„Papa, lass uns mal bitte Pause machen!“ Ok, immerhin sind wir schon 5 km am Stück gefahren. Eine durchaus beachtliche Strecke für einen 8-jährigen auf seiner ersten Radtour. Vermutlich tun ihm die Beine weh oder er muss was trinken. Wir halten und stellen die Räder ab. „Alles gut bei dir, willst du was essen, tut dir was weh?“, frage ich. „Nein, alles gut bei mir. Es ist auch nicht anstrengend. Ich habe gerade nur an Star Wars gedacht und wollte jetzt mal mit meinen Lego-Männchen dazu spielen, wenn das ok ist!?“.

Ohne viele Pausen keine Radtour
Ohne viele Pausen keine Radtour

Eine Radtour mit Kind unterliegt also eigenen Regeln. Und vor allem für mich als Kilometer-Einzelkämpfer und Solo-Radler ist eine solche Tour echtes Neuland und durchaus eine Herausforderung. Umso mehr habe ich mich aber darauf gefreut.

Irgendwann kam mein ältester Sohn zu mir und fragte, ob wir nicht mal eine Tour zusammen machen möchten. Ich bin, was Radreisen und meine Leidenschaft für Fahrräder angeht, gegenüber meinen Kindern sehr zurückhaltend, denn ich finde, sie sollen selber ihre Interessen entwickeln und diese nicht von den Eltern vorgegeben bekommen. Daher war ich über sein Interesse überrascht. Und auch etwas überfordert. Was muss ich beachten? Wie plane ich eine solche Tour? Was braucht es dafür?

Schnuffi muss natürlich mit und fährt in der Lenkertasche
Schnuffi muss natürlich mit und fährt in der Lenkertasche

Normalerweise mache ich solche 3-Tagestouren ohne viel Vorbereitung. Zelt, Schlafsack, Fahrrad, los. Essen oder wo man schläft, mache ich spontan unterwegs. Wo es langgeht, lege ich auch meist erst unterwegs fest. Aber so kann man ja nicht mit einem Kind losradeln. Das braucht Vorbereitung und Planung.

Am Plöner See
Am Plöner See

Ok, erstmal die Strecke und vor allem Streckenlänge. Die erste Tour soll vor allem auf Radwegen und durch eine schöne Gegend ohne viel Stadt und Verkehr führen. Also entschließen wir uns, mit dem Zug nach Bad Oldesloe zu fahren und dort unsere Tour zu beginnen. Über Bad Segeberg führt die Route nach Ascheberg und rund um den Plöner See nach Plön. Von hier aus geht es weiter über Felder und durch Wälder im großen Bogen in Richtung Ostsee nach Haffkrug.

Die Landschaft entdecken steht im Vordergrund
Die Landschaft entdecken steht im Vordergrund

Was schafft so ein 8-jähriger eigentlich pro Tag an Strecke? 10 km, 20 km, 40 km? Wie schnell ist man eigentlich unterwegs?

Ich beschließe es ruhig anzugehen und setze für den ersten Tag 20 km an. Am zweiten Tag sollen es 40 km sein, mit der Option, auf die Hälfte zu kürzen. Und am dritten Tag um die 30 km.

Trotz Regen radeln wir los
Trotz Regen radeln wir los

Bei leichtem Regen steigen wir aus dem Zug in Bad Oldesloe und schwingen uns auf die Räder. Schnell lassen wir die Stadt hinter uns und radeln Richtung Norden. Unser erstes Ziel ist ein Campingplatz bei Bad Segeberg. Entlang blühender Rapsfelder und durch kleine Dörfer kurven wir auf recht einsamen Wegen. Ab und zu müssen wir aber ein Stück auf der doch recht befahrenen Landstraße zurücklegen. Insgesamt sind es vielleicht 4-5 km, doch was für einen Erwachsenen fix gemacht ist, bedeutet mit Kind durchaus 30 Minuten und mehr an Fahrt.

Spielpause am Wasser
Spielpause am Wasser

Immer wieder machen wir kleine Pausen. Es gilt: mein Sohn sagt, wann er eine Pause braucht und wie er fahren möchte. Er bestimmt die ganze Tour und ich richte mich nach ihm. Natürlich sind die ersten Kilometer auch ein Einfahren für ihn. Da zwickt und zieht es durchaus in den Beinen und im Rücken. Ich stelle seinen Sattel etwas höher und schon geht es besser.

