Italy Divide: Von Vulkanen, Abruzzen-Schnee und dem Ruf der Familie
Es ist irgendwie skurril: eben war ich noch in der Toskana und strample einen Berg hoch, nun sitze ich im Krankenhaus in Leipzig bei meinem Vater und pflege meine Mutter, während meine Schwester neue Möglichkeiten der Betreuung checkt. So hatte ich mir meine Teilnahme an der Italy Divide natürlich nicht vorgestellt, aber manchmal schreibt das Leben eigene Geschichten. Und manchmal gibt es Dinge, die einfach Vorrang haben.

Die Italy Divide hatte ich schon länger auf meiner Liste, auch weil es kein Rennen, sondern ein Event ist, bei dem man im Kern sein Tempo selber bestimmen kann. In diesem Jahr wurde die Italy Divide 10 Jahre alt. Aus diesem Anlass hatte Giacomo, der Organisator des Events, mit der XL-Variante eine neue Strecke hinzugefügt: 1.650 km und 26.000 HM von Bari nach Pompei, wo sie an die Classic-Variante anschließt, die mit 1.250 km und 22.000 HM zu Buche schlägt. Und dann gibt es noch die Origins-Variante, die von Rom aus 700km und 14.000 HM an den Gardasee führt. Alle drei Strecken gehen ineinander über. Ich bin die Classic Strecke gefahren und am 1. Mai in Pompei gestartet.

Dieser Ort ist wirklich bemerkenswert, denn das antike Pompei liegt direkt am Startort – dadurch hatte ich auch besten Blick auf die Ruinen am Fuß des Vesuv.
Vom Vesuv-Gipfel direkt in den Baller-Modus

Auf diesen ging es dann auch direkt nach dem Start: nach 2 km begann der Aufstieg und es warteten die ersten 1.000 Höhenmeter am Stück. Für mich war es der erste Test meiner Fitness und ob sich mein Training der vergangenen Monate gelohnt hat. Was soll ich sagen? Es lief ganz wunderbar. 2h hatte ich für den Aufstieg eingeplant, war aber schon nach 1:35h oben. Oben ist es aber sehr unspektakulär und man bekommt auch keinen Blick über den Vulkanrand.

Dafür gibt es einen schönen Blick auf Neapel und die Bucht, bevor es über Serpentinen nach unten geht. Nun folgten erstmal 60-70 km „Ballern“ auf Straßen durch Neapel über Caserta, den ersten Berg nach Isernia. Das Teilnehmerfeld hatte sich bis dahin schon weit auseinandergezogen, aber am Nachmittag traf ich auf Christopher und zwei Stuttgarter. Gemeinsam rollten wir bis in die Dämmerung. Die beiden Stuttgarter beschlossen noch einmal Pause zu machen und was zu essen, während Christopher und ich weiterfuhren und in den Anstieg nach Carovilli machten.


Vom ersten Tag dann schon müde, beschlossen wir gegen 22 Uhr in den Nischen eines alten Kirchengebäudes oder Stalls unsere Schlafsäcke auszurollen. Leider war es in der Nacht sehr windig und so bekam ich nur wenig Schlaf.
Schneefelder und Steinpisten in den Abruzzen

Wer solche Unternehmungen fährt, weiß, dass es auf den zweiten Tag ankommt und wie man sich hier fühlt. Überraschenderweise ging es mir trotz sehr wenig Schlaf sehr gut und mein Körper zeigte kaum Nachwirkungen der Anstrengungen des ersten Tages. So ging es beschwingt in die ersten Kilometer und nach einem ausgiebigen Morgen-Cappuccino mit Cornetto in Castel di Sangro hieß es wieder Klettern.

Bislang war die Landschaft zwar schön, aber auch nicht sonderlich beeindruckend. Das änderte sich nun langsam, denn wir kamen in die Abruzzen. Und die lieferten mit einem schön alpinen Aufstieg auf 1.800 m, Schneefeldern entlang der Route, dichten Wäldern im Tal und einem herrlichen Blick auf die verschneite Bergkette des Parco Nazionale Della Majella ab.

