Mit Madeleine und Mario auf Tour durch den Corona Sommer 2020

Mit Madeleine und Mario auf Tour durch den Corona Sommer 2020 // @Madeleine Hoppe

Für viele war das letzte Jahr ein Jahr ohne Radtour und Urlaub mit dem Fahrrad. Das Corona-Virus und der daraus folgende Lockdown haben auch unsere Reisefreiheit und -möglichkeiten eingeschränkt. Also war nix los in 2020? Weit gefehlt, denn mich erreichten zwei Emails von Madeleine und Mario, die mir von ihren Touren im Corona-Sommer berichteten. Und das fand ich so inspirierend, dass ich sie gebeten habe, mir mehr darüber zu schreiben und es mit euch zu teilen. Viel Spaß!

 

Viva l’Italia: Nach Süden mit Madeleine

@Madeleine Hoppe

Bitte stell dich kurz vor…

Mein Name ist Madeleine Hoppe und ich komme aus dem kleinen Örtchen Breckerfeld in NRW, südlich von Hagen. Die letzten zehn Jahre habe ich aber in der Weltgeschichte herumgeturnt, bin von Paderborn über Buenos Aires nach Berlin gekommen, war dort die letzten drei Jahre im Online Marketing tätig und hab dann gemerkt, „Nee, das ist es nicht, ich muss raus.“ So kam mir dann auch der Plan mit der Radtour in den Sinn. Eigentlich war das schon seit vielen Jahren mein Traum, durch die Unzufriedenheit im Job habe ich dann aber gemerkt, dass 2020 wohl der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Also noch ein Jahr Geld gespart und voller Freude meinen Job gekündigt, um dann im Lockdown fest zu sitzen, nicht wissend, ob ich überhaupt losfahren kann. Aktuell bin ich wieder in meiner Heimat und fange im April einen neuen Job in Köln an. Das hat sich alles super spontan ergeben, da ich aber in den letzten Monaten sehr oft auf mein Bauchgefühl gehört habe und sich das meistens als richtige Entscheidung entpuppt hat, habe ich das auch diesmal wieder gemacht. Mal schauen, was Köln für mich bereithält. Der Job klingt auf jeden Fall erstmal gut, ich gehe wieder zurück in die Sportschiene und somit in gewisser Weise auch meinem Hobby nach.

 

Was hast du geplant und was ist daraus geworden?

Ursprünglich war es mein Plan, durch Südamerika zu radeln, wollte das aber nicht alleine machen (Was ich jetzt definitiv doch machen würde). Habe mich aber schlussendlich dazu entschieden, zunächst eine Radtour durch Europa zu machen. Ich wollte im Frühjahr 2020 los düsen, immer in Richtung Norden bis zu den Lofoten und dann durch Finnland wieder zurück, weiter durch Osteuropa. Mehr hatte ich nicht geplant, den Rest wollte ich mir offen lassen. Die Lofoten hingegen stehen schon seit Jahren auf meiner Liste.

Mein Papa, der mich zum Radreisen inspiriert hat, und ich, reden schon seit einer halben Ewigkeit davon, mit dem Rad dorthin zu fahren, in der Natur zu sein und ggf. Nordlichter zu sehen. So viel zum Plan. Wie ich aber während und eigentlich auch schon vor meiner Tour feststellen musste, ist das Beste daran, einen Plan zu haben, ihn wieder verwerfen zu können.

Aufgrund der weltweiten Pandemie und der Grenzschließungen, konnte ich mir den Traum, im Sommer an den Lofoten zu stehen, bis dato nicht erfüllen. Stattdessen bin ich später losgefahren und erstmal nach Polen gefahren, weil dort die Grenzen schon offen waren und ich noch nie da war. Einfach mal was Neues sehen, habe ich mir gedacht. Auch da hatte ich keine weiteren Pläne und bin spontan in die Slowakei gefahren, von da aus nach Österreich und Slowenien, um dann nach Italien zu gelangen.