Auf seinen Wunsch hin hat er eigene Taschen und Gepäck. Neben einer Lenkertasche fährt er hinten zwei Packtaschen. Darin sein Schlafsack, seine Isomatte, seine Klamotten, das Kuscheltier und ein bisschen Spielzeug. Insgesamt vielleicht 5 kg Gepäck. In der Ebene lässt es sich damit gemütlich rollen, an Steigungen (Berge haben wir hier oben ja eher nicht) hilft dann der „Papa-Lift“. Das bedeutet, ich fahre neben ihm und schiebe ihn den Hügel hoch. Das ist mitunter schon anstrengend, aber so werde ich wenigstens etwas körperlich gefordert.

Sein eigenes Gepäck
Sein eigenes Gepäck

Die Reisegeschwindigkeit liegt im Schnitt bei 10 km/h. Schnell pendelt sich unser Rhythmus bei kleinen Pausen alle 3 Kilometer und großen Pausen alle 5 Kilometer ein. Die Pausen sind aber eher Spielpausen, denn angestrengt ist er eigentlich nie. Und das ist auch gut so, denn die erste Radtour soll nicht gleich ein sportlicher Wettkampf sein und körperlich fordernd.

Kurze Fotopause auf einsamen Wegen
Kurze Fotopause auf einsamen Wegen

Für mich bedeutet das, mit ca. 8 km/h hinter oder vor ihm zu fahren, viel zu warten und immer mal zu schieben. Anfangs finde ich es fast unerträglich, so durch das Land zu schleichen, aber mit der Zeit genieße ich es, in dieser Geschwindigkeit vieles um mich herum zu entdecken und mit meinem Sohn zu erkunden.

Der Perspektivwechsel ist das beste an einer Tour mit Kind
Der Perspektivwechsel ist das beste an einer Tour mit Kind

Vieles habe ich schon so oft gesehen, aber für meinen Sohn war es neu. Und so entdecke ich auch vieles neu, was ich sonst eher übersehe.

Eine Radtour mit Kind ist also ein toller Perspektivwechsel und lehrt auch alte Radtour-Hasen wie mich eine neue Aufmerksamkeit.

Auf dem Campingplatz
Auf dem Campingplatz

Im Nieselregen erreichen wir unseren ersten Campingplatz. Und überrascht stelle ich fest, dass ich hier bereits im Dezember schon mal war und eine Nacht geschlafen habe. Damals bin ich im Dunkeln gefahren, aber plötzlich kam mir alles so bekannt vor. Naja, ich werde älter…

Wenig später liegen wir im Zelt, der Regen trommelt aufs Dach und wir schauen einen Film auf dem Smartphone. Die Bilanz des heutigen Tages: 22 Kilometer – eine großartige Leistung für das erste Mal auf Tour.

Unterwegs auf einsamen Feldwegen
Unterwegs auf einsamen Feldwegen

Am nächsten Morgen weckt uns ein blauer Himmel und die Sonne scheint. So macht der Start in den zweiten Tag richtig Spaß, zumal heute mit 40 km die größte Etappe bevorsteht. Ein bisschen Bammel hat mein Sohn schon, aber wir haben auch den ganzen Tag Zeit und bei diesem Wetter kann man ja auch mehrmals am Tag ein Eis essen.

Durch den Wald...
Durch den Wald…

Gemütlich rollen wir los Richtung Plöner See. Schnell sind wir auf einsamen Feldwegen, bis sich meine tolle Route in einem Wald verliert. Dank GPS finden wir aber einen Weg und fahren so erstmal 3 km Offroad durchs Dickicht und über Forstwege. Das macht Spaß und bringt Erfahrungen im Umgang mit dem Fahrrad. Das erste Eis ist damit mehr als verdient.

Auf Forstwegen geht es weiter
Auf Forstwegen geht es weiter

Es ist richtig warm und umso mehr genießen wir die Abkühlung am Plöner See. Der Weg führt teilweise direkt am Wasser entlang. Immer wieder halten wir, um am Ufer eine kleine Pause einzulegen und zu spielen. Nach 36 km kommen wir in Plön an und belohnen uns mit Pommes und – natürlich – einem Eis.

Sonne satt am Plöner See
Sonne satt am Plöner See

Nun sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Zeltplatz am Plöner See. Ich nutze die Sonne, um das Zelt zu trocknen. Nach der doch recht regnerischen Nacht ist es noch ganz nass. Während es trocknet, gehen wir an den See. Schnell findet mein Sohn andere Kinder zum Spielen und ist so für den Rest des Tages beschäftigt. Am Abend schauen wir zusammen in der Campingplatz-Kneipe das DFB-Pokalfinale. Die Verlängerung schaffen wir nicht mehr und schlafen im Zelt ein.