Oben angekommen ging es in die sehr steinige Abfahrt, wo meine Hände arg gefordert wurden und ich ohne Federgabel auch etwas vorsichtiger fahren musste.

Immer wieder ging es Serpentinen hinab bis zum Scanno See und dort auf einer Panorama Straße durch die Schluchten des Sagittario nach Avezzano.

Was für ein Ritt, was für eine fantastische Landschaft. Für mich einer der schönsten Abschnitte der Italy Divide.



Wir beschlossen noch lange zu fahren und kamen gegen 22.30 Uhr in das kleine Bergdorf Sante Marie, wo wir auf dem Spielplatz unser Lager aufschlugen.

Die Nächte hier oben in den Abruzzen sind sehr kalt und so waren wir froh, endlich wieder auf den Rädern zu sitzen und direkt zu Beginn einen Anstieg zu haben. Das haben wir uns bewusst so gelegt, damit wir morgens gleich warm werden und den Körper aufwecken.
Via Appia, Vatikan und die unsichtbare Grenze zum Norden

Im ersten Tageslicht erklommen wir also den letzten Anstieg, bevor es tendenziell bergab nach Rom ging. Leider entpuppte sich die Strecke nach der ganzen Schönheit des letzten Tages als eine ziemlich triste und nicht ungefährliche Fernstraße, auf der wir viele Kilometer mit stark ansteigendem Autoverkehr nach Rom rollten.

Kurz vor dem Zentrum machten wir noch mal Pause, um was zu essen. Überhaupt ist diese Tour kulinarisch sehr zu empfehlen und ein kurzer Besuch in einem Café fast schon obligatorisch.

Dann rollten wir in das Herz der ewigen Stadt, über die Via Appia zum Kolosseum, dem Zirkus Maximus und weiter zur Engelsburg und dem Vatikan. Rom war heiß und stickig und voller Menschen. Kein Wunder, denn es war Sonntag und zudem das erste Mai Wochenende.


Entsprechend froh war ich, als wir kurz hinter dem Vatikan wieder schnell entlang des Tiber in eine freie Landschaft flüchten konnten. Überhaupt ist Rom eine interessante Stadt: jahrtausendalte Gebäude stehen dort einfach so rum, wie hingeworfen und dazwischen schlängelt sich das moderne Rom. Dabei ist die ewige Stadt gar nicht so riesig, wie ich vermutet hatte. Im Gegenteil: sie ist sehr kompakt und dann doch übersichtlich.

Rom ist aber auch wie eine unsichtbare Grenze zwischen dem südlichen und dem nördlichen Italien. Waren viele Wege und Pisten im Süden durch Müll und Dreck gesäumt, so war es plötzlich in der Toskana sehr sauber und aufgeräumt. Die Landschaft veränderte sich stark und nach den alpinen Abruzzen dominierten nun die welligen Hügel mit ihren beeindruckenden Orten obendrauf.
Schotter, Pizza und die Ruhe vor dem Unwetter

Aber hier lauerten auch die Höhenmeter durch das ständige hoch und runter: der Track ab Rom bis zur Strada Bianca hatte auf 270 km auch 4.400 Höhenmeter. Wir waren also aufs Klettern eingestellt und genossen die schöne Landschaft.

Es war Tag 3 und somit Zeit für eine Dusche und etwas Pflege. So rollten wir etwas früher als sonst in das wunderschöne Campagnano di Roma, wo wir in einem Hotel ein Zimmer nahmen. Im dazugehörigen Restaurant beschlossen wir den Abend mit Pasta und Pizza – la Dolce Bikepacking Vita!

Tag 4 begrüßte uns wieder mit blauem Himmel und Sonne, aber wir wussten, dass die Stunden gezählt waren und in den dann folgenden zwei Tagen Unwetter vorhergesagt waren.

