Der Körper kann es. Der Magen nicht. // The body can do it. The stomach cannot.
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Der Körper kann es. Der Magen nicht.

Kurz vorab: Dieser Beitrag ist eine sehr persönliche und datenbasierte Ursachenanalyse darüber, warum mein Magen bei Solo-Ultra-Rennen regelmäßig dichtmacht, obwohl Form und Motivation stimmen. Ich teile hier meine konkreten Körper- und Leistungswerte, sowie physiologische Zusammenhänge zwischen Nervensystem, Stress und Verdauung. Kennst du Magenprobleme auf der Langstrecke? Dann ist dieser Text für dich.

Eine Spurensuche: Vom ersten Finish bis zum Magen-Shutdown

Ich weiß noch genau, wie aufgeregt ich war, als ich mich 2019 zusammen mit Tobias zum ersten Atlas Mountain Race angemeldet hatte. Ich hatte keine Ahnung von strukturiertem Training, Schlafdefizit, endlosen Tagen im Sattel mit vielen Belastungen, Pace-Steuerung, Ernährungsstrategien, Renntaktik sowie Fahrrad- und Ausrüstungsoptimierung. Umso erstaunlicher war es für mich, als wir es ins Ziel schafften und erfolgreich finishten. Alleine hätte ich mir das niemals zugetraut.

Und in dieser Begeisterung meldeten wir uns gleich zum nächsten Abenteuer an: das Silk Road Mountain Race im Jahr drauf. Diesmal beschäftigten wir uns aber mehr mit all den Themen rund um solche Events. Und wir waren körperlich auch wesentlich fitter. Das brachte uns dann – zusammen mit einer guten Strategie – auch 2021 erfolgreich ins Ziel am Yssyk-Köl See.

Mir machte dieser Fokus auf das Ultra-Bikepacking Spaß. Aber es gab ein Problem, das mich durch all diese Jahre begleitet hat und das ich erst jetzt wirklich verstanden habe.

Nach den beiden Rennen mit Tobias wollte ich es auch mal alleine versuchen und startete 2023 beim Bohemian Border Bash Race. Körperlich war ich sehr gut vorbereitet und hoch motiviert. Doch nach 1.000 km musste ich leider aufgeben, denn ich hatte Saddle Sores bekommen und konnte einfach nicht weiterfahren. Gleichzeitig hatte ich aber auch gemerkt, dass ich an meinem Pacing arbeiten muss und eine andere Strategie brauchte als nur Attacke. Ich musste also meinen Körper etwas besser verstehen lernen. Und mein Mindset war damals absolut am Erfolg auf diesen Rennen ausgerichtet. Das war für mich sehr wichtig, denn ich wollte mir ja auch beweisen, dass ich es alleine kann.

Vor einiger Zeit hatte ich hier einen Beitrag über DNFs veröffentlicht, in dem ich auch betonte, dass man sich mit den Gründen gründlich auseinandersetzen muss und dabei auch mit einkalkuliert, dass es auch sein kann, dass solche Rennen eventuell nichts für einen sind.

Und so habe ich auch das DNF beim BBBR 2023 analysiert und versucht daraus zu lernen. Mein Fokus damals war aber sehr auf Strategien ausgerichtet, die Saddle Sores verhindern. Andere Faktoren habe ich dabei vernachlässigt.

Dann kam das Trans Balkan Race und ein erneuter DNF. Ich hatte das Rennen einfach falsch eingeschätzt, war mental als auch körperlich nicht entsprechend bereit und hatte mir zudem den Ulnarisnerv an der Hand verletzt.

Meine Analyse damals konzentrierte sich eher auf das fehlende Leistungsvermögen, eine eventuell verkehrte Rad-Wahl und die falsche mentale Vorbereitung.

Also arbeitete ich noch härter an mir, zog die Trainingsintensitäten hoch, wurde leistungsfähiger. Aber ich wollte das erstmal ohne Renndruck testen und startete 2025 zu meinem 50. Geburtstag bei der Grenzsteintrophy.

Eigentlich eine perfekte Tour, denn man bestimmt das Tempo und die Zeit für die Strecke selber. Und dennoch habe ich mir selber zu viel Druck gemacht, bin das Pacing falsch angegangen und habe auch bei der Ernährung Fehler gemacht und bin nach 800km komplett leer gelaufen. Ich konnte einfach nicht genug Essen und das hat mir dann den Stecker gezogen. Ein echter Anfängerfehler – möchte man meinen. Aber dazu später.

Mein Learning daraus: körperlich war ich wieder absolut leistungsfähig, mental auch vorbereitet, aber ich muss lernen, unter Belastung zu essen. Also begann ich das gezielt zu trainieren, ergänzte mein Training auch um die Komponente Nahrungszufuhr und probierte verschiedene Möglichkeiten: Flüssige Carbs, Gels, Riegel – zwischen 80 und 100g Kohlenhydratzufuhr pro Stunde. Da muss man seinen Darm dran gewöhnen.

