Grau, nass, kalt – und absolut großartig. Während sich die meisten Menschen zur Wintersonnenwende in ihre warmen Wohnzimmer zurückziehen, zog es uns nach Norden. 30 Bikepackerinnen und Bikepacker, 8 Säcke Kaminholz auf den Lenkern und die Suche nach der besonderen Magie, die nur entsteht, wenn die Nacht am längsten ist.
Gemeinsam in die längste Nacht
Winterzeit ist Overnighter-Zeit. Und nach dem November-Ausflug nach Dänemark, sollte es nun wieder in den Norden gehen – diesmal aber mit vielen Gleichgesinnten, denn ich habe am Hackenpedder-Weihnachtsovernighter teilgenommen – organisiert von Jan aka Speichenbruch.
Unser Ziel: ein Shelterplatz bei Haderslev in Dänemark, gelegen an einem See oberhalb des Haderslev Fjords, wo wir die längste Nacht des Jahres feiern wollten.

Unsere Gruppe: eine bunte Mischung aus knapp 30 Fans norddeutscher Bikepacking-Kultur, grauer Tage und kalter Nächte. Start war in Flensburg und so beschloss ich, am Tag davor anstatt mit dem Zug, die Strecke mit dem Fahrrad hochzufahren.
Boxenstopp im Container: Das Roatel-Experiment
Dafür startete ich am späten Nachmittag und fuhr bei leichtem Regen nach Busdorf, südlich von Schleswig gelegen.

Hier gibt es ein sogenanntes Roatel. Das sind vereinfacht gesagt Überseecontainer, die zu kleinen Hotel-Zimmern umgebaut worden sind. Diese sind in ganz Deutschland an einigen Autohöfen entlang der Autobahn aufgestellt und ich habe im Herbst bei einer längeren Autofahrt diese Art der Übernachtung entdeckt. Und nun wollte ich es mal ausprobieren.

Gebucht wird via Website, es kostet 49 Euro die Nacht und das kleine Zimmer bietet alles, was man nach einer nass-kalten Fahrt durchs dunkle Land braucht: ein großartiges Bett, Dusche und Toilette. Natürlich wird es eng, wenn das Fahrrad mit im Zimmer steht, aber Kompromisse muss man immer machen.


Von Flensburg Richtung Fjord
Gut ausgeruht startete ich dann am nächsten Morgen und fuhr im ersten Tageslicht nach Schleswig rein und weiter hoch nach Flensburg. Dort trafen wir uns und radelten dann zusammen los.

Im Kern folgten wir der Route des Shelter Attack, die sich angenehm wellig nach Norden schlängelte. Und wie es bei Gruppenfahrten so ist, zog sich das Feld etwas auseinander.

In Apenrade/Aabenraa dann der erste Stopp in einem Imbiss am Ostseefjord, der vermutlich mit uns den Umsatz des Jahres gemacht hat.

Die Route führte durch die kleinen Dörfer und an einsamen Höfen entlang durchs Land. Und immer wieder an die Ostsee. Zwischendurch erfrischte uns leichter Niesel, bevor wir in der Dämmerung nach Haderslev einrollten.

Hier teilte sich die Gruppe. Wir machten Besorgungen für das Camp und suchten vor allem Holz für das Feuer. Nach einigem Hin und Her wurden wir an einer Tankstelle fündig und transportierten insgesamt 8 Säcke Holz auf unseren Lenkern die letzten Kilometer durch die Dunkelheit zum Shelterplatz.

Lagerfeuer-Magie und Hikers Midnight
Als wir eintrafen, brannte das Feuer bereits und wir verteilten uns auf die vier Shelter oder bauten die Zelte auf. Wenig später war alles festlich geschmückt, das Feuer wurde größer, auf den Kochern köchelte das Abendessen und später der Glühwein.

Gunnars Whisky-Flachmann kreiste so wie die sehr gut schmeckenden Erdnussflips mit Käsegeschmack und an allen Ecken konnte man Geschichten lauschen. Kurzgesagt: Fantastisch und der Wintersonnenwende mehr als würdig!

Zur „Hikers Midnight“ um 21 Uhr dünnten sich die Reihen langsam aus – viel Bewegung und viel frische Luft machten einfach müde. Und kurz nach 23 Uhr kroch dann auch der letzte in seinen Schlafsack – oder legte sich auf sein kleines Schaffell.

