5220 m: Mit dem Fahrrad im Reich der Götter

Eine der höchsten Straßen dieser Erde führt in Tibet durch den Himalaya nach Nepal. Auf dieser Strecke zählt der 5220 m hohe „Jia Tsuo Paß“ zu den größten Herausforderungen. Erdrutsche, Geröll, reißende Flüsse und  Wetterumschwünge erschweren eine Überquerung, machen diese fast unmöglich. Während unserer Radreise von Leipzig nach Bombay müssen wir auch diesen Pass bezwingen:

Blick von oben auf die umliegenden 8000er

Blick von oben auf die umliegenden 8000er

Höhe 4400m. Temperatur 8 Grad C. Sonne.

Fluchend bremse ich das Rad ab. Wieder kreuzt ein Fluß den Weg. Ich schiebe über Geröll, versinke im Schlamm, reiße das Rad wieder heraus, wate durch eiskaltes Wasser. Aufsteigen, ein Stück fahren, wieder absteigen. Ein Erdrutsch versperrt die Piste. Gepäck abladen, Fahrrad auf die andere Seite tragen, beladen , weiter. Schweiß rinnt mir in die Augen. Pause. Atmen. Seit zwei Stunden kämpfe ich mich nun schon diesen Berg hoch. Mein Blick schweift über das Tal. Zwischen den nur spärlich bewachsenen grauen und schroffen Felsen kann ich keinen Weg erkennen. Weite Geröllfelder unterbrechen die Hänge. Flüsse stürzen sich tosend in die Tiefe. Dunkel droht ein Unwetter aus dem Nachbartal. Die ersten Wolken schwappen träge über den Bergkamm. Wind kommt auf. Mir ist kalt. Weiter.

Piste im Himalaya

Piste im Himalaya

Höhe 4600m. Temperatur 5Grad C. Bedeckt, leichter Regen.

Das letzte Dorf vor dem Paß liegt hinter mir. Wieder keine Versorgungsmöglichkeit. Also kaue ich weiter meine pappigen Kekse. Ich denke an die Strecke die vor mir liegt. Noch über 600 Höhenmeter, dann bin ich auf dem 5220m hohen „Jia Tsuo Paß“. Wenn alles gut geht, schaffe ich das in zwei Stunden. Die Piste wird etwas besser. Immer steiler schmiegt sie sich an den Berg. Je höher ich komme, desto karger wird die Landschaft. Seit Stunden habe ich Stephan nicht mehr gesehen. Hier am Berg fährt jeder für sich allein. Jeder im Duell mit dem Berg. Der Wind wird stärker.  Er zerrt am Fahrrad.  So habe ich beim Balancieren über Schlammgräben und fußballgroße Steine keine Chance. Das Hinterrad rutscht weg. Ich bremse, springe, fange das Rad  ab. Noch mal gut gegangen ! Zwischen Wolkenfetzen denke ich Fahnen zu erkennen. Das muß der Paß sein ! Voller Hoffnung auf das nahe Ziel trete ich in die Pedale. Plötzlich ein Zischen – Platten ! Ein Stein hat sich in das Hinterrad gebohrt. Mir bleibt auch gar nichts erspart. Bei dem Gedanken daran, in diesen Höhen Luft zu pumpen ist mir jetzt schon ganz schwindelig. Ich habe Hunger. Vielleicht hat Stephan noch etwas zu Essen.

Der Regen wird stärker.

Höhe 5000m. Temperatur –1Grad C. Regen. Starker Wind.

Die Fahnen haben sich als eine Herde Schafe entpuppt. Der Hirte verrät mir bei einer Tasse Buttertee, daß es nicht mehr weit ist. Vielleicht eine Stunde zu Fuß. Müde schaue ich den Regentropfen zu, die von meiner Kaputze in den Tee tropfen. Es beginnt zu hageln. Ich breche auf.  Selbstverständlich peitscht mir der Wind den Hagel ins Gesicht. Immer wieder reiße ich das Rad herum. Durch den Hagel erkenne ich den Straßenverlauf nicht mehr. Der drohende Abgrund bringt mich zum Schwitzen. Nach einer Stunde läßt der Wind nach. Noch immer sehe ich die Schafherde. Ich scheine nicht vorwärts zu kommen. Der Himmel reißt auf. Wie die Beine eines riesigen Insekts streifen Sonnenstrahlen über die Landschaft. Es sieht gespenstisch aus. Die grauen Berge, der schwarze Himmel, die gelben Sonnenstrahlen. Jetzt fehlt nur noch ein Yeti. Aber der kann mir auch nicht helfen. Noch 150 Höhenmeter zum Paß.

Endlich oben - 5.220 m

Endlich oben – 5.220 m

Höhe 5220m. „Jia Tsuo  Paß“. Temperatur –3Grad C. Starker Wind.

Mit einer Gebetsfahne bedanke ich mich bei den Göttern für das Erreichen des Passes. Bei dem Wind wird dieser Gruß wohl recht schnell ankommen. Als Empfangsbestätigung beginnt es zu schneien. Es hat wohl nicht gereicht das die Straße die letzten Meter so steil wurde, daß ich Angst hatte mich zu überschlagen. Und das der Wind zum Sturm wurde und mit aller Macht versucht hat mich am Weiterkommen zu hindern. All dies ertrage ich, aber daß das Wasser in den Trinkflaschen gefroren ist geht doch zu weit. Ich knote ein weiteres Gebet an den Gipfelstein und warte. Na also, die Sonne kommt raus. Der Schneefall läßt nach. Am Horizont reißen die Wolken auf. Majestätisch zeigen sich die verschneiten Gipfel der Himalayariesen. Wie mit Gold bedeckt strahlen ihre Gipfel in der Sonne.  Staunend stehe ich da, genieße jeden Moment.

Vergessen ist die Anstrengung und Erschöpfung. Ja, deshalb bin ich hier. Ich fühle mich wie ein König. Weit unten durchzieht ein mächtiger Fluß das Tal. Zu beiden Seiten erheben sich die Berge. Wie die Zacken eines Drachenschwanzes laufen sie dann zu allen Seiten aus. Durch die Sonne beginnen die sonst trist grauen Hänge in tausend Farben zu leuchten. Blau, Grün, Gelb, Rot, Violett. Es ist, als ob ich auf eine riesige Farbpalette schaue. Am Himmel rasen die Wolken entlang und werden vom Horizont verschluckt. Ihre Schatten bringen Leben in das Farbspiel. Verträumt bemerke ich gar nicht, daß Stephan angekommen ist. Wir essen Gipfelkekse. Es wird kälter und beginnt zu hageln. Wir ergreifen die Flucht hinunter ins Tal. In 20 Km soll ein Ort kommen – Vielleicht !

Es fängt an zu schneien…..

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