wir auch stundenlang diskutieren. Da gibt es viele Gründe, aber am Pflichtbewusstsein der Menschen liegt es ganz ganz sicher nicht… 🙂

  • Florian sagt:

    Supercoole Story.

    Das ist heute, so weit ich gehört habe, nicht mehr so einfach. Angeblich gibt es aber ein Forum, wo alle Kontrollposten beschrieben sind, mit Umfahrungsmöglichkeiten.

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