Die Wintersonnenwende fiel in diesem Jahr auf die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember und so war der Sonnenaufgang am nächsten Morgen erst für 8.45 Uhr vorhergesagt. Genug Zeit um auszuschlafen, doch bereits kurz nach 7 Uhr regte sich Leben im Camp.

Das Feuer wurde angeworfen, der Kaffee gekocht, das Frühstück zubereitet. Und gegen 9 Uhr machten wir uns auf die Rückfahrt nach Flensburg.
Der Kampf gegen den dänischen Ostwind
Diesmal blies uns aber ein kalter Ostwind entgegen, der nach einem landschaftlich sehr schönen, aber hügeligen Einstieg dann uns auf den Flachetappen das Leben etwas erschwerte.

Dadurch zerfiel unsere Gruppe auch recht schnell, denn jeder musste so fahren, dass er oder sie nicht fror. Die einen schneller, die anderen langsamer. Glücklicherweise haben in Dänemark die Geschäfte auch am Sonntag auf und so konnten wir nach 24km in Rødekro in einem Supermarkt-Café einkehren und uns aufwärmen. Auf den restlichen Kilometern nach Flensburg zerfiel die Gruppe dann endgültig, denn einige wollten noch ihren Zug bekommen – und nicht frieren – und gaben daher ordentlich Gas.

Das tat aber dem Overnighter keinen Abbruch, denn was blieb war der wirklich tolle Abend und die Gemeinschaft auf den Kilometern dahin und zurück. Beim nächsten Mal sollten wir mehr Stopps einplanen und die Strecke entsprechend legen. Dann können die Schnelleren gut auf die etwas Langsameren warten und alle treffen sich regelmäßig wieder. Das lässt mehr Gemeinschaftsgefühl entstehen, die jede und jeden mitnimmt.
Die Ästhetik des Grauen: Warum das Dunkel fasziniert

Der Winter ist aber auch eine herausfordernde Jahreszeit für solche Touren – vor allem in der Gruppe. Und entgegen dem Klischee von traumhaft sonnigen Tagen und fantastischen Landschaften, sind die meisten Kilometer dann doch eher grau und dunkel.
Das Besondere auf diesen Ausflügen ist daher für mich weniger die Strecke an sich, da ich ohnehin durch die langen Nächte und kurzen Tage nicht viel davon sehen kann. Vielmehr ist es die Schönheit der Dunkelheit, die ich reizvoll finde.

Zum einen das tiefe Schwarz im Wald, nur erhellt durch den Fahrradscheinwerfer. Zum anderen die vielen kleinen Lichter und Lichtspiele, die gerade jetzt zur Weihnachtszeit das Dunkel durchbrechen.
Viele hatten ihr Fahrräder mit Lichterketten geschmückt und so manches Haus gab sich redlich Mühe ein Licht in dunkler Nacht zu sein.

Ich finde es immer großartig, wenn man aus der Dunkelheit wieder ins Licht fährt – sei es auf ein festlich erleuchtetes Haus zu, oder auf das lodernde Lagerfeuer, das man schon durch die Bäume sieht.

Die längste Nacht des Jahres hat mir mal wieder gezeigt: Man braucht keinen strahlenden Sonnenschein, um die Schönheit der Welt zu sehen. Manchmal reicht ein kleiner Lichtkegel auf einem dunklen Waldweg und die richtige Gemeinschaft, um das Grau in Gold zu verwandeln.

Ein großes Danke noch mal an Jan für die Organisation und Nils für den Support und an alle, die dabei waren und ihre Lichter, ihre Geschichten und ihren Whisky, Glüh- und Rotwein geteilt haben.

Einfach mega! Wie gern würde ich sowas mitmachen. Aber für einen overnighter einmal durch ganz Deutschland ist dann doch eine lange Reise 😉
Ich hoffe ich kann hier im Süden auch sowas auf die Beine stellen.
Ganz liebe Grüße
Hallo David,
klar finden sich auch im Süden genügend Fahrrad und bikepacking begeisterte für einen solchen Ausflug!
Was für eine schöne Story. Danke fürs Teilen und frohe Weihnachten…