Die Strecke folgte viel der Via Francigena, einem mehr als 3.000 km langen Pilgerweg, der von Canterbury nach Rom führt. Für uns bedeutete das auf vielen Schotterpisten weiter Richtung Norden zu fahren. Immer wieder über größere und kleinere Hügel und steile Anstiege und Abfahrten. Besonders schön fand ich die wilde Durchquerung eines archäologischen Parks, der einem Urwald glich und wo man ab und zu auf den nassen Trails schieben musste.

Nach dem Dolce Vita der letzten Tage, wollten wir unsere Standzeiten etwas reduzieren, auch um unseren Schnitt von 170 km am Tag zu behalten.

Die Route der Italy Divide kann man sehr schnell unterschätzen, denn normalerweise würde ich bei einer Länge von 1.250 km und 22.000 Höhenmeter ca. 200-230 km am Tag annehmen, auch weil der Asphaltanteil recht hoch ist. Aber ich hatte schon vorher den Verdacht, dass es nicht ganz so einfach sein würde und mit 170-180 km kalkuliert. Und damit lag ich richtig, denn die Strecke war schon sehr anstrengend und wir sind nicht langsam gefahren. Allerdings hatten wir aus kulinarischen Gründen eine höhere Standzeit pro Tag – was aber auch verständlich ist.

Körperlich habe ich das alles nahezu perfekt leisten können: wir sind täglich um die 3.000 Höhenmeter gefahren und mein Puls lag bei den über 700 km und 12.000 HM im Mittel bei 119. Mein guter alter Martin Diesel (aerobe Effizienz) hat also perfekt gearbeitet und ehrlicherweise waren die 6 kg, die ich vor der Italy Divide abgenommen habe, auch entscheidend für meine Performance. Die Berge bin ich zu 99% alle hochgefahren und hatte außer den üblichen Ultra-Langzeit Beschwerden keinerlei Probleme.

Gegen Abend kam immer mehr Wind auf und der Himmel bedeckte sich – Anzeichen des herannahenden Regens. Wir beschlossen die Nacht in einem B&B zu verbringen, was die richtige Entscheidung war, denn Mitternacht öffnete der Himmel seine Schleusen und brachte stundenlang Starkregen. Das war nur der Auftakt, denn in den dann kommenden Tagen sorgte der starke Regen unter anderem auch dafür, dass einige Wege Richtung Bologna durch reißende Bäche unterbrochen oder der Track gleich ganz überschwemmt wurden.
Vom Track ins Krankenhaus: Was wirklich zählt

Doch ich konnte das nicht mehr direkt erleben, denn in der Nacht schrieb mir meine Schwester, dass sie meine Hilfe zuhause brauchte. Schweren Herzens verabschiedete ich mich am Morgen von Christopher, fuhr 55 km durch den Regen zum nächstgelegenen Bahnhof und begann eine fast 48h Heimreise mit Fahrrad und Zug nach Hamburg.
Das klappte dann zu meiner Überraschung bis auf ein paar Ruckler ganz gut und nach einem kurzen Touchdown zuhause, fuhr ich gleich weiter nach Leipzig, wo ich den nächsten Ultra begann: die Pflege meiner Eltern, zusammen mit meiner Schwester. Ausgang noch offen.
Was für ein Kontrastprogramm und Wandeln zwischen den Welten. Aber so ist das nun mal. Nun heißt es erstmal Fokus Familie und dann plane ich neue Touren und Projekte.
Hinweis: Es ist nicht erlaubt den GPX Track und die Strava Aufzeichnungen der Italy Divide öffentlich zur Verfügung zu stellen, da der Track geschützt ist. Daher hier nur die Screenshots meiner Fahrtage.





Andere über die Italy Divide 2026
Video von Christian (Swiss Bikepackers) über seine beeindruckende 5,5 Tage Tour mit vielen praktischen Tipps:
