Reiseradler-Interview #4: mit Andreas von Cycleguide.info

Andreas auf Island © http://www.cycleguide.info/

Vor einigen Jahren bin ich im Internet über einen Radler gestolpert, der nicht nur sagenhafte 125.000 Kilometer geradelt ist, sondern dabei zudem Europa bis in den letzten Winkel erkundet und dokumentiert hat. Und das nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern um anderen Radlern interessante Strecken, abseits der bekannten Routen und Wege, aufzuzeigen. Das finde ich interessant und freue mich, ihn heute im Interview zu haben: Andreas Thinius von Cycleguide.de.

Andreas mit Rad und Melone  © http://www.cycleguide.info/

Andreas mit Rad und Melone © http://www.cycleguide.info/

Zum Warm-werden: Wie bist Du zum Radreisen gekommen?

Baujahr 1972, auf dem Sattel geboren. In unserer autolosen Familie ging alles mit dem Fahrrad. Meine erste Radreise habe ich im Sommer 1986 im zarten Alter von 14 Jahren gemacht. Wir radelten 2 Wochen mit Fahrrad und Zelt durch die Niederlande. Ich kann mich seitdem an kein Jahr ohne Radreise erinnern. Ab Ende 2002 hatte ich die Möglichkeit zu einer dreijährigen Auszeit. In dieser Zeit legte ich 63.332 Kilometer in Europa zurück. Dieser Wert hat sich Ende 2013 auf 125.000 Kilometer verdoppelt.

Zum Träumen: Wo warst Du schon überall und wo musst Du unbedingt noch hin?

125.000 Kilometer über den europäischen Kontinent liegen nun hinter mir. Ich bin mir sicher, dass es noch viele weitere unentdeckte Schätze zwischen Grönland und dem Ural gibt. Nur mal eben irgendwann ein paar Kilometer durch ein Land fressen ist mir zu naiv. Nur irgendwann einmal irgendwo gewesen sein reicht mir nicht. Unsere Gesellschaft ist im ständigen Wandel. Ein Menschenleben ist zu kurz, um den ganzen Erdball per Fahrrad zu begreifen. Veränderung ist spannend, es ist überall immer wieder anders. Getrieben von meiner unersättlichen Neugier am großen Ganzen und an jedem Detail, ist Europa für mich eine niemals endende Reise.

Andreas Europatouren © http://www.cycleguide.info/

Andreas Europatouren © http://www.cycleguide.info/

Zum Nachmachen: Welches Land kannst Du empfehlen und warum?

Die Kulturen und Landschaften Europas sind oft länderübergreifend. Und in jedem Land gibt es wiederum unendliche Unterschiede. Jede Nation auf diesem bunten Kontinent hat ihre Reize. Mein Tipp: Gucken, wie es zum angedachten Reisezeitpunkt gerade klimatisch ausschaut und die eigene Motivation bezüglich Wetter, Gebirge, Übernachtungskomfort (Zelt/Hotel) und Abenteuer hinterfragen. Das ganze per Mail an mich, Antwort garantiert!

Zum Erfahren: Was hat Dich unterwegs am meisten beeindruckt?

Man sagt, ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Ein Foto von einer beeindruckenden Situation zu machen ist jedoch ein Emotionskiller. Bilder, die dann nur im Kopf, in der Seele und im Herzen existieren, sagen unendliche Worte. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie unterschiedlich wir Menschen sind und was wir draus machen. Das ist in Europa besonders spannend, weil historisch betrachtet jeder schon mal beim anderen war und Kulturen exportiert, importiert und regional weiterentwickelt worden sind. Das prägt uns Europäer. Das macht uns beeindruckend unterschiedlich und gibt uns Zusammenhalt zugleich.

Andreas auf Island © http://www.cycleguide.info/

Andreas auf Island © http://www.cycleguide.info/

Zum Leben: Bist Du lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

You’ll never ride alone. Auch wenn ich als Ein-Mann-Team starte, fühle ich mich nie einsam. Ich bin allein, wenn ich allein sein will. Ich bin in Gesellschaft, wenn ich Gesellschaft brauche. Als Reiseradler bist Du ja schnell mit anderen im Kontakt.

Zum Fahrrad: Stell es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an Deinem Rad dran?

Mein Fahrrad muss mein Wohlfühlfaktor mit zuverlässigen Komponenten, die selbst reparierbar sind, sein. So ist meine Reisemaschine ein Mix aus smarten und traditionellen Komponenten:  Stahlrahmen, Lowrider, Kettenschaltung, Ledersattel, Hydraulikbremsen, Nabendynamo. Da ich glücklicherweise frei von Sponsoren bin, werde ich es bei dieser Aufzählung belassen.

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Es gab bislang nur eine Sache, die mich so richtig zum Kochen gebracht hat: Grenze Litauen / Russland auf der Kurischen Nehrung. Wegen eines leichten Defekts am Ende des Fadens, der die Seiten im Reisepass zusammenhält, habe ich nun eine KGB-Akte wegen rechtswidrigen Betretens der Russischen Föderation. 25€ Bußgeld. Die KGB-Akte finde ich amüsant, was mich ärgert ist, dass die deutschen Botschaften in Vilnius und Kaliningrad mich in dieser Situation nicht unterstützt haben, um eine Einreise dennoch zu ermöglichen. Die haben einfach keinen Bock gehabt zu helfen, weil sie es schlichtweg nicht verstanden haben, was es für einen Reiseradler bedeutet, die Reise nicht wie geträumt fortzusetzen.

Zum Wissen: Euer ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Vor der Reise einmal das ganze Rad auseinanderbauen und wieder zusammenbauen, um sich der Technik, der Schrauben und des Materialzustands bewusst zu sein. Da draußen gibt es keine Fachvertragswerkstatt. Absolute Unabhängigkeit ist auch bei der Fahrradtechnik wichtig.

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Ich wohne in Norddeutschland. Noch Fragen? Hier ist immer Gegenwind…

Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Die Schublade ist voller Ideen. Ich bin selbst gespannt, welchen Traum ich als nächstes lebe. Ich überrasche mich lieber selbst, als dass ich mich vor Planung verrückt mache. Am besten auf www.facebook.com/cycleguide folgen.

Und wie bei jedem Interview gehört natürlich das letzte Wort dem Interviewten. Und Andreas hat noch eine Anmerkung und Danksagung: „Mir ist es aus ethischer Sicht wichtig darauf hinzuweisen, dass ich und meine Reisen ohne Sponsoren laufen. Was mir zudem gerade bei dieser Ego-Nummer fehlt, ist so etwas wie eine Danksagung. Von uns Reiseradlern nehmen die Leser ja immer nur die Spitze des Eisberges wahr. Doch so ein Extremreiseradlerleben ist nicht selbstverständlich. Ich danke meinem Glücksengel, meinem Schweinehund, meinem Dispolimit, den sechs bis acht charmanten Lebensabschnittsgefährtinnen (nacheinander), sowie den Bundesbahnschaffnern, die beim Aussteigen aus dem rammelvollen IC auch mal mit angepackt haben.“

Hier gibt es mehr über Andreas:

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