Über DNFs: Nicht jeder Abbruch ist eine Chance
Bei Ultra Bikepacking Races und Events ist ein Abbruch, ein sogenannter DNF, nicht die Ausnahme, sondern fast der Normalfall. Und trotzdem redet kaum jemand ehrlich darüber, was das eigentlich bedeutet.
Beim Bright Midnight ist es diesen Sommer mit Schnee, Kälte und Regen zu vielen Abbrüchen gekommen. Und auch beim Transcontinental Race gab es bekannte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die beispielsweise krankheitsbedingt aufgeben mussten. Bei BBBR, Trans Balkan Race, Atlas-, Silk Road oder Hellenic Mountain Race liegen die Scratch-Raten in guten Jahren bei 40, manchmal 50 oder mehr Prozent. Ein DNF ist bei diesen Distanzen also nicht ungewöhnlich. Es ist eher die Regel als die Ausnahme.
Und trotzdem hört man danach eigentlich immer nur eine von drei Sachen: „Ich bin daran gewachsen“. Oder echte Verzweiflung ob des Abbruchs, die dann auch länger nachwirkt. Oder es wird einfach gar nicht thematisiert, und der Abbruch verschwindet klanglos in der eigenen Rennhistorie.
Dabei würde sich ein genauerer Blick lohnen, finde ich. Und den fange ich am besten bei mir selbst an, bei vier eigenen DNFs der letzten Jahre.
Meine eigene Geschichte des DNFs

Ich habe in den letzten Jahren vier Rennen oder Events nicht zu Ende gefahren. Vier Mal, vier völlig unterschiedliche Gründe.
Los ging es 2023 beim Bohemian Border Bash Race, meiner ersten echten Solo-Teilnahme an einem Ultra. Fast zwei Jahre Vorbereitung, hunderte Trainingsstunden, das Setup optimiert bis ins letzte Detail – und dann macht der Hintern einfach nicht mehr mit. 80 km Tortur bis Checkpoint 6, dann musste ich auf Position 15 aufgeben. Ich war so enttäuscht von mir, dass ich meine Rückfahrt vorgezogen habe und nicht mehr am Camp teilgenommen habe. Wer nicht finished, sollte auch nicht feiern, dachte ich damals. Das war komplett emotional und keine rationale Entscheidung. Aber das wusste ich auch in dem Moment schon und konnte trotzdem nicht anders.
2024 dann das Trans Balkan Race. Die Strecke war in dem Jahr nochmal härter gemacht worden, als meine Planung angenommen hatte. Und bei Kilometer 420, am ersten Checkpoint, war für mich Schluss. Körperlich und mental war ich diesem Biest nicht gewachsen, dazu noch ein verletzter Handnerv, der mich bis heute begleitet. Aber diesmal ist etwas anderes passiert als beim BBBR: aus der Not habe ich eine Tugend gemacht und aus dem Rennen eine Tour. Und so bin ich einfach weitergefahren, bis Montenegro, nur nicht mehr im Renn-Modus. Bitter-süß, so hab ich’s damals genannt. Aber immer noch besser, als wütend und enttäuscht nach Hause zu fahren.
2025 dann die Grenzsteintrophy. Hier war es tatsächlich mein eigener Fehler. Zu tief bin ich in den Race-Mode gerutscht, habe das Thema Ernährung unterschätzt und zu wenig gegessen. Das führte dann dazu, dass ich nach 800km explodiert bin. Es war kein Materialfehler, kein Wetter, keine fremde Schuld. Es war etwas, das ich hätte vermeiden können, und nicht vermieden habe.
Und im selben Jahr kam dann noch das North2Peak: die Wiederauferstehung. Ich hatte die gleiche Grundproblematik im Kopf, aber diesmal habe ich alles richtig gemacht und gefinished. Der einzige der hier genannten Fälle, wo „ich wachse daran“ sich nicht nur behaupten, sondern auch belegen lässt.