Im Herbst des gleichen Jahres bin ich dann spontan beim North2Peak mitgefahren und wollte schauen, ob ich gelernt hatte. Und ja, es lief hervorragend – aber auch, weil ich nicht allein gefahren bin, sondern immer in Begleitung, am Ende mit Sandro zu zweit. Und so konnte ich erfolgreich finishen und hatte keinerlei Leistungs- oder Ernährungsprobleme.

Das war ein echter Durchbruch für mich, denn ich dachte endlich den heiligen Gral meiner Leistungsfähigkeit gefunden zu haben. Und ich wollte den natürlich nicht nur mir, sondern auch euch zeigen. So selbstbewusst ich auch bin – es beweisen zu können, ist schon ab und zu mal gut.

So meldete ich mich in diesem Jahr bei der Italy Divide an, die Anfang Mai in Pompeji startete und 1.400km hoch an den Gardasee führte. Dafür hatte ich mein Training nochmals angepasst, wollte noch fitter und vor allem bergfester werden. Das hat sich auch ausgezahlt und so bin ich sehr gut über den Vesuv und die Abruzzen, durch Rom in die Toskana gekommen. Leider musste ich dort aus familiären Gründen abbrechen. Aber ich war fit und wäre bis zum 9. Mai ins Ziel gekommen. Auf der Strecke bin ich dann irgendwann auf Christopher getroffen und wir sind zusammen gefahren und haben Italien auch genossen. Also wieder eine Pair-Konstellation, wo es also gut funktionierte.

Ich wollte in diesem Jahr aber noch mal was machen, hatte ich doch viel trainiert und fühlte mich fit. Aber vor allem bin ich einem Verdacht nachgegangen, was der Grund für meine DNFs der letzten Jahre sein könnte. Und das wollte ich testen und habe mich spontan noch mal zum Bohemian Border Bash Race angemeldet. Der Startort ist gut für mich zu erreichen und ich hatte einfach auch Lust auf diese schöne Landschaften. Das sollte also mein Testgelände sein: körperlich mehr als ausreichend vorbereitet, mental auch – mal sehen, wie weit ich komme und ob ich das gute Gefühl der Italy Divide hierauf übertragen kann. Die Frage war einfach: Kann mein Körper das – solo, unter Renndruck, über mehrere Tage, mit ausreichend Essen?

Ich kann hart und lang fahren und hatte mich zuvor noch mit einem Trainingsblock im Bayrischen Wald (BBBR Gelände) mit 7.750 Höhenmetern und einer Langstreckenfahrt nach Leipzig (Hin- und Rückfahrt) mit insgesamt 900km vorbereitet. Mein Coros sagte „Optimiert“ und ich hatte ein gutes Gefühl.

Was dann passiert ist

Tag 1 war richtig gut: 220km, 4.623 Höhenmeter, Durchschnittspuls 129 bpm und 16,1 km/h. Ich bin kontrolliert gefahren und wollte es auch nicht übertreiben, weshalb ich nach nur 220km den Tag auch nach Plan beendete. Tagsüber konnte ich mich mit flüssigen Carbs, Gels und ein paar Riegeln, Kakao und Cola gut ernähren. Doch am Abend im Restaurant habe ich keinen Bissen runterbekommen. Nur ein bisschen Knödel mit Sauce. Mehr ging nicht.

Tag 2 war noch solide: 202km, 3.736 Höhenmeter. Ich habe versucht mehr zu essen, merkte ich doch, dass es nicht reicht: Bananen, ein belegtes Baguette, Snickers, Gels, flüssige Carbs, Cola. Doch der Magen war weiterhin zu, mancher Riegel und Gummibärchen kam nicht weit und war dann schon wieder draußen. Ich versuchte die Pace zu reduzieren um den Magen zu beruhigen, aber so richtig hat das nicht funktioniert. Dann die Bestätigung: der Durchschnittspuls lag nur noch bei 111 bpm, was zu niedrig war und auf fehlende Energiezufuhr hinwies. Abends habe ich mich dann gezwungen ein paar Kartoffeln und Hähnchenfleisch zu essen. Aber mehr ging einfach nicht.

Tag 3 war dann überleben: 168km, 4.155 Höhenmeter. Die Pace brach ein, von 16,1 auf 12,9 km/h. Nicht weil die Beine streikten, sondern weil kein Treibstoff mehr ankam. Ich bin die Anstiege teilweise hochgekrochen, wie ein Schluck Wasser. Mittags versuchte ich etwas Tomatensuppe und Gnocchi zu essen. Aber auch hier nur bedingt möglich. Abends dann ein weiterer Versuch, doch das Schnitzel bekam ich nur zur Hälfte runter, sonst nix. Festes Essen lehnt der Körper ab, was ich dennoch versuche, kommt entweder nicht wirklich rein – oder schnell wieder raus.

