> Wüstenfieber: Mit dem Fahrrad nach Jerusalem 1996

Prolog

Wie weit es ist von Deutschland mit dem Fahrrad nach Israel? Ziemlich genau 5.000 Kilometer. Auf der Reise durchquert man nicht nur Österreich, Italien, Griechenland, die Türkei, Syrien und Jordanien, sondern man erlebt auch die Al-Bādiya, die syrische Wüste, die sich besonders in meine Erinnerung eingegraben hat.

Spricht man heute über Syrien, dann redet man über Krieg, Gräueltaten an der Zivilbevölkerung und unendliches Leid. Damals, 1996, bestimmte vor allem der Konflikt mit Israel die Tagesordnung. Doch Syrien entpuppte sich als ein aufregendes Land, geprägt durch die Gastfreundschaft der Menschen, die Vielfältigkeit seiner Kultur und vor allem durch seine Wüste. Deren Weite, Stille und Unbarmherzigkeit hat mich sehr fasziniert.

Die Ruinen einer alten Kreuzritterburg in Palmyra

Die Ruinen einer alten Kreuzritterburg in Palmyra

Kurt

Zugegeben ein ungewöhnlicher Name hier inmitten der syrischen Wüste. Kurt ist Besitzer einer noch ungewöhnlicheren Tankstelle. Eigentlich ist es nur eine Garage und die Zapfsäulen sind mit Benzin gefüllte Fässer.

Knatternd fährt ein Moped heran. Kurt erhebt sich, nimmt einen Schlauch und saugt Benzin an, um den Tank des Mopeds zu füllen. Der Fahrer steht lässig rauchend daneben. Nach dem Tanken startet er sein Moped mit einem Schraubenzieher, nickt zum Gruß mit dem Kopf und fährt von dannen.

wüstenfieber 34

Kurt reicht mir ein Glas Tee und deutet an, dass ich ein weiteres Glas zu Stephan, meinem Reisepartner, bringen soll.

Stephan liegt an der „kühlen“ Seite der Garage und schläft. Seit drei Tagen leidet er an Fieber und einer starken Magenverstimmung. Gierig trinkt er den Tee und fällt wieder in einen unruhigen Schlaf. Hoffentlich geht es ihm bald besser. Bis zur nächsten Stadt, Palmyra, sind es noch 120 Kilometer. Dazwischen gibt es nur einzelne Dörfer, verloren im Nichts der Wüste.

Pause mit Kurt und seinen Freunden

Pause mit Kurt und seinen Freunden

Nach ein paar Stunden gibt Stephan das Zeichen zum Aufbruch. Er will es versuchen. Zum Abschied gibt mir Kurt den Rat, immer auf die Hauptstraße zu achten, sonst kämen wir nie an. Ich weiß zwar nicht, was Kurt damit meint, denn die Straße ist ein schwarzes Asphaltband, das sich bis zum Horizont durch die sandige Ödnis zieht. Wie soll da etwas schief gehen?

Wüstencamp in Syrien - morgens schon sehen, wo man abends schläft

Wüstencamp in Syrien – morgens schon sehen, wo man abends schläft

Fluchend bremse ich mein Fahrrad ab und traue meinen Augen nicht: die Straße ist einfach zu Ende, wie abgebrochen. Danach kommt nur noch Sand und Stein. Undeutlich zu erkennen teilt sie sich in fünf verschiedene Pisten auf. Welche ist die Richtige?

End of road: jetzt geht die Wüste wirklich los…

Irgendwie alle, fürchte ich. Nach einem Blick auf den Kompass entscheiden wir uns für eine Richtung. Der Karte zufolge liegen jetzt noch 80 Kilometer dieser Sandstrecke vor uns, bis wir vielleicht die Asphaltstraße nach Palmyra treffen. Sie zieht sich von West nach Ost, von der syrischen Küste in den Irak, durch die Wüste.

Ein Tuch um den Kopf gewickelt, den Mund und die Nase verdeckt, in den Flaschen warmes Wasser und immer noch kein Ort in Sicht. Die Piste ist schwer zu befahren. Treibsand und blanker Fels tun sich vor meinen Reifen auf.

Kleine Pause im Nichts

Kleine Pause im Nichts

Ich weiß, dass ein kleiner Lenkfehler nicht gut für Mensch und Material ausgehen würde. Stephan und ich unterhalten uns schon lange nicht mehr. Jedes Wort ist Anstrengung, jedes Wort verlorene Energie, jedes Wort würde die eigenartige Stille zerstören, die uns umgibt.

Stephan, vom Fieber wieder eingeholt, strampelt verzweifelt weiter, obwohl er nicht mehr ganz Herr seiner Sinne ist. Mich überkommt plötzlich Angst. Was ist, wenn wir uns für die falsche Piste entschieden haben? Was, wenn Stephan nicht mehr weiter kann?