2026 dann die Italy Divide. Da wäre ich ganz sicher durchgekommen, aber mein Vater ist gestürzt und lag im Krankenhaus, und dann ist die Frage, ob man sein Rennen finished, mit einem Schlag komplett egal.
Gründe für ein DNF

Erstmal eine kurze Vorbemerkung, die mir hier wichtig ist: Bei diesen Distanzen ist aus meiner Sicht die Mehrheit der Teilnehmenden körperlich absolut in der Lage, das zu schaffen. Was dann trotzdem zum Abbruch führt, ist viel öfter der Kopf, als tatsächlich andere Gründe, wie technische Defekte oder Krankheit. Und manchmal sind es auch fehlende Resilienz oder der Umgang mit Schmerz und einem schlechten Moment.
Aber eine wichtige Einschränkung dazu, gerade für alle, die noch neu in diesem Sport sind: das heißt nicht, echte Warnsignale zu ignorieren. Unterkühlung, eine ernsthafte Verletzung, Fieber oder eine Infektion: das sind keine Kopf-Themen, das sind deutliche Stopp-Signale.
Es geht mir hier um die Fälle, in denen man selbst im Nachhinein merkt, dass eigentlich noch mehr gegangen wäre. Und dieser Unterschied ist leider im Moment selbst oft schwer zu erkennen.
Auch ich wusste erst hinterher, in welche Kategorie mein BBBR-Abbruch gehörte. Und natürlich ist da immer die Gefahr, dass man sich die Geschichte im Nachhinein so zurechtlegt, wie sie am wenigsten wehtut. Genau deshalb lohnt sich der genaue Blick darauf, was im Kopf eigentlich passiert ist:
Beim BBBR zum Beispiel war der wunde Hintern real, keine Frage. Aber die Entscheidung an Checkpoint 6 war auch eine mentale. Ich hatte mich in eine Situation hineingesteigert, in der ich glaubte, es nicht mehr auszuhalten, und hab das nicht mehr hinterfragt. Andere wären vielleicht mit ähnlichen Beschwerden einfach weitergefahren.
Beim Trans Balkan Race war die Handnerv-Verletzung real und hat sehr wehgetan. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich innerlich schon vor Kilometer 420 von dem Gedanken verabschiedet, dass ich das schaffen kann. Ich war einfach nicht bereit dafür.
Die Grenzsteintrophy war der Fall, wo der Kopf sogar der Auslöser war, nicht nur die Reaktion. Ich hab mich selbst in einen Tunnelblick manövriert, in dem Weiterfahren wichtiger wurde als vernünftig Essen.
Und die Italy Divide ist der einzige Fall, bei dem der Kopf komplett raus ist aus der Gleichung. Das war kein Resilienz-Thema, sondern etwas, das größer war als das Rennen.
Warum man nachts keine Entscheidungen treffen sollte

Ein Punkt, der bei alldem oft nicht bedacht wird: Je erschöpfter man ist, desto schlechter wird die eigene Urteilsfähigkeit. Nach vielen Stunden im Sattel, wenig Schlaf, viel Anstrengung und Kalorien-Defizit, ist man einfach nicht mehr die Person, die morgens frisch am Start stand und rational abwägen kann, ob ein Abbruch wirklich nötig ist. Genau in diesem Zustand trifft man aber die Entscheidung, die alles andere danach bestimmt.
Deshalb gibt es ja auch diesen einen Leitspruch: Never Scratch at Night. Nachts ist alles schlimmer, jeder Schmerz größer, jede Zweifel lauter. Wer nachts aufhört, hört oft aus dem falschen Grund oder der falschen Einschätzung einer Situation auf. (Wichtige Ausnahme: Akute Notfälle, Unterkühlung oder echte Verletzungen gelten hier natürlich nicht. Da würde ich nicht warten, sondern gleich handeln.)
Genauso simpel, aber ähnlich wichtig: erstmal was essen, bevor man irgendeine Entscheidung trifft. Ein leerer Bauch verzerrt die Wahrnehmung stärker, als man glaubt. Jeder, der mal unterzuckert war oder zu wenig gegessen hat, kennt das vermutlich.
