35 Jahre später

Radreise-Freundschaft: 35 Jahre später zurück am Ziel von 1991 // Bicycle Travel Friendship: 35 years later, back at the destination of 1991
Radreise-Freundschaft: 35 Jahre später zurück am Ziel von 1991 // Bicycle Travel Friendship: 35 years later, back at the destination of 1991

Als 1989 die Mauer fiel, standen mein Freund Stephan und ich im Keller seines Wohnhauses und schraubten an unseren Fahrrädern rum. Denn wir wollten die neue Freiheit nutzen, um die Welt mit dem Fahrrad zu erkunden.

Und 1991 war es dann so weit und in den Schulferien brachen wir zu unserer ersten Radreise auf: von Leipzig aus über die Alpen nach Venedig. Von dort aus weiter durch die Po-Ebene in die französischen Alpen, ein bisschen Schweiz und Frankreich und über Luxemburg zurück nach Deutschland.

Unsere Fahrräder: 400 DM Trekkingbikes mit 2x oder 3x7fach Schaltung.

Mit dabei: ein Hammer, ein Franzose (verstellbarer Maulschlüssel) und ein DDR Juwel Benzin Kocher. Da haben wir also jede Menge Erfahrungen gesammelt und auch Lehrgeld bezahlt.

Um die 3.000 km haben wir damals zurückgelegt und danach beschlossen, nie wieder miteinander auf Radtour zu gehen.

Das Versprechen hielt aber nicht lange und wir waren da längst mit dem Radtour-Virus infiziert.

Nach dieser ersten Europa-Tour folgten dann noch viele andere Reisen, die uns nach Marokko, zum Nordkap, nach Israel und durch den Himalaya nach Indien brachten.

Aber diese erste Tour blieb immer in meinem Gedächtnis, auch weil wir hier das erste Mal eine Nacht durchgefahren sind. Das war zum Ende der Tour und wir waren bei Osnabrück (glaube ich). Unser Ziel war Adamshoffnung, ein kleines Dorf am Plauer See, wo Stephans Familie ein Ferienhaus hatte. Und die Aussicht auf gutes Essen, faulenzen, umsorgt werden und einfach mal nix tun, war nach den hunderten Kilometern durch unseren Kontinent schon verlockend.

Daher beschlossen wir, nonstop durchzufahren, durch die Nacht, um am nächsten Tag dann da zu sein.

Über 300 km am Stück – das war schon was, zumal mit unseren Rädern und dem Gepäck. Ich weiß noch, wie ich morgens irgendwann gegen 4 Uhr in der Morgendämmerung bei einer Pause auf einer Bank weggenickt bin. Und ich war so müde und so unendlich froh, als wir endlich da waren.

In meiner Erinnerung lag Adamshoffnung inmitten eines großen Nichts, umgeben von Nadelwald und Feldern, zugänglich nur über sehr sandige Wege. Der nächste Laden war kilometerweit weg, genauso wie eine Post mit einem Telefon. Ich wollte zumindest meinen Eltern Bescheid geben, wo ich gerade bin, hatten wir doch in dem Jahr damals das erste Telefon bekommen.

Aber es war der richtige Ort, um nach einer großen Radtour auszuspannen und sich ein paar Tage zu erholen, bevor es zurück nach Leipzig ging.

Und es sollte 35 Jahre dauern, bis wir beide wieder zusammen mit dem Fahrrad nach Adamshoffnung zurückkamen. Der Grund war unser Winter-Overnighter, den wir seit letztem Jahr nun zu einer Tradition machen wollen.

Eigentlich eine kleine Tour, denn insgesamt waren wir drei Tage unterwegs – wenn auch nicht gemeinsam. Am ersten Tag reiste jeder von uns separat an. Als Treffpunkt hatten wir uns einen Rastplatz mit Aussichtsturm und Rasthütte an der Elbe-Havel-Mündung am Gnevsdorfer Wehr ausgesucht, wo wir uns gegen 21 Uhr trafen. Für mich ging es mehr als 100 km entlang der Elbe – das ist mental schon eine Herausforderung, auch wenn es eine sehr schöne Natur ist.

Aber die Sonne schien und die Temperaturen waren tagsüber fast sommerlich und nachts mit 0 bis 2 Grad auch nicht zu kalt. Stephan kam aus Magdeburg und rollte 15min nach mir in die Rasthütte. Wir quatschten noch etwas und krochen dann in unsere Biwaksäcke. Über uns ein unglaublich klarer Sternenhimmel. Wunderbar!

Am nächsten Morgen weckte uns die Dämmerung und das Zwitschern und Krächzen der Vögel in der Elbaue. Heute wollten wir es gemütlich angehen, denn Adamshoffnung war unser Ziel und nur 120km entfernt. Den Weg dahin gestalteten wir gemütlich und machten gleich erstmal in Perleberg an der Tankstelle Pause. Zum Bäcker hatten wir es nicht mehr im Rahmen der sonntäglichen Öffnungszeiten geschafft, so entspannt waren wir unterwegs.

Brandenburg und dann Mecklenburg-Vorpommern sind hier recht dünn besiedelt und so gab es auch nur wenige Versorgungsmöglichkeiten. Aber mit den steigenden Temperaturen und der Sonne machte das Rollen richtig Spaß. Wir schwelgten in Erinnerungen und versuchten zu klären, wie wir 1991 eigentlich genau gefahren sind und was wir erlebt hatten.

So schmolzen die Kilometer und in Plau am See machten wir eine Eis-Pause. Danach folgte ich Stephan auf einen sehr schönen Track direkt am Seeufer, der dann aber streckenweise auch etwas natürlicher wurde und wir durch Wasser und Gestrüpp schieben mussten.

Dann waren es nur noch 3 km bis Adamshoffnung, als Stephan nochmals abbog und wir um einen kleinen See fuhren. Hier hielt er plötzlich und meinte: “An dieser Stelle waren wir damals, 1991, zusammen baden”. Und nach 35 Jahren machten wir an dieser Stelle ein Foto, an das wir uns hoffentlich in 35 Jahren wieder erinnern und gemeinsam noch mal dort stehen.

Übrigens war trotz der hohen Temperaturen und des guten Wetters immer noch Eis auf dem Plauer See und auch der ein oder andere Bach war noch vereist. Und direkt unten am See war es merklich kälter, so dass wir uns wieder was überziehen mussten.

Nach diesem Abstecher zum Badesee rollten wir auf einem sehr sandigen Weg nach Adamshoffnung rein – so wie wir damals auch gefahren sind. Das Haus und die Terrasse erkannte ich wieder – ansonsten hat sich natürlich viel verändert.

Nach einer Dusche bestellten wir Pizza, tranken ein Bier und Unmengen Tee und feierten diesen schönen Overnighter in unsere gemeinsame Vergangenheit.

Am nächsten Tag fuhr dann wieder jeder seiner Wege: ich nach Lübeck zum Zug nach Hamburg und Stephan nach Fürstenberg zum Zug nach Leipzig.

Und es ist ein Glück, dass wir unseren Schwur von vor 35 Jahren, nie wieder miteinander auf Tour zu gehen, nie haben wahr werden lassen. Das Leben wäre um einiges ärmer gewesen.

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1 Comment

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  1. says: Dmitrii

    Vor etwa 8 Jahren habe ich mich dank deiner Texte für längere Toure begeistern lassen. Und das wirkt bis heute nach. Danke dir!