In meiner Not versuchte ich Carb-Pulver aus der Flasche zuzuführen und beschloss eine längere Pause einzulegen. Zeitlich war das noch vertretbar und wenn es mir gelingt, den Magen-Darm-Trakt zu beruhigen, sodass er Essen zulässt, könnte ich vielleicht weiterfahren.

Tag 4 war dann aber der Scratch: 78 km einfache Strecke nach Český Krumlov zu Checkpoint 4 und danach dann Schluss.

Die Zahlen dazu

Ich habe für die Tage meine Kalorien-Zufuhr nachträglich kalkuliert. Und schaut man auf die Zahlen, sieht man ganz genau, was passiert ist:

16.731 kcal Defizit in vier Tagen: das ist nicht ein bisschen wenig gegessen, sondern eine strukturelle Unterversorgung. Allerdings ist das auch typisch für Ultras.

Bengt Stiller hat dazu mal gesagt, dass man sich ab Start bei solchen Anstrengungen immer auch selber aufisst.

Die täglichen Kaloriendefizite kann man gar nicht ausgleichen, auch weil der Körper gar nicht so viel zuführen kann. Und was in der idealen Trainingsumgebung oder bei kürzeren Fahrten gut klappt, funktioniert halt bei Bedingungen, wie dem Bohemian Border Bash nicht: 13-16h im Sattel, immer im Zeitdruck, um die Strecke zu schaffen, immer in der Belastung. Da reicht dann nicht die flüssige Carb-Zufuhr – da braucht es einfach auch feste Nahrung.

Und jetzt müssen wir über konkrete Körperdaten sprechen, damit ihr das auch in meinem Fall nachvollziehen könnt.

Körperlich bin ich mit meinen 51 Jahren fitter denn je:

  • Ich habe in diesem Jahr +8.000 km und über 50.000 Höhenmeter auf der Uhr
  • mein metabolisches Alter liegt gemessen bei 32
  • meine FTP bei 290W
  • mein Muskelanteil beträgt 83%
  • mein Körperfettanteil ist 13,4% und 2,8 viszerales Fett

Und die Waage hat nach den Tagen in Böhmen bestätigt: ich habe zwei Kilogramm Fett in vier Tagen abgebaut. Ein Kilogramm Fett entspricht etwa 7.700 kcal. Und das ist ehrlicherweise zu viel für diese kurze Zeit.

Was ist da eigentlich passiert?

Der Grund liegt im Nervensystem, das zwei Modi hat:

  • Der Sympathikus: Kampf oder Flucht.
  • Der Parasympathikus: Ruhe und Verdauung.

Wenn du 13-16 Stunden täglich unter Renndruck auf dem Rad sitzt, hält dein Körper den Sympathikus dauerhaft aktiviert. Er interpretiert das als anhaltenden Ausnahmezustand. Und in einem Ausnahmezustand braucht der Körper keine Verdauung, sondern Muskeln. Daher wird Blut von den Verdauungsorganen abgezogen und in die Beine gepumpt. Der Magen bekommt weniger Durchblutung und stellt dann die Arbeit ein.

In der Sportmedizin gibt es dafür den Namen Exercise-Induced Gastrointestinal Syndrome, kurz Ex-GIS. Im Kontext mit Ultra Bikepacking ist das aber noch nicht sehr erforscht und meine Symptome der Verweigerung der Nahrungsaufnahme daher rein anekdotisch zu betrachten.

Allerdings redet man auch nicht gerne darüber, weil es als persönliches Versagen gilt oder als Schwäche ausgelegt wird. Dabei ist es einfach Veranlagung und individuell unterschiedlich.

Mein Körper reagiert auf diese Belastungen mit Magen zu. Andere können zum Beispiel nicht mehr richtig schlafen, da der Sympathikus die ganze Zeit feuert. Auch das habe ich beim diesjährigen BBBR beobachten können.

Und beides fördert dann Begleiterscheinungen wie Saddle Sores, da irgendwann dann die Kraft zur Körperstabilisierung fehlt und man zu Ausgleichsbewegungen tendiert, die dann zu solchen Sitzproblemen führen können. Oder zu Krämpfen und Knieproblemen. Ich fahre zum Beispiel ganz anders im Sattel bergauf, wenn ich fit und kraftvoll bin. Da ist meine Sitzposition eine ganz andere, als wenn ich mich nur noch versuche am Fahrrad festzuhalten, weil mir die Kräfte ausgehen.

Allerdings sind dafür, dass ich nicht richtig essen konnte, die über 600km und ca. 13.500 Höhenmeter nicht schlecht.