@Madeleine Hoppe

Dort entstand dann recht schnell mein Ziel: Sizilien. Ich hatte die beste Zeit in Italien, habe die schönsten Landschaften gesehen, die nettesten Menschen getroffen und vermutlich auch das beste Essen aufgetischt bekommen. Bis nach Sizilien habe ich es aber leider nicht geschafft – auch hier kam mir Corona dazwischen. Ich musste kurz vorher aufgrund des erneuten Lockdowns abbrechen und habe den letzten Monat meiner Tour in Porto Venere in Ligurien verbracht. Dort war ich zuvor schon zehn Tage und habe durch Zufall meinen persönlichen Wohlfühlort gefunden. Somit war es auch nur halb so schlimm, dass ich meine Tour nicht wie geplant durchführen konnte. Und sie läuft mir ja Gott sei Dank auch nicht davon.

 

Wo bist du lang gefahren?

Von Breckerfeld nach Berlin, um Freund:innen zu besuchen. Von da aus ging es erstmal nach Usedom, denn meine Freundin, die ich eigentlich in Berlin antreffen wollte, war zu dem Zeitpunkt auf Usedom im Beachvolleyball Camp. Und ich flexibel. Gesagt, getan, auf nach Usedom. Von da aus bin ich den Ostseeküstenradweg nach Danzig gefahren und dann immer weiter Richtung Osten, bis ich bei den Masuren ankam – wunderschön. Von da aus weiter nach Olsztyn und Krakau, bis in den Süden nach Zakopane. Dort war ich ziemlich überrascht von der Bergwelt, die sich mir geboten hat.

@Madeleine Hoppe

Über die hohe Tatra ging es in die Slowakei. Dort habe ich aber aufgrund einiger unschöner Erlebnisse nur ein paar Tage verbracht und bin relativ zügig nach Bratislava weiter geradelt. Ab da ging es dann nur noch bergauf: Ich bin rüber nach Österreich und habe das Burgenland durchquert. Von da aus ging es durch die Südsteiermark nach Kärnten und dann für eine kleine Sneak Preview nach Italien. Diese belief sich allerdings wirklich nur auf eine oder zwei Stunden und brachte mich schließlich nach Slowenien.

In Slowenien bin ich zunächst nach Bled gefahren, habe dort zwei Tagestouren unternommen und bin dann durchs Soca Tal geradelt – kann ich nur empfehlen! Von da aus ging es wieder nach Italien, genau genommen nach Venedig und dann zum Garda See. Von dort aus über Parma nach Porto Venere. Nach zwei Wochen Pause bin ich weiter über Lucca und Pisa durch die Toskana gefahren, vielleicht der schönste Teil der Reise. Am Ende der Toskana ging es durch Lazio bis nach Rom und ab da immer an der Küste entlang bis nach Neapel. In Neapel habe ich eine Begleitung gefunden, mit der ich über Pompeii und dann die Amalfiküste entlang gefahren bin.

Danach ging es für zwei Tage durch die Berge und dann wieder an die Küste, die wirklich einfach nur traumhaft schön war. Eigentlich wollten wir ab da bis nach Sizilien runterfahren und anschließend Sizilien erkunden. Der Lockdown hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass sich unsere Wege in Praia a Mare trennten und ich mit dem Zug nach Porto Venere zurück gefahren bin. Eigentlich war mein Plan, mich dort wieder aufs Rad zu setzen und nach Hause zu fahren, wurde aber von Schneemassen überrascht, die mich dazu zwangen, auch die letzte Etappe mit dem Zug zurückzulegen.

 

Deine Highlights…

Highlights waren für mich definitiv der Süden Polens und die Slowakei. Die hohe und niedere Tatra sind traumhafte Naturparadiese, die noch nicht überlaufen und vielleicht auch noch nicht bei jeder Person bekannt sind. Die Infrastruktur für Radreisende ist in der Slowakei zudem top, womit ich vorher absolut nicht gerechnet hätte. Fast überall gibt es perfekt ausgebaute Radwege.

@Madeleine Hoppe

Mein nächstes Highlight war Slowenien. Ich habe zwar gar nicht sooo viel vom Land gesehen, aber das, was ich gesehen habe, hat mir gereicht, um zu wissen, dass eine meiner nächsten Reisen definitiv nochmal in dieses wunderschöne Land führt. Zwar geht es immer ordentlich auf und ab und man macht viele Höhenmeter am Tag, wovon sich aber jeder einzelne lohnt. Das Soca Tal besticht mit seiner einzigartigen Schönheit und ich glaube nie zuvor habe ich so klare Flüsse gesehen. Italien war als Ganzes mein Highlight der Tour. Mein absolutes Traumland, was mir vorher schon immer gefiel, aber jetzt noch tiefer in meinem Herzen verankert ist. Wenn man Italien von Nord nach Süd bereist, wird einem erstmal bewusst, wie vielfältig das Land ist. Mir hat ein Mann in Neapel gesagt, dass Italien eigentlich aus zwei Ländern besteht: Nord- und Süditalien. Und ich glaube, treffender kann man es nicht beschreiben. Es gibt so viel zu entdecken, über die unterschiedlichsten Landschaften, seien es Berge, Meere, Seen, Felder, Wiesen oder Hügel, bis hin zum Essen und der Freundlichkeit der Menschen. Es gibt nichts, was Italien nicht hat. Aber mein absolutes Highlight war hier ohne Zweifel die Toskana. Einmal von Lucca bis nach Acquapendente, über Certaldo, San Gimingnano, Siena und die komplette Via Francigena – besser geht’s nicht.

 

Erzähl uns bitte was zu deinem Fahrrad und der Ausrüstung

Mein Rad habe ich mir für die Tour neu zusammenstellen lassen. Es ist ein Tourenrad der Marke Vinci. Meine Familie lässt ihre Fahrräder seit Jahren von Vinci bauen und was soll ich sagen: Enttäuscht wurden wir bisher noch nie. Es hat Lowrider vorne und hinten, sodass ich vier Taschen mit mir führen konnte. Meine Taschen habe ich von Ortlieb und war auch ziemlich zufrieden mit ihnen. Insgesamt hatte ich sechs dabei: Zwei kleine für vorne, zwei große hinten, einen Packsack (von Aldi :D) und eine Ortlieb Lenkertasche.

@Madeleine Hoppe

In den vorderen Taschen habe ich meine Küchenutensilien und Lebensmittel verstaut. Eine Seite für Töpfe und Geschirr, die andere für Essen. Ich hatte einen alten Spirituskocher meines Vaters dabei, den guten alten Trangia, den ich auch sehr empfehlen kann – wenn man ein bisschen Zeit hat. Denn das Wasser kocht mit Gas definitiv schneller, weshalb ich bei meiner nächsten Tour auch definitiv auf Gas umsteigen werde. Alltagskleidung hatte ich kaum dabei, zwei dünne Hosen, drei T-Shirts und einen Pulli. Dazu kamen zwei Radhosen, ein paar Sportshirts, ein Fleece, eine Patagonia Nano Puff Jacke habe ich mir in Rom noch gegönnt, als es kälter wurde, ein paar Handschuhe, einmal warme Unterwäsche und eine Ziphose, die ich auch sehr empfehlen kann.

@Madeleine Hoppe

Mein Zelt war von Tatonka, ging aber leider ziemlich schnell kaputt. Vielleicht einfach nur ein Materialfehler. Habe dann hinterher das Hilleberg meines Vaters genutzt, was natürlich top, aber für eine Person viel zu groß und schwer war. Meine Isomatte war eine 30 Jahre alte Thermarest, die aber mittlerweile von der Thermarest neoair x lite abgelöst wurde. Aber Thermarest hält, was sie versprechen. Ich habe sogar besser auf der Matratze geschlafen als in so manchen Betten. Und das, trotz ihres Alters. Allerdings war sie ein wenig sperrig und groß, sodass es Zeit für einen Nachfolger wurde. Mein Schlafsack ist der Mountain Equipment 750 Classic, den ich auch sehr empfehlen kann. Im Sommer tatsächlich etwas warm, aber als Decke genutzt optimal.

 

Hast du Tipps für Nachradler?

Definitiv keinen Stress machen und die Touren einfach grob planen, es kommt ja meistens doch anders, als man es sich anfangs gedacht hat. Flexibel sein, sich auf jede Situation einstellen und wenn es mal zu anstrengend am Berg wird, an die bevorstehende Abfahrt denken. Ich denke, Europa eignet sich gerade für Anfänger:innen sehr, weil die Infrastruktur gegebene ist. Das Radwegenetz ist gerade in Deutschland und Österreich gut ausgebaut und bietet sich daher auch für kürzere Touren an.

