Heim-Fahrt
Nach den turbulenten und anstrengenden Tagen, Wochen und Monaten seit der Italy Divide, ist nun etwas Ruhe eingekehrt. Ich musste leider aufgrund eines familiären Notfalls Italien eher verlassen als geplant und mich, zusammen mit meiner Schwester, um meine Eltern kümmern.
Nach Krankenhaus, Reha und viel Tagespflege, erfolgte dann leider der Umzug in ein Pflegeheim. Doch nun ist es glücklicherweise etwas ruhiger geworden, auch weil ich weiß, dass meinen Eltern nun das richtige Maß an professioneller Pflege und Fürsorge zugute kommt.
Hinfahrt: Von Hamburg durch die Heide nach Sachsen-Anhalt
Nun war es mal wieder an der Zeit, meine Eltern in Leipzig zu besuchen und ich nutzte die Gelegenheit, um ein paar Tage von dort aus zu arbeiten und natürlich mit dem Fahrrad anzureisen.
Ich hatte ohnehin noch ein paar längere Einheiten auf meinem Trainingsplan und da bot es sich an, die 390km hin und wieder zurückzufahren.

Vor ein paar Jahren habe ich das schon mal gemacht, allerdings fand ich die Strecke damals nicht so schön. Diesmal nutzte ich den BikeRouter und stellte ich mir eine Strecke mit hohem Gravel Anteil zusammen. Und ich muss sagen: die war sowohl bei der Hinfahrt als auch bei der Rückfahrt richtig schön.
Da ich beide Fahrten als Overnighter geplant hatte, reichte es völlig, dass ich erst gegen 7 Uhr in Hamburg gestartet bin. Überraschenderweise war der alte Elbtunnel total leer, was immer ein besonderes Erlebnis ist. Die Sonne schien und es wurde schnell richtig warm. Ich rollte über die alte Harburger Elbbrücke in die Lüneburger Heide.

Nach sehr langer Zeit war ich mal wieder „richtig“ beladen unterwegs: ich musste ja für die Woche in Leipzig Alltagsklamotten, Schuhe, aber auch meinen Laptop und Arbeitsmaterialien mitnehmen. Das ging natürlich ins Gewicht, aber passte auch sehr gut in die Tailfin-Taschen. Und noch besser: so war der Trainingseffekt gleich höher.

Nach der Südheide fuhr ich durch Wolfsburg und dort am Stadion vorbei. Das war aber auch das einzige Mal, dass ich eine Großstadt ansatzweise durchquerte und nutzte die Gelegenheit, um meine Vorräte aufzufüllen.

Durch den Naturpark Elm-Lappwald fuhr ich nach Sachsen-Anhalt rein. Mein Ziel war die Bode, an deren Ufer ich vor Staßfurt meinen Biwaksack ausrollte, um ein paar Stunden zu schlafen.
Der Sonntagmorgen war noch nicht richtig angebrochen, als ich wieder im Sattel saß. Ich mag diese frühen Morgenstunden, wo man noch mit Licht fahren muss und das Land so langsam aufwacht.

Ich durchquerte Staßfurt und leider war es noch für eine Bäckerei zu früh. Womit ich nicht gerechnet hatte: in Sachsen-Anhalt ist die Infrastruktur recht dünn, sodass ich erst nach 80km in Halle einen Bäcker und Tankstelle erreichte, die offen hatten. Vermutlich lag das auch an meiner Route, die sehr schön, aber auch recht abgelegen war. Und sonntags ist es auf dem Land eben auch sehr ruhig und nichts hat offen.

Über Güsten, Alsleben und Könnern fuhr ich an der Saale entlang nach Halle und dann weiter an der Weißen Elster nach Leipzig rein. Ich kam mittags an, duschte mich kurz und fuhr dann ins Pflegeheim zu meinen Eltern.
Zwischen Pflegeheim und Gravel
Die nächsten Tage verbrachte ich mit arbeiten und bei meinen Eltern sein. Aber ich nutzte die Gelegenheit, um mich mit Stephan zu treffen und in Leipzig ein paar Runden zu drehen. Er bereitete sich gerade auf die Expedition Ost vor und so rollten wir zusammen einmal die sogenannte Beton-Elster entlang.

Das ist im Prinzip das Elsterbecken, auf dessen Rändern wir aufgrund der Dürre gut fahren konnten. Es war sehr heiß und das Wasser gab etwas Abkühlung. Ich bin immer wieder begeistert, wie sehr man doch auf Leipziger Gravelrunden dann schnell allein sein kann, vor allem nach Süden raus, wo es dann auch recht wild und einsam wird.
Uns hat das so gut gefallen, dass wir uns gleich auch für den nächsten Tag verabredeten, wo wir zur Sonnenfinsternis eine angemessene Runde drehen wollten.