Pokalfinale mit den Stammspielern der Campingplatz-Kneipe
Pokalfinale mit den Stammspielern der Campingplatz-Kneipe

Das Wetter meint es gut mit uns und so fängt auch der letzte Tag unserer Radtour sehr sonnig und sehr warm an. Wir frühstücken ausgiebig und schwingen uns voller Vorfreude auf die Ostsee in den Sattel. 38 km liegen heute vor uns, doch bei der Routenwahl hatte ich ein glückliches Händchen: keine Hauptstraße, nur wenig befahrene Nebenstraßen, Waldwege und Feldwege nehmen wir heute unter die Reifen.

Herrliche Tour an die Ostsee
Herrliche Tour an die Ostsee

Dadurch können wir das Land und die Fahrt richtig genießen. Und selbst die Fahrt hoch zum höchsten Punkt der Tour (76m) ist so fast schon ohne Papa-Lift möglich. Und plötzlich liegt sie dann vor uns: die Ostsee.

Wir fahren in Haffkrug direkt an den Strand und wollen ein Foto machen. Doch da schnauzt uns schon eine Stimme an: „Mit den Fahrrädern dürfen Sie nicht an den Strand!“. Ich ignoriere die Stimme und wir rollen die 3 Meter bis zum Sand, um unser Foto zu machen.

Das Ziel nach 100 km: die Ostsee!
Das Ziel nach 100 km: die Ostsee!

Doch die Stimme gibt nicht auf: „Die Räder dürfen da nicht stehen!“. Ok, ich schiebe die Räder zurück an die Promenade. In einem der Strandkörbe sitzt eine betagte Frau, die Strandkörbe vermietet. Aber gleichzeitig auch so etwas wie die Strandpolizei und das Kuramt gleichzeitig ist. Ich versuche ihr zu erklären, dass wir nur ein Foto machen wollten und wir 100 km bis hierher gefahren sind. Aber der Strandkorb scheint auch ihre Toleranz und Verständnis zu begrenzen, jedenfalls schimpft sie weiter. Das liegt aber auch an den anderen Strandbesuchern, die sich nicht von ihr aufhalten lassen und einfach an den Strand gehen.

Warum auch nicht? Bis ich begreife, dass es eine Strandbenutzungs-Kurtaxe gibt, die man entrichten muss. Na gut, bevor das Geschrei weitergeht, entschließe ich mich zu einem Friedensangebot und frage nach dem Preis: „6 Euro für Kind und Sie“, blafft es mir entgegen.

3 Euro für etwas Strand - Herzlich Willkommen in Haffkrug!
3 Euro für etwas Strand – Herzlich Willkommen in Haffkrug!

6 Euro für das Begehen des Strandes? Hackt es? Ich schicke meinen Sohn einfach ans Wasser und frage nochmal. Nun sind es auf einmal nur 3 Euro. Ich zahle. Um des lieben Friedens willen. Und weil es auch einfach ungerecht vom Ort Haffkrug ist, eine alte Frau mit einem solchen Job zu betrauen, die bei 30 Grad im Strandkorb sitzen muss und von allen Touristen und Besuchern (zurecht) einfach ignoriert wird.

Nach 10 Minuten am Wasser beschließen wir, ein Eis essen zu gehen. Die Hitze wird immer größer, man merkt das bevorstehende Gewitter. Wir erfrischen uns kurz mit Vanille und Erdbeere in der Waffel und fahren dann zum Bahnhof Haffkrug.

Kind und Kuh lernen sich kennen
Kind und Kuh lernen sich kennen

Nach 100 km endet hier unsere erste gemeinsame Tour. Mit dem Zug fahren wir über Lübeck zurück nach Hamburg. Meinem Sohn hat es gefallen. Besonders das Eis-Essen und das Camping. Und natürlich ist er stolz, ganze 100 km geradelt zu sein.

Ich fand es sehr interessant, mal eine andere, entschleunigte Art des Radreisens zu erfahren. Und ich freue mich, wenn einer meiner Söhne mal wieder Lust auf eine Tour hat.

Abseits der Wege macht das Radeln so richtig Spaß
Abseits der Wege macht das Radeln so richtig Spaß

War einer von euch schon mit Kindern auf Radtour? Was sind eure Erfahrungen dabei?