Was mich dabei am meisten beschäftigt: Die Beine hätten noch gekonnt. Der Kopf auch. Aber ohne Energie aus Essen ist irgendwann Schluss. Das war dann keine Frage des Willens mehr.

Aus der Ernährungsberatung hört man in diesem Zusammenhang oft Tipps zum optimalen Glukose-Fruktose-Verhältnis oder zur Osmolalität von Sportgetränken.

Im strukturierten Training oder kurzen Events lässt sich das sicher perfekt testen und steuern. Aber die Realität eines Ultra-Rennens sieht anders aus: Man isst, was da ist. Wenn der Körper nach zehn Stunden auf dem Rad Snickers, Cola, kalte Pizza oder Tankstellen-Baguettes verarbeiten muss, fordert das den Magen ohnehin extrem.

Kommt dann noch der rennbedingte Sympathikus-Stress hinzu, bricht das System bei mir komplett zusammen – selbst bei flüssigen Kohlenhydraten, die im Training noch problemlos funktionierten. Ich kann die dann nicht mehr sehen und mir wird auch schlecht.

Dabei habe ich ja alles versucht: Ernährungstraining, alle 30 Minuten kleine Happen, Carbpulver, Gels, Flüssigkalorien. Im Training oder kurzen Touren lief das prima. Aber im Rennen, nach zwei, drei Tagen auf dem Rad, hat das alles nichts mehr gebracht.

Und retrospektiv ist dieses Leer-laufen durch zu wenig Nahrungsaufnahme bei all meinen DNFs immer auch ein Bestandteil gewesen. Oft überdeckt durch andere Gründe, wie ein wundgefahrener Hintern, ein kaputter Handnerv oder körperliche Erschöpfung.

In meiner Analyse gab es eine für mich interessante Beobachtung, die ich schon länger gemacht hatte, die sich nun aber verfestigte: wenn ich nicht allein, sondern mit jemandem zusammen fahre (der ungefähr meinem Leistungsniveau entspricht), dann komme ich gut durch und finishe.

Mit einem Partner hatte ich ein Korrektiv, dass mich streckenweise entschleunigte, dafür sorgte, dass ich Pausen mache und was esse.

Neurobiologisch nennt man das Social Buffering: Die Anwesenheit und Co-Regulation eines Partners dämpft die Stressachse im Gehirn messbar. Das senkt die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und beruhigt den Sympathikus. Vor allem hält es den Vagusnerv aktiv und damit genau das System, das die Magen-Darm-Durchblutung und Verdauung aufrechterhält. Im Solo-Modus hingegen trägt das eigene Gehirn 100% der kognitiven Last und Kontrollverantwortung, was den Körper viel schneller in den dauerhaften Flucht-Modus schaltet.

Für mich, der sehr gerne lieber alleine ist, eine umso härtere Erkenntnis.

Warum „fahr einfach langsamer“ nicht hilft

Nun könnte man ja sagen: dann fahr doch einfach so, als ob da ein Partner wäre. Ja, gerne. Diese Reaktion kenne ich natürlich, aber sie trifft das Problem nicht.

  • Erstens lässt bei solchen Ultras das Zeitlimit es oft gar nicht zu, langsamer zu fahren. Beim BBBR musst du mindestens 187km pro Tag fahren um im Limit zu bleiben. Eigentlich mehr als 220km an den ersten Tagen, um genügend Puffer für die schweren Etappen am Ende zu haben. Das heißt, wer deutlich langsamer fährt, riskiert dann den Cutoff.
  • Zweitens bedeutet langsamer nicht weniger Stress. Das ist ein entscheidender Punkt, denn es bedeutet mehr Stunden unter demselben Stress. Wenn ich statt 15 km/h nur 12 km/h fahre, brauche ich für dieselbe Strecke mehr Zeit, was mehr Stunden Sympathikus-Dauerstress sind. Der Magen erholt sich dann nicht, sondern er leidet länger.
  • Drittens ist langsamer manchmal sogar kräftezehrender. Ein niedrigeres Tempo kann ineffizienter sein als ein höheres. Der Körper arbeitet manchmal bei 14 km/h härter als bei 16 km/h. Ich merke das oft, wenn ich versuche mit langsameren Fahrerinnen oder Fahrern zu fahren. Das strengt mich mehr an, als wenn ich mein Tempo fahre.

Man könnte nun einwenden, dass bei niedrigerer Intensität oder anderer Watt-Leistung die Verdauung doch funktionieren müsste. Doch in der Praxis greift das zu kurz: Das Problem im Solo-Rennen ist nicht primär eine zu hohe körperliche Watt-Intensität, sondern der dauerhaft hohe mentale Stressspiegel. Über die Gehirn-Darm-Achse (Brain-Gut-Axis) schlägt die permanente psychische Anspannung direkt auf den Magen durch. Der Sympathikus bleibt auf Dauerfeuer, völlig unabhängig davon, wie schnell ich fahre.

Das Problem ist daher nicht die Intensität, sondern auch die Dauer. Und die lässt sich bei einem Solo-Ultra-Rennen mit hartem Zeitlimit nicht so weit reduzieren, dass mein GI-System genug Raum zur Erholung bekommt.

Der Körper kann es. Der Magen nicht.

Das ist der Satz, der mich am meisten beschäftigt.

Und er ist nun eine klare Erkenntnis: Mein Körper ist da und kann das alles leisten. Nur mein GI-System ist das Problem, wenn auch nur unter einer ganz bestimmten Bedingung: solo, mehrere Tage, maximaler Renndruck, kein Moment der echten Entspannung.

Beim Atlas und Silk Road Mountain Race mit Tobias, beim North2Peak mit Sandro, bei der Italy Divide mit Christopher hat alles funktioniert, mit entspannterem Tempo, kulinarischen Pausen, ohne großen Renndruck. Der Unterschied war nicht die Fitness, sondern das Stressniveau. Und damit der Modus meines Nervensystems.

Was ich daraus mache

Natürlich höre ich nicht auf zu fahren. Das ist Quatsch. Aber ich passe es jetzt an: (lange) Solo-Ultra-Rennen mit hartem Zeitlimit ist nicht mein Format. Nicht der Beine oder des Kopfes wegen, sondern wegen meines Verdauungssystems das mir nach mehreren Versuchen klar gesagt hat: So nicht.

Aber glücklicherweise besteht das ganze Thema Bikepacking nur zu einem sehr geringen Teil aus solchen Ultra-Rennen und Herausforderungen. Da dürfen wir uns durch die Omnipräsenz des ganzen auf Social Media nicht täuschen lassen.

Ich kehre daher nun wieder zu meinen Wurzeln zurück und mache wieder Bikepacking Touren die fordern, die Berge und technisches Terrain haben, aber ohne den Renndruck, der meinen Sympathikus dauerhaft auf Hochbetrieb hält. Das sind wieder Touren vor der Haustür, Radreisen durch die Welt, aber auch Bikepacking-Events mit mehr Zeit und dann gerne auch mit einem Partner.

Wer kennt das?

Ich weiß, dass dieses Thema wenig besprochen wird. Ein DNF verschwindet oft leise in der eigenen Rennhistorie. Manchmal heißt es hinterher „ich bin daran gewachsen“ und manchmal redet man gar nicht darüber.

Wenn du ähnliches erlebt hast, freue ich mich über deinen Kommentar. Und auch jede Art von Tipps und Tricks, wie man damit umgehen kann.

Und wer medizinisch hier noch was zu beitragen kann, sehr gerne!

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14 Kommentare

  1. Hallo Martin,

    Ich kann zu Deinem Problem nicht wirklich etwas besteuern, Ultra Rennen und jegliche Wettkämpfe interessieren mich persönlich wenig.

    Aber ich schmöker gern durch Deine ehrlichen Reiseberichte (mein Favorit ist der Patagonien Text) und höre auch auch Deinen Podcast fast regelmäßig.

    Wenn also die Folge all Deiner Magenprobleme sein wird, dass Du Dich wieder mehr auf‘s Radreisen konzentrieren möchtest – sehr schön! Ich freu mich drauf, davon zu lesen/hören…

  2. Hallo Martin,

    wir haben uns beim BBBR 2026 kurz nach Furth im Wald getroffen. Du hattest mir erzählt, dass du Probleme mit dem Essen hast. Ich habe mitgefiebert, dass es sich bei dir wieder einpegelt. Schade, dass es nicht so gekommen ist. Danke dir für diesen spannenden Einblick und die vielen anderen Geschichten, die du über Radfahren schon erzählt hast.

    Beste Grüße,
    Peter

  3. Hallo Martin,

    vielen Dank für den sehr guten und ehrlichen Bericht!

    Hast Du Dich schon mal mit dem Thema psychische Unterstützung auseinandergesetzt? Dein Körper, Dein körperliches Training, Deine ausdauernde Leidensfähigkeit sind alles Punkte, die Du in Deinem Beitrag erwähnst und beschreibst, wie Du sie immer weiter ausgebaut hast.

    Vielleicht ist es für Dich eine Möglichkeit, mit Training / Beratung im psychischen Bereich bei Solo-Rennen auch die nötige Entspannung zu erreichen, damit Dein Magen nicht zu macht und Du weiter essen kannst?

    Viel Erfolg weiterhin
    Jan

  4. Thank you for the insights and informative article. It resonates with me after facing gastrointestinal problems in the Taunus in 2025 and this year at the Mittelgebirge Classique.
    That year in the Taunus i blamed it on unclean water from graveyard taps, but I avoided Graveyards on the Mittelgebirge Classique and again faced a sometimes frantic scearch for a toilet. Both events i rode mostly alone, while in the Taunus Bikepacking events in 2023 and 2024, I rode with others most of the way and faced no issues.

    I plan to register for next year’s PBP and on the brevets i have riden this year and in thr past, I have not faced the same problems, but here also I rode in small groups and you meet people again at checkpoints.

    I have no solutions but I am happy ro here I am not alone.

    Ross

    1. Hi Ross,
      thanks a lot for sharing this! Your experience with the Taunus Bikepacking and Mittelgebirge Classique is the ultimate real-world proof of what I was trying to break down in the post.

      It’s crazy how clear the pattern is: solo riding equals constant high-alert mode for the brain and a stressed-out gut, while riding with others or bumping into people at checkpoints sends that „all good, we’re safe“ signal to the nervous system so digestion can actually do its job.

      Fingers crossed for your PBP journey! With all the group dynamics and checkpoint vibes there, your gut should be in much better hands!
      Martin

    2. Corrected….

      Thank you for the insights and informative article. It resonates with me after facing gastrointestinal problems in the Taunus in 2025 and this year at the Mittelgebirge Classique.
      That year in the Taunus I blamed it on unclean water from graveyard taps, but I avoided graveyards on the Mittelgebirge Classique and again faced a sometimes frantic search for a toilet. Both events i
      I rode mostly alone, while in the Taunus Bikepacking events in 2023 and 2024, I rode with others most of the way and faced no issues.

      I plan to register for next year’s PBP and on the brevets I have ridden this year and in the past, I have not faced the same problems, but here also I rode in small groups and you meet people again and again at checkpoints.

      I have no solutions but I am happy to hear I am not alone.

      Ross

  5. Ein Thema, das jeder Langstrecken Triathlet kennt. Disziplin in der Ernährung ist das A & O. In Deinem Fall würde ich auf ein Getränk umstellen, dass ich gut vertrage. Malto 19 war bei vielen schon die Lösung. Such mal nach „Natalies Malto Konzept“. Wenn der Magen oder die Verdauung nicht mehr mag, dann liegts meist am falschen Glukose/Fruktose/Wasser Verhältnis. Am Rad sollte man eigentlich auch an der Schwelle immer genug Essen reinbringen, dass man über den Tag kommt. Ein Defizit wie in der Deiner Grafik erscheint mir sehr bedenklich.

    Ich würde eher mal ne Leistungsdiagnostik machen um den idealen Watt-Bereich rauszufinden. Der FTP ist da ja eher wenig aussagekräftig. Und dann ist im Rennen Disziplin angesagt und der Wattmesser zum Chef zu machen. Wenn du nur auf Kohlehydrate fährst, weil Du zu schnell bist, dann muss es in die Hose gehen, wenn es über Tage geht.

    Welcher Aussage ich gar nicht zustimmen kann ist die hier: „Drittens ist langsamer manchmal sogar kräftezehrender. Ein niedrigeres Tempo kann ineffizienter sein als ein höheres. Der Körper arbeitet manchmal bei 14 km/h härter als bei 16 km/h. Ich merke das oft, wenn ich versuche mit langsameren Fahrern zu fahren. Das strengt mich mehr an, als wenn ich mein Tempo fahre.“ Langsameres Tempo heißt weniger Watt, heißt weniger Kalorien-/Kohlenhydratverbrauch. Mag sich für Dich vielleicht anderes anfühlen, aber das ist sicher nur subjektiver Eindruck.

    1. Hi Tom,

      danke dir für deinen ausführlichen Input und die Tipps!

      Das „Natalie-Konzept“ kenne ich. Das ist für Triathlon und strukturierte Tages-Events ein super Ansatz. Das Problem auf mehreren Tagen Bikepacking (wie beim BBBR) ist nur: Das Rechnen an der Formel bringt dir nichts mehr, sobald das autonome Nervensystem im Dauer-Sympathikus läuft. Bei Ex-GIS geht es nicht primär um die falsche Fruktose-Glukose-Mischung, sondern darum, dass durch die nervliche Dauerbelastung das Blut aus dem Magen abfließt und die Peristaltik mechanisch stoppt. Da wird dann selbst reine Maltodextrin-Lösung nicht mehr weitertransportiert. Mal abgesehen davon, dass du gar nicht die nötigen Mengen mitführen kannst oder nachkaufen kannst. Da unterscheiden sich die Arten des Sports, die wir wir beide machen.