Das Ziel war diesmal erst ein Aussichtspunkt im alten Tagebau Lippendorf. Allerdings war es da noch zu früh und so beschlossen wir zum Aussichtsturm im Tagebau Halde Trages zu fahren.

Auf dem Weg dahin sahen wir die kommende Sonnenfinsternis zwar nicht, aber wir spürten sie, denn es wurde merklich kühler. Pünktlich zur Finsternis erreichten wir den Aussichtsturm. An sich ist die Sonnenfinsternis unspektakulär, auch weil der Sonnenuntergang ohnehin quasi zeitgleich erfolgte.

Also schalteten wir unsere Lichter an und rollten dann noch die 30km zurück nach Leipzig. Ein tolles Erlebnis und eine schöne Runde.
Rückfahrt: Kanal, Hitze und Erntemilben
Nach intensiven Tagen in Leipzig hieß es dann Abschied nehmen und in den frühen Morgenstunden des Freitags machte ich mich wieder auf, um mit dem Rad zurück nach Hamburg zu fahren. Es waren 35 Grad vorhergesagt, also versuchte ich schon viele Kilometer in der Kühle des Morgens zurückzulegen.

Diesmal hatte ich mir eine Strecke weiter östlich ausgesucht, die mich über Bitterfeld und Wolfen an Magdeburg vorbei zuerst an den Mittellandkanal führte und anschließend an den Elbe Seitenkanal, der dann bei Lauenburg in die Elbe mündet.

Die Route war wieder sehr schön, auch wenn die Hitze gnadenlos war. Besonders am Mittellandkanal habe ich keinen Schatten finden können und meine Strecke auch immer wieder um Tankstellen und Supermärkte ergänzt. Der Eis und Getränkekonsum war sehr hoch.

Und so schön das auch klingt an einem Kanal entlangzufahren: das ist ein absoluter mentaler Ausdauertest, denn es geht stumpf stundenlang nur geradeaus. Ab und zu musste ich über eine Brücke auf die andere Seite, nur um dann nach einigen Kilometern erneut über den Kanal zu fahren und dann auf der anderen Seite weiterzufahren.

Aber diese Brücken sind gar nicht so schlecht, denn einige von ihnen hatten in der Trägerkonstruktion auf halber Höhe eine Ebene, die ich mir dann als Lager für die Nacht aussuchte.

Allerdings war am Elbe-Seitenkanal hinter Uelzen dann doch mehr los, als ich erwartet hätte und es dauerte etwas, bis ich endlich meine Ruhe im Lager unter der Brücke finden konnte. Leider hatte ich mir in den wenigen Stunden dort auch sogenannte Erntemilben eingefangen, deren Bisse kleine Pickel verursachen, die auch doll jucken und erst nach ein paar Tagen verschwinden.
Die Nacht war warm und ich brauchte etwas, um am nächsten Morgen in die Gänge zu kommen. Ich hatte zwar am Abend noch Nudeln und Hühnchen in einem Supermarkt kaufen können, aber durch die Hitze des Vortages bestand die Hauptnahrung aus Trinken und Eis, was auf Dauer keine Substanz lieferte. Daher ging es in den ersten Stunden bis nach Lauenburg etwas schwerer.

Aber von hier war es nur noch ein Katzensprung bis nach Hause. Über Tespe radelte ich bei Geesthacht über die Elbbrücke und rollte dann über Bergedorf und Hamburg nach Hause.
Zurück in Hamburg
Eine ordentliche Bilanz, innerhalb von 8 Tagen fast 1.000 km in den Beinen zu haben. Und das auch noch mit dem ganzen Gepäck – da frage ich mich, wie ich das damals als Reiseradler gemacht habe. Es hat zwar nicht genervt, aber es war schon spürbar an den Anstiegen.

Am Ende war es eine Heim-Fahrt in zwei Richtungen. Zu meinen Eltern, und danach wieder zu mir selbst.

Danke Dir für diese Inspiration.
Es müssen nicht die großen Touren sein. Einfach loslegen und das Radeln mit dem Nützlichen verbinden. Toll!
Sehr schöner Artikel!
Schön geschrieben zeigt er einmal mehr, was man für
tolle Abenteuer erleben kann,
ohne große Urlaubsreisen zu planen
Und natürlich für dich und deine
Eltern alles Gute, kenne das…
Klasse
Ich liebe deine Geschichten, und es ist immer gut, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden