Raus in die Kälte: Warum der Overnighter im Winter am besten ist

Raus in die Kälte: Warum der Overnighter im Winter am besten ist
Raus in die Kälte: Warum der Overnighter im Winter am besten ist

Jeder, der regelmäßig Overnighter macht, kennt die klassischen Monate: Spätes Frühjahr bis früher Herbst. Sonnenschein, milde Nächte, leichtes Gepäck. Klingt großartig, oder?

Aber für mich ist die Zeit von Oktober bis März die wahre Overnighter-Saison. Und ich möchte euch erklären, warum die Kälte und Dunkelheit die besten Zutaten für das “ultimative Bike-Abenteuer” sind.

Bild: @ Johann Kristan
Bild: @ Johann Kristan

Letztes Wochenende war ich mal wieder Draußen und bin mit ein paar Freunden auf einen Overnighter nach Dänemark gefahren. Unser Ziel war ein Shelterplatz bei Kollund.

Der Tag war grau und frisch, aber das tat der Laune keinen Abbruch. Das Land hat bei diesem Wetter und zu dieser Jahreszeit einen ganz eigenen, nordischen Charme, den ich sehr mag. Wir trafen uns in Eckernförde und fuhren dann durch leere Landschaften und bunte Wälder Richtung Norden über Haithabu und Schleswig nach Flensburg.

Die Kilometer rollten so dahin, wir quatschten viel, fuhren schnell, kehrten mehr als einmal ein und überquerten dann in der Abenddämmerung die Grenze nach Dänemark.

Die Lichtkegel unserer Lampen durchschnitten die fantastische Dunkelheit, als am Straßenrand das Abbiegeschild zum Shelter auftauchte.

Bild: @ Johann Kristan
Bild: @ Johann Kristan

Hier waren wir ganz für uns. Jeder bezog seinen Shelter, breitete sich aus. Anschließend holten wir Holz, das dort vorrätig war, und machten Feuer. Es gab sogar eine Toilette und Dusche.

Bei Whisky, Chips und alkoholfreiem Bier quatschten wir lange, bevor die viele frische Luft des Tages uns müde in die Federn schickte.

Bild: @ Johann Kristan
Bild: @ Johann Kristan

Und am nächsten Morgen, nach den ersten Kilometern in der Dämmerung, wartete ein Frühstück und der erste Kaffee bei einem Bäcker. Danach sind wir noch ein paar Stunden durch den Vormittag gerollt und haben dann spontan den Zug nach Hause genommen.

Ihr merkt schon: Overnighter zur „ungemütlichen“ Jahreszeit finde ich am besten. Ich versuche daher von November bis März in jedem Monat mindestens einen Overnighter zu machen.

Und dafür habe ich gute Gründe:

1. Absolute Stille und Einsamkeit

Der Hauptgrund, warum ich meinen Biwaksack oder Zelt erst dann auspacke, wenn andere ihn schon einmotten: die Ruhe. An den schönsten Plätzen, den idyllischsten Schutzhütten und den besten Aussichtspunkten herrscht im Winter gähnende Leere.

Keine lauten Wandergruppen, keine überfüllten Zeltplätze, keine Grillpartys am Shelter. Der Wald, der See, die Berge – alles für mich allein. Dieses Gefühl von absoluter Einsamkeit ist für mich unbezahlbar und das findet man in der Hochsaison schlichtweg nicht, oder nur schwer.

2. Das unvergleichliche Lagerfeuer-Glück

Was ein Feuer angeht, bin ich im Sommer eher desinteressiert. Da ist es nett, aber nicht notwendig. Aber ein knisterndes, wärmendes Feuer im November, das die feuchte Kälte vertreibt und eure Hände nach einem langen Fahrtag wärmt? Das ist fantastisch. So erinnere ich mich sehr gerne an meinen eiskalten Geburtstagsovernighter im Januar, wo wir trotz Minusgraden noch lange am Lagerfeuer saßen. Im Winter ist die Atmosphäre rund um das Feuer viel intensiver. Es ist weniger zum Kochen, sondern vor allem um zu wärmen und Licht ins Dunkel zu bringen, bevor man in den Schlafsack kriecht. Die tiefschwarze Nacht, der aufsteigende Rauch und der Geruch von Holz – das macht den Winter-Overnighter aus.

Natürlich immer unter Beachtung der lokalen Brandschutzbestimmungen. Dafür suche ich einen Rastplatz/Grillplatz oder Shelter, bei dem Feuer explizit erlaubt ist. Das muss man manchmal auch vorher anmelden. Und dann – falls Holz nicht vor Ort vorhanden ist – plane ich die Strecke über einen Supermarkt, wo ich Holz und Anzünder hole und das die letzten Kilometern auf dem Rad transportiere.

3. Bessere An- und Abreise mit dem Zug

Im Sommer versuche ich erst gar nicht mit dem Fahrrad im Zug zu reisen. Da nehme ich gleich das Auto oder plane eine längere Anreise mit dem Fahrrad ein. Denn wer schon mal versucht hat, sein beladenes Bikepacking-Rad in der warmen Jahreszeit in einen voll besetzten Regionalzug zu manövrieren, weiß, wovon ich spreche.

Im Winter ist das entspannt. Die Züge sind leerer und die Fahrradstellplätze sind meist frei. Man muss nicht weit im voraus reservieren und kann sogar spontan mit dem Rad in den Zug. So wie ich am vergangenen Sonntag von Schleswig aus. Damit ist die An- oder Abreise schon Teil der Entschleunigung.

4. Natur pur: Das rohe Erlebnis

Ja, es ist oft kalt. Und ja, es ist oft feucht, vielleicht sogar matschig. Aber das sind die Momente, die ich mag und in denen ich die Natur intensiver erlebe. Der nebelverhangene Wald, die Schönheit gefrorener Äste, die kalte Landschaft, die frische Luft, die man auf der Haut spürt. Ein toller Ausgleich zum Alltag.

Und gleichzeitig die Gelassenheit, denn man hat ja alles dabei, um nicht zu frieren.

5. Die Überlebensformel: Wichtige Ausrüstung für die Kälte

Overnighter im Winter erfordern natürlich auch immer etwas mehr Ausrüstung. Der wichtigste Punkt ist daher die Vorbereitung. Das “Sommer-Set-up” reicht natürlich nicht aus, um die Nächte wirklich zu genießen.

Der Schlafsack: Hier solltet ihr keine Kompromisse machen. Wählt einen Schlafsack, dessen Komforttemperatur den kälteren Nachttemperaturen entsprechen. Ich fahre im Winter meist mit meinem Cumulus X-Lite 400. Der wiegt um die 600g und hat mich auch bei minus 10 Grad in Kirgisistan warmgehalten.

Mit dabei ist auch ein Innenschlafsack. Normalerweise nehme ich einen Cocoon Expedition Liner, oder wenn es ganz kalt werden sollte auch den Sea to Summit Reactor.

Die Isomatte: Sie ist wichtiger als der Schlafsack! Euer Körper verliert die meiste Wärme an den kalten Boden. Eine Matte mit einem R-Wert von 4 oder höher ist meine Empfehlung. Wenn ihr nur eine Sommermatte habt, kombiniert sie mit einer dünnen Schaumstoffmatte, um den R-Wert zu erhöhen. Ich bin meist mit der TAR Uberlite oder Xlite unterwegs, die beide gute R-Werte haben.

Zelt oder Biwak: Das entscheide ich je nach örtlichen Gegebenheiten. Letztes Wochenende hatte ich noch einen einfachen Biwaksack dabei. Er gibt noch mal extra Wärme und Isolation. Aber da habe ich auch im Shelter geschlafen, wo es trocken war. Kurz vor Weihnachten werde ich wieder auf einen Overnighter nach Dänemark fahren, habe mich da aber für ein Zelt oder einen Biwaksack entschieden. Die Shelter werden zu voll sein, da wir als Gruppe unterwegs sind und ich suche mir dann lieber ein ruhiges Plätzen ab vom Schuss, wo es dann aber etwas kälter und nasser sein wird.

Licht-Strategie: Im Winter sind die Tage kurz und die Nächte lang. Eine leistungsstarke Fahrradbeleuchtung ist also essenziell für die Fahrt auf der Straße und im Gelände. Egal ob mit Akku oder Dynamo – auf jeden Fall sollte man dafür sorgen, dass ausreichend Kapazität vorhanden ist, auch weil bei Kälte die Akkus schneller leer sein können.

Für das Lager, Kochen oder den Shelter ist eine zuverlässige Stirnlampe unverzichtbar. Gerne auch mit Rotlicht-Option, um die Nachtsicht zu erhalten. Ich persönlich nutze die aber nie.

Kleidung im Lager: Ich versuche mir sofort nach Ankunft trockene und dicke Kleidung anzuziehen. Dafür habe ich einen Merino-Baselayer und eine Daunenjacke dabei. Und ganz wichtig: Mütze und Handschuhe, denn viel Wärme geht über Kopf und Extremitäten verloren. Meine feuchten Sachen von der Fahrt hänge ich dann auf, damit sie etwas Luft bekommen. Anschließend nehme ich sie teilweise sogar nachts mit in den Schlafsack, damit sie trocknen. Auch ein extra Paar dicke Socken sind immer gut. Bei großer Kälte und Nässe fahre ich aber meist wasserdichte Socken in meinen Winterschuhen (Shimano ME7) und darüber Neopren Gamaschen.

Essen & Trinken: Nicht nur das Feuer am Lager muss brennen, sondern auch der innere Ofen. Daher ist Ernährung unterwegs und im Lager wichtig. Da bei diesen Temperaturen das Trinken am Rad oft sehr kalt ist und man daher weniger trinkt, nehme ich oft auch einen Trinkrucksack mit. Da ist das Wasser warm und trinkbarer. Zudem nutze ich jede Gelegenheit um Flüssigkeit zu mir zu nehmen, sei es an einer Tankstelle oder im Café.

Bei den Overnightern verzichte ich meist auf Kochutensilien. Stattdessen plane ich kurz vor dem Camp einen Essensstopp ein. Letzte Woche war es eine Burgerbar in Flensburg, wo wir uns noch mal den Magen füllten und so abends im Camp nur noch Knabberkram brauchten. Zudem habe ich noch ausreichend Riegel dabei, um morgens auch gleich was zuführen zu können und den Ofen noch vor dem Frühstück anzuwerfen.

Wer von euch ist auch am liebsten im Winter unterwegs?

Klar, die Isomatte muss dicker sein und der Schlafsack hochwertiger, und ja, manchmal sind die Zehen kalt oder es ist unangenehm auf dem Rad. Aber genau diese kleinen Herausforderungen sind es, die das Erlebnis so unvergesslich machen. Wenn morgens die Sonne durch den Nebel bricht und ihr der/die Einzige seid, der/die dieses Schauspiel erlebt. Oder abends am Lagerfeuer mit euren Mitfahrenden lange quatscht und die Wärme genießt – dann wisst ihr, warum es sich gelohnt hat.

Traut euch also raus und erlebt es selbst. Und ich bin gespannt: Was habt ihr noch für Tipps?

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6 Comments

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  1. says: Heike

    Meine 4 tägige Radreise im Winter an die Nordseeküste (nachts -8 Grad im Zelt) war eine der schönsten Radabenteuer, weil sie eine wahnsinnige Grenzerfahrung war.

  2. says: Olve

    Ich bin ebenfalls gern im Winter oder den frischeren Monaten unterwegs. Am gemütlichsten mit meiner Hängematte, Under, – und Topquilt ran, und unter dem Tarp schaukelnd meine Umgebung wahrnehmen. Dafür muss allerdings ein Gepäckträger ran, um einen grössren Drybag draufzubinden, – denn Komfort muss sein!

  3. says: Micha

    Ich bin 100 % bei dir, im Sommer gibt es hier keine wirkliche Ruhe und Einsamkeit. Der Winter bringt diese, auch dem Schweinehund den Mittelfinger zu zeigen, macht einen selbstbewussten und gibt Freiheit. Das Schönste finde ich, darüber zu lernen, dass die einfachen Dinge zum Königreich werden: gute Stimmung, Lagerfeuer und etwas Warmes im Bauch.

  4. says: Titus von Unhold

    Hängematte + Faltisomatte: Damit kann ich am Baum, aber auch am Boden schlafen.
    Taschenofen: Falls der Schlafsack doch zu leicht ist. Außerdem kann man damit Abends die Schuhe trocknen und sie Morgens vorwärmen.

  5. says: Tom Göller

    Bin zwar jetzt nicht unbedingt am liebsten im Winter unterwegs, aber ich kann deinen Gedanken gut nachvollziehen.
    Sich warm fahren, das heiße Getränk und die Ruhe sind klasse.
    Ebenso die Farben im Herbst sind gigantisch, wenn man durch die Wälder fährt. Sommer ist dagegen eintönig grün!
    Wer nicht weiß, ob seine Ausrüstung für die Temperaturen ausreichend ist, der sollte eine größere, dichte Trinkflasche an Bord haben. Die kann man zur Not als Wärmflasche verwenden (Kocher und Wasser vorrausgesetzt).
    So ein Teil mir mal ne Nacht im Herbst halbwegs erträglich gemacht (Sommerschlafsack war definitiv nicht angesagt, aber man lernt ).