@Madeleine Hoppe

Ich habe mir zu Anfang gesagt, dass ich auf keinen Fall mit dem Zug fahren will, weil ich ja schließlich eine Radtour mache. Diese Einstellung habe ich aber zum Glück für mich revidiert und kann somit jedem:r ans Herz legen, nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Manchmal geht’s eben einfach nicht mehr und warum quälen? Das Ganze ist kein Wettkampf, meines Erachtens soll der Spaß im Vordergrund stehen. Außerdem: Ich bin der festen Überzeugung, dass man eine lange Tour auch mit einem einfachen Rad machen kann, man braucht nicht das neueste High End Gefährt. Am Berg macht es sich aber durchaus bemerkbar, wenn man mehr als drei Gänge zur Verfügung hat. Da würde ich schon wert drauflegen. Gleiches gilt für vernünftige Reifen: Ich hatte die Schwalbe Marathon und in fünf Monaten on Tour nicht einen Platten.

@Madeleine Hoppe

Ansonsten kann ich eine Radtour aber wirklich jeder:m ans Herz legen. Es gibt meiner Meinung nach keine bessere Möglichkeit des Reisens. Sie ist kostenlos, nachhaltig, und langsam genug, um alles sehen zu können, was man möchte, aber dennoch schnell genug, um viel sehen zu können.

 

Wo geht es in diesem Jahr hin?

Aufgrund des neuen Jobs wird es dieses Jahr wohl keine mehrmonatige Tour geben. Ich werde aber vermutlich vor Start noch einen Monat aufs Rad steigen und mein neues Equipment starten. Je nachdem wie es im Sommer aussieht und ich genug Urlaub habe, werde ich meinen Lofotenplan nochmal aufleben lassen oder mich von der Sonne Italiens verführen lassen und Sizilien bereisen.

@Madeleine Hoppe

 

Wo kann man dich finden und begleiten?

Finden tut man mich auf meinem Instagram Kanal: maddihop. Dort habe ich in den Highlights auch alle Etappen meiner Tour gespeichert. Ich bin gerade dabei, mir einen Blog zu erstellen und dort kleinere Texte über meine Tour veröffentlichen. Außerdem arbeite ich an meinem Film zur Reise, den ich über kurz oder lang veröffentlichen werde. Wo, weiß ich noch nicht genau.

@Madeleine Hoppe

 

 

Polarkreis & Polen, Dänemark & Deutschland, Elsass & Essen: Durch Europa mit Mario

 

@Mario Albrecht

Bitte stell dich kurz vor…

Also, ich bin Mario Albrecht, 57 Jahre alt, bin in Berlin geboren und wohne auch noch hier, bin verheiratet, habe fünf Kinder und arbeite seit ca. 30 Jahren in der Krankenpflege, zuletzt im Intensivpflegebereich in einer Herzklinik.

Mit dem Fahrrad bin ich häufig unterwegs und erreiche so einen großen Teil meiner Ortswechselziele. Schon damals, als in Ostdeutschland wir uns über jede asphaltierte Straße gefreut haben, bin ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, zu jeder Jahreszeit. Ab und zu habe ich meine Großeltern besucht, die wohnten in Sachsen in der Nähe von Meißen, 180 km mit DDR-Tourenrad, später ein Rennrad-ähnliches Rad mit einer tschechischen Viergangschaltung. Ein weiteres regelmäßiges Eintagesziel später war und ist Polen, Pommern, ca. 200 km von Zuhause entfernt. Dort befindet sich ein Bauernhof, wo meine aus Polen stammende Frau und ich die Sommerfrische verbringen.

Wenn ich nicht arbeiten muss, dann fahre ich mit dem Fahrrad hin und zurück. Also, ich bin nicht so der Immer-Viel-Fahrer, sondern der Zweckfahrer, wenn ich irgendwo hin muss, dann fahre ich die Strecke, wenn sich das zeitlich und von der Entfernung her gesehen einrichten lässt, mit dem Fahrrad. Zumeist allein. Einmal im Jahr machen wir so eine gemütliche Alt-Herren-Partie mit Freunden. Meine Frau ist da eher für das nicht so Anstrengende, Gemütliche, während ich doch etwas Herausforderung brauche.

