Während die Welt da draußen den Countdown für Silvester zählte, die Sektvorräte auffüllte und über „Neuanfänge“ philosophierte, saß ich in einem Shelter im Wald. Es war der 30. Dezember, es war dunkel, und das Thermometer kroch weiter in den Keller.
Eigentlich könnte man diesen Overnighter als „Jahresabschluss“ verbuchen. Aber für mich ist es eher eine Nullmessung, ein System-Check. Ich wollte nicht das alte Jahr verabschieden, sondern prüfen, ob mein Fundament für das neue steht und wie stabil es ist – sowohl das mentale als auch das materielle.

Micro-Resilience: Der Abenteuer-Muskel braucht Training
Wir neigen dazu, im Januar ambitionierte Pläne für den Sommer zu schmieden. Da träumt man von fernen Pässen und langen Wochen im Sattel. Und das ist auch gut so. Aber die Basis für diese Touren und Herausforderungen wird nicht unterm Baum gelegt, sondern in Nächten wie dieser.
Dieser Overnighter war ein Training in Micro-Resilience. Es geht um die Routine des Aufbruchs, wenn die Couch eigentlich „Bleib hier“ schreit. Es geht darum, die Handgriffe im Dunkeln zu beherrschen, wenn die Finger klamm werden. Darum, die Ungemütlichkeit nicht nur auszuhalten, sondern sie als Teil des Prozesses zu akzeptieren, um im Kopf frei für die wesentlichen Entscheidungen zu bleiben. Und darum, besser einschätzen zu können, was der Körper gerade braucht oder sagen will.

Diese kleinen Fluchten sind für mich die Versicherung für die großen Abenteuer. Wer im Dezember bei Frost im Shelter schläft, begegnet einem Wettersturz in den Bergen im Juni deutlich entspannter. Es ist schlicht die Gewissheit, dass das eigene Setup und die Abläufe auch unter Druck funktionieren.
Der Realitätscheck: Wenn Theorie auf Frost trifft
Wer zum Beispiel eine Teilnahme an Ultra-Bikepacking Rennen wie den Mountain-Races in Erwägung zieht, sollte sich ohnehin mit solchen Temperaturen und Bedingungen auseinandersetzen und entsprechend darauf vorbereitet sein. Aber auch regnerische Tage in Schleswig-Holstein oder ein Kälteeinbruch in den italienischen Alpen können zu Herausforderungen werden, auf die man besser vorbereitet ist. Da ist eine kalte nordfriesische Winternacht keine schlechte Idee, um sich und die Ausrüstung zu checken.

Wenn das Wasser in den Flaschen gefriert und die Kälte jede Pause ungemütlich macht, zeigt sich, wie gut die Routine wirklich ist. Solche Fahrten helfen mir dabei, Schwachstellen in der Verpflegung und Erholung unter realen Bedingungen aufzuspüren. In der Theorie ist jedes Setup im warmen Wohnzimmer „expeditionstauglich“. Aber erst draußen im Stresstest der Realität zeigt sich, was davon wirklich Bestand hat und funktioniert.
Daher war für mich dieser letzte Overnighter im alten Jahr vor allem ein Gear-Check:
- Das Schlafsystem: Ich war mit Biwaksack unterwegs (aktuell den Big Agnes Three Wire Hooped), der zusätzlich zum Shelter in Bargum Schutz vor den frostigen Nachttemperaturen bot. Zudem hatte ich diesmal noch den Sea to Summit Reactor Innenschlafsack mitgenommen, der etwas mehr Komfort bot. Zusammen mit dem Xlite 400 von Cumulus und der TAR Uberlite war es angenehm warm. Im Sommer fahre ich natürlich nicht mit diesem Set-up, aber wenn es kalt wird, habe ich lieber etwas mehr dabei, damit ich besser regenerieren kann.

- Die Klamotten-Frage: Ja, das Zwiebelprinzip gilt vor allem im Winter. Ich hatte in diesem Winter mal wieder einen Aha-Moment, denn eher durch Zufall bin ich auf mein langärmeliges Ski-Unterwäsche Oberteil gestoßen, das ich mittlerweile sehr schätze. Darüber kommt nur noch eine Polartec Alpha Jacke und wenn der Wind eiskalt bläst noch eine leichte Regenjacke. Mehr brauche ich nicht. Und was mir besonders gefällt ist, dass es in den Pausen warmhält und sehr schnell trocknet. Optimal für lange Wintertouren.
- Energie-Management: Ich habe aus meinen Fehlern gelernt und mittlerweile eine Versorgungsroutine etabliert, mit der ich zwischen 60-90g Kohlenhydrate pro Stunde zu mir nehmen kann. Das ist vor allem bei Kälte entscheidend, wo der Körper mehr Energie braucht. Ich kombiniere dafür eine Mischung aus Kalorie-reichem Trinken und Energieriegeln. Beim Trinken im Winter setze ich mittlerweile auf einen Trinkrucksack, da dieser das Wasser warm und damit trinkbar hält. Das Wasser in meinem Radflaschen war gefroren.

- Das Fahrrad: Das wohl wichtigste Ausrüstungsteil ist natürlich das Fahrrad. Mittlerweile habe ich auf meinem neuen Chiru Kegeti die 1.000 km Marke geknackt und konnte es dabei noch feinjustieren. Es ist ein spürbarer Unterschied zum Salsa Fargo: wesentlich sportlicher und auch schneller. Es macht richtig Spaß und hat sich nun auch auf langen Etappen ohne Pausen bewährt. Und auch beim Gepäck konnte ich experimentieren und zum Beispiel verschiedene Frontträger ausprobieren. Als nächstes kommt das Thema Licht dran…
Ihr seht also, Ausrüstung ist für mich kein Selbstzweck. Sie ist das Werkzeug, das mir den Kopf freihält und mit dem ich nahezu alles machen kann. Wenn ich weiß, dass mein Material funktioniert, kann ich mich auf die Landschaft und das Erlebnis konzentrieren. Und darauf, leistungsfähig zu bleiben und mich zu motivieren, wenn es darauf ankommt.
Kein „Neues Jahr, neues Glück“ – sondern Vertrauen und Erfahrung
Ich starte also nicht mit einer Liste von Vorsätzen in dieses neue Jahr. Ich starte mit einem verlässlichen Kompass. Dieser Overnighter hat mir gezeigt: Das Rad ist bereit, das Setup steht, und Kopf als auch Körper sind auf „Draußen“ programmiert.

Anstatt auf den ersten warmen Frühlingstag zu warten, ist mein Rat für 2026: Macht eure eigene Nullmessung, euren eigenen System-Check. Geht raus, wenn es eigentlich ungemütlich ist. Testet euer Zeug, testet eure Grenzen. Das gibt eine Form von Souveränität, die man mit keinem Vorsatz der Welt kaufen kann. Und es macht zudem glücklich – und davon kann man auch in diesem Jahr nicht genug bekommen.

Ich hätte Lust dich zu begleiten. Ließt sich ausgesprochen gut