Reiseradler-Interview #12: Stefan von showmetheworld.de

Stefans Fahrrad (gelb) © showmetheworld.de

Es war das „Show me the world“, das mich neugierig gemacht hat. Wer solch einen tollen Titel für eine Tour hat und gleichzeitig so gute Bilder machen kann, der muss auch viel Interessantes erzählen können. Stefan ist ein naturverliebter Vollzeitnomade mit Affinität für elektronische Spielzeuge, ein semiprofessioneller Amateurfotograf, begeisterter Radfahrer und leidenschaftlicher Programmierer. Am wohlsten fühlt er sich draußen in der Natur. Am liebsten möglichst weit weg von der Zivilisation mit fantastischer Landschaft außen rum und feinem Wetter dazu. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Stefan sich Zeit für meine Fragen genommen hat, obwohl er in den letzten Wochen einen neuen Rahmen einbauen musste und gerade in der Atacama Wüste rumfährt und nur selten online ist.

Stefan im Selbstportrait © showmetheworld.de
Stefan im Selbstportrait © showmetheworld.de

Zum Warmwerden: Wie bist Du zum Radreisen gekommen?

Ich habe immer schon Bücher über die weite Ferne gelesen, am liebsten über Radweltreisen. Mit 12 Jahren habe ich im Schulatlas die „großen“ Überlandrouten eingezeichnet (Panamericana, Seidenstraße etc.). Es folgte die eine oder andere Radtour mit den Eltern und gipfelte in meinem Berufswunsch „Entdecker“. 2006 fasste ich auf einer Solowintertour in Schweden den Entschluss, mit dem Rad um die Welt zu reisen. Also begann ich mit der Planung, stellte mein Leben um: Auto abgeschafft, Fernseher rausgeschmissen, Rad gekauft und Haushaltsbuch (Mama hatte doch recht…) geführt. 2010 begann ich mit einer vierwöchigen Testtour durch Island, bei der ich fast einfach weitergefahren wäre. Aber danach legte ich den Abfahrtstermin auf April 2012 fest und habe ihn dann auch eingehalten.

Zum Träumen: Wo warst Du schon überall und wo musst Du unbedingt noch hin?

Mit dem Kanu, zu Fuß und auf Skiern mit Pulka war ich schon in Norwegen und Schweden. Mit dem Fahrrad habe ich kleinere Touren in Deutschland, Frankreich und eben Island gemacht.

Seit 2012 bin ich unterwegs und dann quer durch Deutschland, Schweden, Norwegen, Russland, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Argentinien, Chile und (ohne Rad) Brasilien und Uruguay gereist.

Wohin ich noch möchte: Planet Erde sieht ganz interessant aus. Ich glaub den schau ich mir noch genauer an…

Zum Nachmachen: Welches Land kannst Du empfehlen und warum?

Zum Einsteigen bietet sich Deutschland an. Schöne und abwechslungsreiche Landschaften, hervorragendes Radwegesystem und eine super Infrastruktur.

Weitermachen kann man zum Beispiel an Norwegens Küste, insbesondere RV17 und den Lofoten. Das Nordkap kann man nötigenfalls weglassen. Leider ist Norwegen unglaublich teuer und hat manchmal ekelhaftes Wetter, aber die beeindruckende Landschaft entschädigt absolut. Zudem ist das Reisen dort recht einfach und viele andere Radler sind unterwegs.

Zum „Blut lecken“ rate ich zu Island. Eine unglaubliche Landschaft, die harsche Natur und anspruchsvolle Strecken, machen eine Radtour auf Island zur Expedition.

Zum endgültig süchtig werden kann ich die Carretera Austral (Ruta 7) in Chile empfehlen. Sie hat einen rauen Charme in einer fantastischen Landschaft. Mir fehlen zur weiteren Beschreibung einfach die Superlative, die hab ich oben schon verbraucht 😉

Oben Links: Mirador el Cani mit Aussicht auf Vulkan Lanin, Pucon, Chile. Oben Rechts: Vladimier, russischer Sodiacfahrer, irgendwo in der Antarktis Unten Links: von El Chalten nach Villa O’Higgins, der Zugang zum südlichen Ende der Carretera Austral Unten Rechts: Stabheuschrecke, Iguazu, Brasilien © showmetheworld.de
Oben Links: Mirador el Cani mit Aussicht auf Vulkan Lanin, Pucon, Chile.
Oben Rechts: Vladimier, russischer Sodiacfahrer, irgendwo in der Antarktis
Unten Links: von El Chalten nach Villa O’Higgins, der Zugang zum südlichen Ende der Carretera Austral
Unten Rechts: Stabheuschrecke, Iguazu, Brasilien
© showmetheworld.de

Zum Erfahren: Was hat Dich am meisten unterwegs beeindruckt?

Das emotionale Erlebnis: mit dem Rad unterwegs zu sein deckt die ganze emotionale Bandbreite ab. Intensive Erlebnisse zwischen heulend im Abflussschacht sitzen und vor Freude laut singend durch die Gegend radeln. Dazwischen liegen manchmal nur ein paar Stunden.