Natürlich bin ich auch schon mal Rennen gefahren, mit dem Leben und unverletzt davongekommen, kann, muss aber nicht sein. Ich habe verschiedene Fahrräder, auch ein Liegerad ist dabei, das nutze ich im Sommer und gleite damit über den Asphalt.

 

Was hast du geplant, was ist daraus geworden und wo bist du lang gefahren?

Ja, geplant oder eher geträumt habe ich schon länger von einer Tour, die mich etwas weiterführt. Ein erstes Ziel war China. Meine Tochter lebte dort einige Jahre und fragte mich, wann ich sie denn besuchen komme. Ich sagte, so auf die Schnelle möchte ich das nicht, aber wenn wir das längerfristig planen, dann gerne, dann komme ich mit dem Fahrrad. So fing ich an, sechs Jahre bei meinem Arbeitgeber auf Geld zu verzichten und dann, im siebenten Jahr hatte ich endlich frei. Inzwischen wurden die Verhältnisse in China gegenüber Ausländern restriktiver und meine Tochter entschied sich, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Also ist mein Ziel verschwunden.

@Mario Albrecht

Dann fing ich an, Radreiseberichte zu lesen und wurde neugierig auf Georgien und den Iran. Der Kaukasus und die freundlichsten Menschen, überhaupt nach Osten wäre interessant. Ich bin ja häufig in Polen und schon dieser kleine Unterschied in diese Richtung ist für mich ein Erlebnis, das Erleben von einem Stückchen mehr Offenheit und Freundlichkeit, Feiern und Fröhlich sein. Mit diesem Plan im Kopf kaufte ich mir ein relativ schweres und robustes gebrauchtes Fahrrad, ein 26er Redbull von Rose, Baujahr ca. 2012 mit Rohloff-Schaltung. Im März 2020 bin ich dann los, so für fünf Monate auf Tour, wollte Ende April schon in Georgien sein und mich dann mit meiner Frau dort treffen.

Dann kam der oder das Corona-Virus, und im März fing das Gedownlocke an. Ich war mittlerweile schon in Polen und die Meldungen immer neuer Einschränkungen und Infektionen häuften sich. Ich dachte mir, dass ich schon mal weiterfahre bis an die ukrainische Grenze, bis dahin, so in ein bis zwei Wochen wird sich das ja erledigt haben. Je weiter ich nach Osten kam, je länger ich in Polen war, desto strikter wurden die Maßnahmen und auch die Angst griff um sich. Keine Bar zum Aufwärmen, Zelten im Schnee, Verwandtschaft meiner Frau, vorher in coronafreien Friedenszeiten verabredet, wollten mich nicht beherbergen.

@Mario Albrecht

Hinter Krakau konnte ich dann bei Bartek, über Warmshowers verabredet, eine Nacht verbringen. Hier gewann ich dann, durch seine Informationen, und sie hatten ja selbst eine weite Reise geplant, den Eindruck, dass es nichts wird mit Weiterfahren.

@Mario Albrecht

Mittlerweile war ich schon hinter Krakau (kaum Menschen unterwegs, keine Touristen) in der Nähe von Nowy Sacz, weit war es nicht mehr bis zur ukrainischen Grenze. Also entschied ich mich, wieder umzukehren. Schneetreiben in Oberschlesien, dann durch Niederschlesien, Patrouillen der Polizei fuhren durch die Dörfer, ich musste noch meine Strecke verlängern, weil kleine Grenzübergänge geschlossen wurden, Leute in Schutzanzügen an der Grenze in Görlitz, in Deutschland dann nicht ganz so dramatisch aber ähnlich, noch zwei Übernachtungen und ich war nach drei Wochen und 2.000km Weltreiseversuch wieder zuhause.

@Mario Albrecht

Ende Mai erfuhr ich, dass Schweden offen sei, das einzige Land, wo man noch hinkönne. Also fuhr ich wieder los. Dieses Mal mit dem Ziel, noch vor der Sommersonnenwende hinter dem Polarkreis zu sein. Pfingsten fuhr ich etwas mit meiner Tochter, statt durch China fuhren wir gemeinsam durch die Altmark, das Wendland und Mecklenburg. Dann trennten sich unsere Wege, ich fuhr weiter zur Fähre nach Rostock, mit dieser nach Trelleborg und dann eine Strecke durch Schweden, nach Norden, das Ziel war Abisko, im Gebiet der Tundra, hinter dem Polarkreis.