      Zum Wattmesser: Auf dem Papier absolut richtig und ich habe auch immer wieder darüber nachgedacht mir einen zu kaufen. Nur bist du im Gelände mit den Steilrampen, Schiebestücken und technischen Trails schlicht nicht in der Lage, stur nach Wattbereich zu fahren wie auf einem flachen Asphalt-Kurs. Das funktioniert leider gar nicht.

      Und zum Thema „Langsamer fahren“: Aus rein physikalischer Sicht hast du recht. Natürlich sind weniger Watt gleich weniger Kalorien. Biomechanisch und muskulär sieht das aber anders aus: Wenn man unterhalb seiner natürlichen Trittfrequenz und Bewegungsökonomie fährt, verändert sich einfach die Muskelbeanspruchung und Ergonomie auf dem Rad spürbar. Das fühlt sich dann nicht nur anstrengender an, sondern ermüdet die Haltemuskulatur oft anders als der flüssige, gewohnte Eigenrhythmus.

      Vielen Dank aber für deine Perspektive aus dem Triathlon – das finde ich immer wieder interessant, auch weil man so immer mehr auch dazu lernt!
      Martin

  6. Hi Martin, your post was very interesting.
    While reading it, I noticed several parallels with my own experience, although there are of course some important differences. I don’t take part in ultra races; I mainly do bikepacking and long bike rides. I also train on Zwift, with kettlebells and with bodyweight exercises. At the age of 47, I was in the best shape of my life.

    However, last year I experienced a great deal of personal stress and started using training as a coping mechanism to release all that tension. Between October and November 2025, I began to experience sleep problems. At first, I didn’t understand what was happening and continued training hard. In December, I started having severe episodes of insomnia. Whenever my sleep improved, I would start training again, and the problems would return. This continued into February and March, until eventually my body crashed and said, “enough.” I went to see a doctor, but the only thing I received was sleep medication. I suspected that I might be suffering from soem kind overtraining syndrome, but I did not feel that my concerns were taken seriously.

    My own data, however, seemed to point in that direction. I stopped training completely for a month and managed to restore my sleep with the help of the medication. But as soon as I started training again (even very gently) the sleep problems returned. So in June and July, I took another full month off from training. What you describe about the nervous system really resonates with my experience. It felt as if my nervous system was permanently switched on.

    Finally, in September, I managed to get an appointment at the sports medicine laboratory of a hospital, where I underwent several tests. By then, I had lost practically all of my fitness. The doctor there explained that the combination of external stress and the additional stress caused by training had been enormous. He also considered it very likely that insufficient carbohydrate intake had contributed to the problem.

    I also found several parallels with my experience in the book „Overtraining Syndrome in Athletes: A Comprehensive Review and Novel Perspectives by Flavio Cadegiani“.

    I have now been recovering for ten months now, doing yoga, meditation, phycoloical therapy, with ups and downs, and I still haven’t been able to return to my previous training routine.
    In practice, I am almost starting again from scratch.

    Best regards,
    Leo

    1. Hi Leo,

      thank you so much for sharing your story in such detail.

      Your experience hits the nail on the head: the nervous system simply doesn’t distinguish between life stress, training load, or a caloric deficit. For the body, it’s all just sympathetic fight-or-flight mode. Whether it turns into a sudden stomach shutdown during a race or chronic insomnia and overtraining, the underlying mechanism is strikingly similar.

      It’s tough to rebuild almost from scratch after ten months, but listening to your body and taking the reset seriously.

      I wish you all the best for your recovery! Step by step, you’ll get back there!

      Martin

  7. Hi Martin,
    ja – das kenne ich ähnlich. Zwar nicht so extrem wie du, aber ich schreibe ja ab und an mal gerne darüber inklusive detaillierter Energiebilanz. Beim Taunus Bikepacking hat’s dieses Mal sehr gut geklappt – war aber dennoch im Schnitt so 500 kcal unter Verbrauch pro Tag. Da sind deine Zahlen aber ja ganz weit von entfernt.

    Palate Fatigue und Zeugs mit sich rumschleppen, das im Grunde Energie liefern könnte, auf das man aber wider besseren Wissens einfach keinen Appetit hat – das ist vielleicht noch eine andere Ausprägung als bei dir. Aber das habe ich des öfteren und ich lese es auch des öfteren.

    Aber ich halte tatsächlich auch mal an, wenn ich an einem Café vorbeikomme. Egal ob für Omelette in Marocco, Brot und Konfitüre in Kirgisistan oder ein leckeres Baguette beim örtlichen Rewe im Taunus.

    Frage: hilft dir so ein Reminder-Alarm vom Garmin oder Coros, an’s Essen zu denken? Oder wirklich was Leckeres, „Handfestes“, gut erreichbar in der Food Pouch? Das kann die Börekstange sein oder Mini-Berliner… Der Trick ist – und ich habe das auch noch nie lösen können – immer das richtige zur richtigen Zeit dabei zu haben. Z.B. gehen Börek-Stangen vielleicht 3 Tage lang gut und dann kann ich keine mehr sehen…

    Das mit dem Glucose:Fructose-Verhältnis hat in dem Zusammenhang keinen „Nährwert“. Solange du beim Fahren nicht mehr als 60 g/h an Carbs zuführst (und das ist für Ultra schon hart genug und viel), kommst du mit dem Glukose-Transportern im Darm völlig klar. Fruktose braucht man dann noch nicht. Bei den meisten schadet es aber auch nicht (wohingegen andere schon mal Probleme mit (zuviel) Fruktose haben – unabhängig vom Thema Radfahren). Und Osmolalität… dessen Sinnhaftigkeit konnte mir noch keiner so richtig erklären. Denn wenn das Konzept trüge, fällt es bei der ersten Verwendung eines Gels oder eines Riegels oder eines Reiskuchens etc. pp. sofort in sich zusammen. Außer, du (oder der Nutrionist) würde die genaue Menge an zugeführtem Extra-Wasser diesbezüglich kalkulieren und du die dann auch trinken. Schwieriges Thema.

    Ein anderer Aspekt, der zwar noch nicht notwendigerweise bei 3 bis 14-tägigen Ultras greift, aber trotzdem interessant ist: Die absolute Grenze der Ausdauerfähigkeit des Menschen wurde versucht, aus Abgleich mit aneinandergereihten Ultra-Marathons (einmal quer durch die USA etc.), Polar-Expeditionen bis hin zur menschlichen Schwangerschaft und da dem Energiebedarf zu bestimmen. Gibt diverse Paper dazu. Der entsprechende Endwert ist nicht unumstritten, wurde aber zunächst mal mit 2,5 mal Basal Metabolic Rate angegeben.

    Wie gesagt, das gilt nicht für kurze Events (wie z.B. auch Tour de France etc.). Da ist der Umsatz natürlich deutlich höher. Was ich aber daraus mitnehme: es ist gar nicht so einfach, ein mehrfaches des normalen, individuellen Grundumsatzes, Tag für Tag zuzuführen (und nicht nur das, sondern auch wirklich umzusetzen). Gerade natürlich auch unter Belastung. Heisst: Wenn ich z.B. einen Grundumsatz von 2100 kcal/Tag habe, bin ich es einfach nicht gewohnt, 4200 oder gar 6100 kcal zu mir zu nehmen. Jemand mit 2500 kcal Grundumsatz /Tag fällt das dann schon ein wenig leichter?

    Nun ja – musst du dich in Zukunft vielleicht voll auf die Pairs-Wertungen konzentrieren? 😉

    1. Moin Torsten,

      danke dir für das ausführliche Feedback und die Gedanken! Genau wegen solcher Diskussionen habe ich den Text geschrieben.

      Du sprichst da ein paar Punkte an, die ich gut nachvollziehen kann:

      Palate Fatigue vs. Shutdown: Die klassische Futter-Müdigkeit kenne ich natürlich auch. Das Problem bei mir im Solo-Modus war nur, dass es bei mir egal ist, ob es ein Gel, die Börek-Stange oder das frische Omelett ist. Der Magen macht mechanisch dicht – da geht einfach physisch nichts mehr rein, egal wie lecker es riecht. Ich habe ein Hungergefühl, sitze davor, esse was und der Magen ist zu.

      Reminder-Alarm: Nutzen ich grundsätzlich, um das Thema nicht zu verschlafen. Alle 10min Trinken, alle 30min Essen. Aber wenn die Verdauung streikt, erinnert einen die Uhr leider nur daran, dass man gerade nichts runterbekommt.

      Glukose/Fruktose & Theorie: Bin ich voll bei dir. Die ganze feingliedrige Ernährungslehre nützt dir auf dem Rad gar nichts mehr, sobald das Nervensystem die Blutzufuhr im Magen herunterregelt. Es lag halt nicht an der falschen Riegel-Wahl, sondern am Stress. Und aus meiner Sicht sind diese ganzen Ernährungstheorien und -Lehren auch nicht für diese Art von Belastungen gedacht und ausgelegt. Wie beim Bikefitting, wo es einfach kaum was gibt, dass einen für 15h im Sattel im Gelände richtig fitten kann.

      2,5x Grundumsatz: Sehr guter Hinweis mit den Studien! Das zeigt mir einfach gut, dass ich da nicht allein bin und was ich dem Magen-Darm-Trakt da auf der Langstrecke überhaupt zumute.

      Was die Zukunft angeht: Ja, im Pair vielleicht (finde erstmal jemanden, der passt!) Oder eben Bikepacking-Touren ohne den Druck der tickenden Renn-Uhr.

      Gruß,
      Martin

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