Beide Regeln sind im Grunde nichts anderes als: warte, bis du wieder ein neutraler Richter über dich selbst bist, bevor du über dich selbst richtest.
Drei Wege, ein DNF zu erklären
Nach einem DNF gibt es eigentlich drei mögliche Deutungen: Ich wachse daran. Ich kann das einfach nicht. Oder: Ich akzeptiere, dass es nicht ging.
Nur hört man in der Praxis fast ausschließlich die erste. Der Zeitgeist hat da eine klare Präferenz, das muss man so sagen. Scheitern wird gerade in fast jedem Lebensbereich zur Wachstumschance umgedeutet, im Sport genauso wie im Job. Klingt gut, lässt sich gut posten. Aber die anderen beiden Deutungen sind genauso legitim, kommen aber in der öffentlichen Erzählung kaum vor, obwohl sie mindestens genauso oft zutreffen.
Ich wachse daran. Das funktioniert nur, wenn es tatsächlich etwas gibt, das man korrigieren kann. Bei der Grenzsteintrophy stimmt das und ich weiß heute genau, was ich falsch gemacht habe. Und das North2Peak beweist, dass die Korrektur funktioniert hat. Bei der Italy Divide dagegen wäre „ich wachse daran“ schlicht unpassend. Es gibt nichts an meiner Leistung zu verbessern, weil es nie um meine Leistung ging.
Ich kann das einfach nicht. Nicht noch nicht, nicht diesmal nicht, sondern: dieses Format, diese Art Bikepacking ist einfach nicht meins. Das ist eine völlig legitime Antwort, die aber kaum jemand offen ausspricht, weil sie sich nach Aufgeben anhört, obwohl sie oft nur ehrlich ist. Bei BBBR oder Trans Balkan wäre „ich wachse daran“ eine bequeme Lüge gewesen, wenn die ehrlichere Aussage eigentlich ist: der Kopf hat an dem Tag nicht mitgemacht, und ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt ändern kann. Oder ob dieses Format grundsätzlich nicht zu mir passt. Genau da fängt die Selbstverarschung an, wenn man sich stattdessen die Wachstumsgeschichte zurechtlegt.
Ich akzeptiere, dass es nicht ging. Das ist die dritte Möglichkeit und die, die am wenigsten wertet. Sie muss nicht entscheiden, ob es Wachstum war oder ein grundsätzliches Nicht-Können, sie nimmt das Ergebnis einfach als das, was es ist. Bei Trans Balkan oder BBBR war das lange schwer für mich auszuhalten. Gefährlich wird Akzeptanz aber, wenn man sie auf einen Fall wie die Grenzsteintrophy anwendet und einen eigentlich vermeidbaren, hausgemachten Fehler mit „war halt so“ abtut, ohne genauer hinzuschauen.
Und man ist bei sich selbst sowieso kein guter Richter. Gerade wenn der Kopf die Ursache war, neigt man dazu, entweder alles auf sich zu nehmen oder alles wegzuerklären. Deshalb hilft es, das nicht allein zu sortieren, sondern mit dem Partner, der Partnerin oder einer guten Freundin oder einem guten Freund zu besprechen. Oft reicht auch jemand, der einen kennt und nicht mittendrin war. Von außen lässt sich die Frage oft klarer stellen, als man sie sich selbst stellen mag: war das jetzt körperlich oder mental, steuerbar oder nicht.
Der Ehrlichkeitstest

Ich habe mittlerweile ein paar Fragen, die ich mir stelle, bevor ich mir selbst irgendeine Geschichte erzähle:
- War die Ursache in meiner Kontrolle: Ernährung, Pacing, Ausrüstung, Vorbereitung? Oder komplett extern: Familie, Wetterextrem, Erkrankung, ein Materialbruch ohne eigenes Verschulden?
- War es wirklich der Körper, oder war der Körper nur der Anlass, den der Kopf genutzt hat, um aufzuhören?