@Mario Albrecht

Dort kam ich auch ca. am 21. Juni an. Dann versuchte ich, nach Norwegen zu gelangen. Mit Erfolg, denn es war Sonntag und da wird der Grenzübergang nicht kontrolliert. Und so rollte ich einfach durch. Es ging ans Meer, über die Lofotenkette bis fast ans Ende, mit der Fähre aufs Festland und dann durch Norwegen hoch und runter, an Fjorden und durch Schneelandschaften bis nach Christiansand, mit der Fähre nach Dänemark.

@Mario Albrecht

Von Hirtshals dann in drei Tagen durch Dänemark, wieder in Deutschland dann von Flensburg über Itzehoe, an die Elbe bei Glückstadt, nach Bremen, Münster, Essen, Düsseldorf, Aachen, den Vennbahnradweg durch Belgien nach Luxemburg, dann an der deutsch-französischen Grenze lang durch Lothringen und den Elsass, Saarbrücken, Basel, der Rhein, der Bodensee, die Schwäbische Alp, am Neckar, durch Franken nach Bayreuth, durch das Fichtelgebirge, Bischofsgrün, durch das tschechische Erzgebirge, Teile des Vogtlandes, wieder Erzgebirge in Deutschland, Sachsen, Bautzen … ca. 8000 km.

 

Deine Highlights…

Da muss ich nachdenken, denn es war eher der Verlauf und der Rhythmus, der mir das Gefühl einer fantastischen Ewigkeit verlieh. Schon das Näherkommen und Erreichen der lichtmäßigen Nachtlosigkeit war genial. Ich fuhr dem entfliehenden Frühling hinterher. Die Vögel sangen ohne Unterlass. Die Berge und Gegensätze in Norwegen, auf jeden Fall die Lofoten, schneebedeckte Berge, jede Menge Wasserfälle, überhaupt die Landschaft an sich, die langsamen Veränderungen, die Weite …

@Mario Albrecht

Und einige Begegnungen, denn derer gab es nicht viel, weil ja kaum Menschen unterwegs waren. Die hinterließen auch in ihrer Kürze, manchmal nur ein gemeinsames Picknicken, Spuren in der Erinnerung, immer interessiertes Anhalten und Unterhalten über das Woher und Wohin und die Eindrücke der Entgegenkommenden.

@Mario Albrecht

So braucht man manchmal keine Routenplanung, denn Tipps verändern die Strecke. In Deutschland waren es dann noch mehr die Begegnungen, zwei Übernachtungen bei WarmShower-Gastgebern und so in der Summe gute zwei Wochen bei Familienangehörigen in Luxemburg, der Schweiz und im Schwabenland sowie in Sachsen, die ich besuchte.

@Mario Albrecht

Ich kannte ja viele Teile Deutschlands überhaupt nicht und muss sagen, es ist ein wunderschönes und interessantes Land. Das Ruhrgebiet um Essen mit seinen Industriebahndämmen, die mit dem Fahrrad befahrbar sind, oder der Vennbahnradweg durch die Eifel und die Ardennen. Auch die Wege an der Saar und im Elsass an den Kanälen fand ich landschaftlich wunderschön. Begeistert war ich auch vom tschechischen Erzgebirge. Fast ein Geheimtipp diese Hochregionen, aber dort auch ganz schöne Steigungen.

 

Erzähl uns bitte was zu deinem Fahrrad und der Ausrüstung

Mein Fahrrad ist wie oben schon erwähnt ein 26er Redbull von Rose, Baujahr ca. 2012 mit Rohloff-Schaltung. Auf die Rohloff-Schaltung bin ich aufmerksam geworden, nachdem mir ein Arbeitskollege das Zehn-Jahre-Rückblickbuch von Rohloff ausgeliehen hat.