Die landschaftliche Abwechslung: ständig neue Aus- und Ansichten, im Kleinen, im Großen, hinter jeder Kurve, die Weitsicht, wenn die Kurve fehlt.

Die Menschen mit ihren Geschichten und Ansichten: die Offenheit, mit denen die meisten mir begegnen, egal ob Reisende oder Einheimische, hat mich sehr beeindruckt.

Die Tierwelt: ich finde es äußerst faszinierend, was so alles kriecht, läuft, hüpft, schwimmt, fliegt, lärmt, schleicht…

Die Direktheit: keine Windschutzscheibe, kein Blechkäfig trennen mich von meiner Umgebung und lassen mich Geräusche, Gerüche, Wind & Wetter ungefiltert erleben.

Die Freiheit: die absolute Freiheit.

Zum Leben: Bist Du lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

Ganz klar allein. Der Freiheit wegen, denn dann kann man sich auch mal die Freiheit nehmen, mit jemandem zusammen unterwegs zu sein. Anders herum ist es eher schwierig…

Zum Fahrrad: Stell es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an Deinem Rad dran?

Es ist ein VSF Fahrradmanufaktur T400 von 2006. Mehr oder weniger noch in der Standardausführung mit einer Shimano LX Kettenschaltung, Magura HS11 Bremsen, Rigida Sputnik Felgen, einem SON Nabendynamo, Elch Heinrich (Maskottchen), Schwalbe Marathon Mondial Reifen (hätte lieber die Extreme wieder), Ergon GC2 Griffe, Brooks B17 Poposchmeichler, Klickpedale und Ortlieb Classic Taschen.

Stefans Fahrrad (gelb) © showmetheworld.de
Stefans Fahrrad (gelb) © showmetheworld.de

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Normal sind die üblichen Kleinigkeiten, wie Kettenverschleiß, Schaltzugwechsel oder Platten. Ende letzten Jahres hatte ich dann an einem Tag gleich Freilauf, Tretlager und Rahmen zu reparieren, und das zusammen mit einer Hitzewelle in der argentinischen Pampa. Muss man nicht haben, gehört aber dazu und am nächsten Morgen war alles nur noch halb so wild.

Zum Wissen: Dein ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Ich möchte mir die Freiheit nehmen, die Frage in ihren Bestandteilen zu beantworten:

Tipp fürs Fahrrad: billige Arbeitshandschuhe aus dem Baumarkt mitnehmen, denn die sind ideal für alle schmutzigen Arbeiten am Fahrrad, Zelt oder wo auch immer. Nicht die groben Dicken zum Steine schleppen, sondern die eng anliegenden für feinere Arbeiten in passender Größe. Kostenpunkt 3€, wiegen nix und haben darüber hinaus ein kleines Packmaß. Wem einmal im nassklebrigen Schlamm die völlig versiffte Kette gerissen ist, weiß sie zu schätzen.

Tipp fürs Reisen: Zeit nehmen. Ja, sagt jeder, buh, langweilig! Ist aber wunderschön und die besten Dinge passieren, wenn man auch mal länger bleibt und spontan entscheiden kann, wie es weiter gehen soll. Zugegeben ein blöder Tipp, wenn Du an einem Rennen teilnimmst oder dir grad das Wasser ausgegangen ist…

Der ultimative Tipp: Irgendwann bist Du alt und bereust „es“ nicht zumindest probiert zu haben. Was auch immer „es“ für Dich ist. Probier’s. Und fang heute damit an.

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Am schlimmsten finde ich die „Wiederkommen-Uhr“, die im Kopf ab dem „Losfahren“ Moment tickt. Derzeit ist diese Uhr bei mir kaputt, denn ein Wiederkommen habe ich erst mal nicht geplant.

Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Weiterfahren! Von Santiago de Chile soll es durch die Atacama weiter in Richtung Bolivien, Peru, Ecuador gehen.

Hier gibt es mehr über Stefan:

vimeo_32facebook_32twitter_32google_32logo website showmetheworld

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8 Comments

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  1. says: Jutta

    Ich bin einmal mit meinem Mann durch Marokko gereist. Wir sind noch nie so bedrängt und beschimpft worden wie dort. Klassische Situation: Du wirst irgendwo angesprochen, man will dir etwas zeigen, du lehnst dankend ab. Schimpftirade. Lug, Betrug und ich weiß nicht was. Das einzige Land, das ich bereist habe, gegen das ich eine echte Abneigung habe. 16 Jahre sind seitdem vergangen. Vielleicht hatte wir einfach Pech. Vielleicht ist heute vieles anders? Es macht ohnehin ein jeder seine eigene Erfahrung. Meine war definitiv schlecht. Löblich muss ich erwähnen, dass die Landbevölkerung zurückhaltend und freundlich war. Die extrem negativen Erlebnisse hatten wir vor allem in Städten wie Marrakesch, Fes, Meknès …

    1. says: BiketourGlobal

      Oh, kann ich verstehen. Ich war bislang 3 mal in Marokko und hatte aber nie diese Art von Erlebnissen. Aber ich habe das schon von einigen gehört.