- Wenn steuerbar: Kann ich einen konkreten nächsten Schritt benennen? Oder sag ich nur „ich wachse daran“, ohne zu wissen, was sich ändern soll?
- Wenn nicht steuerbar: Wachstum ist einfach die falsche Kategorie hier.
- Kann ich mir das überhaupt selbst ehrlich beantworten, oder brauch ich dafür jemanden, der nicht mittendrin war?
- Und das Warnsignal in beide Richtungen: etwas als „Wachstumschance“ zu definieren, ohne sagen zu können was konkret anders wird, ist meistens Trost und kein Ergebnis. Aber auch „ich kann das einfach nicht“ ist manchmal keine nüchterne Erkenntnis, sondern nur die bequemere Art, nicht mehr an sich arbeiten zu müssen.
Und jetzt?

Was ich am Ende sagen will: Egal wie viele DNFs zusammenkommen, egal in welche der vier Kategorien sie fallen, man sollte nie den Schluss daraus ziehen, fürs Bikepacking oder Radfahren generell nicht gemacht zu sein.
Vielleicht ist es einfach nur das Ultra-Racing-Ding, das bei einem selbst nicht funktioniert. Und das muss es auch nicht.
Ultra-Races sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem ganzen Bikepacking-Kosmos, der gerade extrem viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, auch weil sich dort momentan viele Influencer ausprobieren und darüber berichten. Und weil es natürlich seine Reize hat, in wilden und entlegenen Gebieten mit dem Fahrrad zu fahren und Teil einer inspirierenden Gemeinschaft zu sein.
Aber der große Rest, das entspannte Reisen mit dem Rad, Overnighter, kurze und lange Touren ohne Zeitdruck und Checkpoints, kennt DNFs in diesem Sinne gar nicht. Da gibt es nur: heute vielleicht nicht so weit, dafür morgen wieder.
Wer bei einem Ultra scheitert, hat vielleicht einfach das falsche Format für sich gewählt, aber nicht das falsche Hobby.

Martin, tolles Thema.
Es ist für mich ein wunderbarer Spiegel der eigenen Seele und der eigenen Sammlung an DNFs, wenn man sich deine Fragen ehrlich beantwortet.
Sehr schöner Impuls – bin noch an der eigenen Analyse und habe eine schöne Liste mit zwei BBBRs usw. zu bearbeiten
Sehr interessant. Und absolut richtig, nicht jedes DNF ist vermeidbar und aus manchen kann man nix lernen. Wird dir das Rad geklaut, kann man es beim nächsten Mal besser abschließen, aber das Learning ist begrenzt.
Eine Ergänzung, bei meinen beiden DNF war es so, dass ich vorher mir dessen schon bewusst war, dass ein DNF ein realistisches Szenario ist, ich aber es trotzdem probieren wollte. Da lagen die Gründe vorher quasi schon auf dem Tisch und hinterher eine Attribuierung gar nicht mehr nötig.
Und ein Punkt ist vielleicht – was ich gerade für mich lerne / lernen muss, dass es ggf auch nötig und möglich ist, dass man das eigene Ziel den eigenen Anspruch verschieben muss.
Ist eine gute Zeit / Platzierung / eine eigene PB das Ziel und wie geht man damit um, wenn es schon absehbar ist, dass dies nicht möglich ist. Ressourcen schonen, Geld/Zeit/Energie sparen, oder einfach mit anderem Mindset – lernen kann man immer bei Events – trotzdem an den Start gehen. Vielleicht ein Sonderfall, aber auch interessant, was das mit einem macht.
„… Ich kann das einfach nicht …“ ist vermutlich bei mir immer der Grund, ein DNF zu produzieren.
Ok, ich war nicht auf extremen Ultrarennen unterwegs, sondern nur so auf 1.000 Kilometer-Geschichten, aber meistens war ich der älteste und habe erst mit 40 (wieder) zum radfahren begonnen.
Inzwischen nehme ich gar nicht mehr teil, manchesmal fahre ich Strecken im „Urlaubs“-Modus bei Gelegenheit nach…