Ruinenstädte längst versunkener Kulturen tauchen plötzlich in der Wüste auf

Ruinenstädte längst versunkener Kulturen tauchen plötzlich in der Wüste auf

Verloren stehe ich auf einer Anhöhe. Der Horizont verschwimmt im Hitzeflimmern. Kein Baum, kein Strauch, kein Haus. Nur Sonne, Sand und Steine. Ich spüre meine eigene Ohnmacht. Ich bin allein, nur auf mich gestellt. Auf meine Erfahrung und meinen Instinkt angewiesen. Nur die Hoffnung auf den nächsten Ort mit kaltem Wasser motiviert mich und stärkt meinen Willen.

Endlich eine Siedlung inmitten der syrischen Wüste

Plötzlich tauchen aus dem Hitzedunst am Horizont Häuser auf. Endlich geschafft? Endlich Schatten, Wasser, Ruhe? Neue Kraft durchflutet mich und ein Blick zu Stephan verrät, dass auch er neue Hoffnung und neue Kraft schöpft. Hoffentlich ist es kein Trugbild!

Erschöpft, aber zufrieden lehne ich mich an das Kissen, welches mir der Hausherr zurechtgerückt hat. Im kühlen Schatten seines Hauses sitzen wir und erklären seiner Frau, dass wir nicht miteinander verheiratet sind und auch keine Kinder haben. Nein, wir brauchen da auch keine Hilfe, auch wenn unser Gastgeber bereits zwei Frauen für uns hätte.

Da nehme ich doch lieber noch ein Glas heißen Tee, der hier mehr den Durst löscht als kaltes Wasser. Ich genieße die Ruhe, hier inmitten der syrischen Wüste.

Endlich die Asphaltstrasse nach Damaskus

Endlich die Asphaltstrasse nach Damaskus

Epilog

Nach diesem Abenteuer in der Wüste erreichen wir wenige Tage später Damaskus. Wir bleiben ein paar Tage, bevor wir über Jordanien weiter nach Israel radeln.

Entlang des Toten Meeres durch Israel

Entlang des Toten Meeres durch Israel

Über Qumran entlang des Toten Meeres geht es wieder hoch in die Wüste Negev und wenig später nach Betlehem, Jerusalem und Tel Aviv.  Nach 46 Tagen verabschieden wir uns aus dem Nahen Osten und fliegen wieder heim nach Deutschland.

Endlich auf 0 Meter Höhe - der Aufstieg vom Toten Meer in die Negev ist Schwerstarbeit

Endlich auf 0 Meter Höhe – der Aufstieg vom Toten Meer in die Negev ist Schwerstarbeit

Weitere Bilder der Wüstenfieber-Tour findet ihr hier:

5 Comments

  • Bruno Schneider sagt:

    Hallo,

    ich bin im August 2015 mit dem Fahrrad vom Westerwald nach Istanbul gefahren (alleine).

    Im Mai 2017 möchte ich von Istanbul durch die Türkei, Küstenstr. Syrien, Libanon nach Beirut fahren.
    Von dort mit Bus oder Flieger nach Amman reisen. Von Amman dann wieder per Rad nach Jerusalem.
    Das Risiko an der Küstenstr. in Syrien ist wohl nicht all zu hoch.

    Wenn Du nützliche Tipps hast, her damit

    Vielen Dank im Voraus
    Bruno

    • BiketourGlobal sagt:

      Hallo Bruno,

      Meine Zeit in Syrien liegt schon länger zurück. Daher habe ich auch keine Tipps. Schau doch mal bei rad-forum.de nach.

      Ich drücke dir die Daumen, dass Du 2017 in dieser Ecke radeln kannst.

      Viele Grüße,
      Martin

    • Daniel sagt:

      Hi Bruno,
      ich würde mich sehr auf ein Feedback deiner Reise freuen..
      LG

  • Daniel sagt:

    Hi Martin,
    Hast du evtl. noch eure Route die ihr gefahren seid?
    Würde mich sehr interessieren, da ich auch großes Interesse an dieser Tour habe…
    MfG

    • Hallo Daniel,

      die genaue Route habe ich nicht mehr, aber wir sind durch Österreich nach Italien gefahren. Von dort nach Griechenland übergesetzt, dann an Thessaloniki vorbei, südlich von Istanbul in die Türkei, dort über Konya nach Gaziantep und dort dann nach Syrien rein, nach Damaskus und von dort nach Jordanien. In Jordanien dann bei Bet-Shean über die Grenze nach Israel. Am Toten Meer runter, nach Arad wieder hoch und dann nach Norden via Hebron und Betlehem nach Jerusalem. Und schließlich nach Tel Aviv.

      Viele Grüße,
      martin

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