@Mario Albrecht

Mich hat die erfinderische Firmenphilosophie begeistert, die offensichtlich ein beständig strapazierbares Produkt hervorgebracht hat. Mich hat die Schaltung nicht im Stich gelassen. Beim Bergauffahren hätte ich gern manchmal noch auf eine niedrige Übersetzung geschaltet, aber da war Ende, also hieß es – sich anstrengen oder absteigen, wobei Absteigen bei mindestens 50 kg Gesamtgewicht des Fahrrades möglichst von mir vermieden wurde. Ich hatte vor der Tour alle Komponenten gewechselt, das heißt Ritzel, Kette, Bremsflüssigkeit der hydraulischen Magura-Bremse sowie die Beläge, die Schaltseile, Ölwechsel der Schaltung, Bereifung und Schläuche … und noch etwas um weitere Flaschenhalter vervollkommnet und ich hatte auf der ganzen Tour nur ein einzige Panne, einen Platten in Schweden, als ich in einen wirklich spitzschottrigen Waldweg hineinfuhr.

Mein Gepäck verstaute ich nach dem „Sixpack“-Prinzip, das Aus- und Einpacken ging recht schnell. Die erste Tour nach Polen war sozusagen die Probetour, dann konnte ich auf der zweiten noch einiges zuhause lassen. Unterwegs in Deutschland dann schickte ich mir die „Wintersachen“ nach Hause und erleichterte so mein Gepäck. Ich war gut ausgestattet, freute mich auf das tägliche Kochen mit dem Primus, zu mindestens auf den heißen Tee und der Kocher hat ebenfalls gut gedient, einzig dann die Treibstoffsuche, also die nach Waschbenzin gestaltete sich schwierig.

Der Yeti-Schlafsack mit meinen Merino-Schlafsachen ließen mich nie im Kalten und die Isomatte von Therm-a-rest war leicht und zuverlässig, etwas zu klein vielleicht, weil meine Arme nicht mehr raufpassten. Mit dem Zelt hatte ich Probleme, das Venus II von Exped konnte ich selbst mit handwerklichem Geschick und selbstgebastelten Hülsen über die ausgebrochenen Zeltstangenenden nicht lange retten, da wurde mir kostenloser Ersatz gestellt, den ich persönlich von der Firma in Zürich abholte.

@Mario Albrecht

Meine Strecke plante ich mit Komoot und kann die App nur weiterempfehlen, nur einige Male fehlten die Wege oder waren wirklich nicht passierbar. Solche Highlights wie Radwege durch die Landschaft kann man aber auch mal verpassen, da navigierte mich die App daran vorbei. Ich habe meine Strecken mit der Garmin Vivoactive 3 getrackt, mit Lücken, wenn ich den Startknopf zu drücken vergaß. Das alles genau zu einer Strecke zusammenzufügen, dafür ist die Leistung der Komoot-Seite nicht ausgestattet, irgendwann blieb die Übertragung hängen und brachte kein Ergebnis, aber so ungefähr kann ich sie schon rekonstruieren, die Teilstrecken sind aber dokumentiert.

Strom erzeugte ich mit dem Nabendynamo und einem B+M USB-Werk, der meine 5000er mAh Akkus auflud. Das reichte bei sparsamer Nutzung des Mobilphones, mit welchem ich navigierte, ein Samsung Outdoor Teil, hielt auch bei Regen durch. Über Ausrüstung lässt sich noch eine Menge erzählen, man freut sich, dass alles funktioniert und dennoch sind es ja die Gegebenheiten des Wetters, denen man sich anpassen muss, gegebenenfalls ließe sich das sehr reduzieren.

Und nicht zuletzt dann in südlicherer Wärme meine Fahrradsandalen, die möchte ich nicht missen. Und, ich gestehe, einen Helm trug ich die ganze Reise nicht, nur Mützen gegen Kälte und Sonne.

 

Hast du Tipps für Nachradler?

Ich habe bei Vorbereitung der Reise viele Packlisten von Reiseradlern studiert und bin dann so ganz gut gefahren, denn ich hatte ja mit Mehrtagestouren keine Erfahrung. Nachradlern empfehle ich es, einfach den eigenen Plan umzusetzen, planen, packen, losfahren. Jeder wird seine eigene Philosophie verwirklichen und meine war, zum Anfang besonders viel zu fahren und draußen in der Natur zu übernachten.

@Mario Albrecht

 

Wo geht es in diesem Jahr hin?

Ich habe schon den Traum, mal wieder so etwas machen, auch die Gravel-Philosophie finde ich interessant. Aber der Alltag fängt mich wieder ein und dann habe ich kaum länger frei, oder verbringe den Urlaub mit meiner Frau, mit den Kindern und Enkelkindern. Vielleicht mal, wenn ein Enkelkind etwas größer ist, dann mal wieder eine Tour. Jedenfalls steht dieses Jahr nichts an, aber für einige Tage würde ich spontan losfahren.

@Mario Albrecht

 

Wo kann man dich finden und begleiten?

In Social-Media-Gruppen wird man mich nicht finden, in Facebook bin ich nicht mehr aktiv, aber ich habe einen Blog, wo man über meine Reisen lesen kann: https://radelnachosten.blogspot.com/ Ich habe versucht, meine Berichte relativ frisch und zeitnah zu verfassen und so stehen sie dann dort.

 

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4 Comments

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  1. says: Axel Jungbluth

    Wunderbar. – 2020 für eine schöne lange Tour genutzt! Prima!

    Ich hatte das gleich Glück – bin ich doch ebenfalls 2 Monate durch Deutschland und kurz Tschechien geradelt und habe mit der gleichen Anzahl Taschen, Trangia, Tout Terrain Bike… einwenig Luxus (Helinox-Sitz) und letztendlich Einstellung – alles nicht so verbissen sehen – auch Bahn benutzen – nur bis morgen denken!… Mein Glück – für dieses Jahr ist 2. Mal Deutschland (rundherum) geplant.

    Hauptsache – draußen und FAHRRADFAHREN!!!

    Viele Grüße! Axel

  2. says: TM1ka

    Super Berichte, da könnest du mehr davon bringen. Am liebsten würde ich auch gleich wieder losfahren.

    Mein Fazit meiner Reise von Sizilien nach Wien war das Gewicht:
    Ich hatte mir dafür ein Genesis Tuor de Fer aufgebaut ca.14kg, 3 x10 mit Licht und Fender, Brooks.
    Es sollte für eine Weltreise geeignet sein und falls der Rahmen bricht, kann ich ihm überall reparieren lassen. War der Vater des Gedanken…also unzerstörbar
    (dabei bin ich ja eh nur ca.3000km gefahren). Mein Gepäck inkl. Zelt mit ca. 20kg war eigentlich bergauf ab 10% Steigung zu viel.
    Deshalb verstehe ich z. B nicht ein Velo(alp)traum Rad das nackt schon an die 18kg hat.
    Jetzt fahre ich ein Sonder Alu Camino (Tipp Martin!) mit 4 leichten Ortlieb Gravel-Packs, oder nur mit Bike Packing Taschen, Licht und sicher 2kg weniger.
    LG Thomas

  3. says: Richard J.

    Wow, sehr tolle Berichte! Danke an alle für das Teilen Ihrer Erfahrungen und Geschichten! 🙂
    Konnte mich auch etwas in diesen wiederfinden, denn auch ich bin dieses Jahr ein paar Monate bis in die Türkei gefahren! Hatte aber im Sommer etwas weniger mit Coronabeschränkungen zu kämpfen.

    Dazu wollt ich noch schreiben, dass auch bei meinem Exped Venus II Extreme die Zeltstangen 4 mal gebrochen sind während der Tour, ohne Krafteinwirkungen/Regen etc.. Konnte diese auch mit weiteren Hüllen aus einem Baumarkt erstmal überbrücken. Mein Fazit also lautet, geiles Zelt, gute Qualität, mit Ausnahme der Stangen! Customer Service ist auch sehr nervig/aufwendig bzw. nicht sonderlich “friendly”, da es über den Händler gehen musste und während einer Reise natürlich nicht austauschbar ist/war. Mir wurden die Stangen jetzt kürzlich dann ersetzt. Bin gespannt, wie lange die jetzt halten.

    1. Ja, bei meinem Exped ist auch das Gestänge gerissen und ich sollte den Weg über Händler usw machen. Habe es erstmal so fixiert und fahre seit ein paar Jahren damit rum. Ist nicht optimal alles.

      Viele Grüße
      Martin