Reiseradler-Interview #9: Christian von priesi.com

Christians Räder © http://www.priesi.com
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Mit dem Fahrrad zum Nordlicht. Im Winter. In Lappland. Bei Minus was weiß ich Grad. Und dann auch noch diese unglaublichen Bilder. Wie gemalt. Wer ist das, der so etwas macht? Christian Pries war nicht nur im hohen Norden unterwegs, sondern auch in Südamerika. Da kommt er gerade her, ist einmal quer durchgefahren und hat noch nebenbei Berge bestiegen. Und sich Zeit für meine Fragen genommen. Los geht’s!

Das (links) ist Christian © http://www.priesi.com

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Zum Warmwerden: Wie bist Du zum Radreisen gekommen?

Meine erste Radreise habe ich im Alter von 14 Jahren gemacht. Ich überredete meine Eltern mit mir 10 Tage durch Österreich zu fahren. Für meine Eltern war es die erste und vorerst letzte Radreise, für mich die erste von vielen 😉

Die erste etwas längere Tour ging dann durch Skandinavien. Im radreise-forum.de haben wir uns damals verabredet. 6 junge Burschen, keiner kannte den anderen…lustig war’s!

Zum Träumen: Wo warst Du schon überall und wo musst Du unbedingt noch hin?

Bisher in Europa und Amerika. In Europa war ich viel im Norden (Skandinavien, Island) u.a. auch im Winter unterwegs. Ansonsten in Polen, Tschechien, Slowakei, Österreich, Schweiz, Slowenien, Kroatien und natürlich Deutschland. Auf dem amerikanischen Kontinent war ich im Norden (USA, Kanada) und im Süden (Peru, Bolivien, Argentinien, Paraguay, Brasilien).

Wo möchte ich noch hin? Ich lass mich da überraschen, was noch so kommt. Es gibt ja noch so extrem viel zu sehen auf der Welt. Spontan fällt mir der Pamir Highway, Himalaya, Lateinamerika und Patagonien ein.

Außerdem möchte ich auch noch weitere Nordlicht Winter-Radreisen machen, gerne in Alaska/Yukon oder auf Island.

Kalt aber schön © http://www.priesi.com

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Zum Nachmachen: Welches Land kannst Du empfehlen und warum?

Mir hat es sehr gut im Westen der USA gefallen. Das ist dort jedoch eine Art „Luxus“ Radurlaub: gute Infrastruktur, gute Versorgungsmöglichkeiten, gutes Wetter, grandiose und abwechslungsreiche Landschaften, sehr nette gastfreundliche Menschen und trotzdem viele einsame, stille und weite Gegenden.

Bolivien fand ich auch extrem faszinierend. Im Vergleich zur USA ist das Land halt mehr ein „Abenteuer“, mit weitaus weniger Komfort.

In Europa hat mich das isländische Hochland landschaftlich sehr begeistert.

Winter-Radreisen im hohen Norden kann ich sehr empfehlen! Ich weiß diese Art der Radreise ist eine Nische und ist auch nicht unbedingt vergleichbar mit einer „normalen“ Sommer/Herbst Tour. Aber es hat eine ganz besondere Atmosphäre, die es lohnt mal erlebt zu haben. Insbesondere natürlich, wenn nachts dann noch die Nordlichter am Himmel flackern!

Zum Erfahren: Was hat Dich am meisten unterwegs beeindruckt?

Vieles! 😉

Die Freiheit: Da man ja alles bei sich hat, kann man vor Ort immer alles neu entscheiden und sich treiben lassen. Mir fällt keine Radreise ein ,die so abgelaufen ist, wie es von zuhause mal grob geplant war.

Das Unerwartete/Ungewisse: Ich weiß nur selten, was ich den Tag über sehen und erleben werde. Ich weiß nicht, welchen Menschen ich begegnen werde, wo/wie ich schlafen werde, welche Pannen oder welche glücklichen Zufälle sich ereignen werden.

Die körperliche und mentale Herausforderung: Ich finde es immer wieder beeindruckend zu erleben, welche Belastungen der Körper aushalten kann, wenn nur der Wille dazu vorhanden ist. Die eigenen Grenzen auszutesten und am besten noch zu überschreiten, ist ein tolles Gefühl! Der Spruch „Life begins where your comfort zone ends“ hat für mich einiges an Wahrheit. Auch die Erkenntnis das fast alle Probleme, und wenn es zunächst auch noch so ausweglos erscheint, vor Ort irgendwie gelöst werden können, ist immer wieder berauschend.

Life begins where your comfort zone ends  © http://www.priesi.com

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Das Natur- und Wettererlebnis: Der Natur und dem Wetter ohne fall-back Möglichkeit von z.b. Auto/Haus ausgesetzt zu sein, übt eine besondere Faszination auf mich aus! Ebenso das Campieren an spektakulären Orten, dass für Matthias und mich, auch wenn es ab und zu nur halblegal war, ein wichtiger Bestandteil des Reisens geworden ist.

Was mich am Meisten beeindruckt hat? Schwer zu sagen. Einige Kandidaten sind:  Die Weite auf den Salaren in Bolivien, die Stille nachts im Death Valley, ein heißer Wasserfall im Hochland von Island und natürlich die erste Nacht auf einem zugefrorenen See mit der Nordlichtshow über mir.

Oftmals sind es aber nicht unbedingt nur die bekannten Touristenhighlights, sondern auch die versteckten, unbekannten Landschaften/Orte, die „besonders“ sind. Die Reiseart per Rad hilft natürlich sehr diese zu entdecken!

Die Menschen: Die Gastfreundschaft der Menschen war von Land zu Land ein wenig verschieden, aber in der Regel war diese absolut grandios und überwältigend! Das Rad bzw. diese Art des Reisens dient dabei ja oft als „Eisbrecher“ und tolle Begegnungen waren immer wieder das Resultat!

Aber auch die Gemeinschaft mit dem Reisepartner gehört für mich dazu: Wenn ich mit jemanden reise auf den ich mich verlassen kann und mit dem ich auch in den schwierigen Situationen immer lachen kann, dann ist das eine Erfahrung die mich sehr beeindruckt.

Zum Leben: Bist Du lieber alleine unterwegs, oder zu zweit? Und warum?

Ganz klare Antwort: Zu zweit! (oder 3,4) Bisher bin ich fast alle Touren im Team gefahren.

Ein guter Vergleich sind für mich die Wintertouren:

Meine erste Winterradreise habe ich alleine gemacht, weil ich niemanden dafür finden konnte. Es war eine Erfahrung, die ich absolut nicht missen will. Ich wusste damals, mangels Erfahrung mit den klimatischen Verhältnissen, nicht was mich erwartet. Wie baue ich alleine ein Zelt im Tiefschnee bei Sturm und minus 20 Grad auf? Hält das Zelt den Winterstürmen überhaupt stand? Reicht meine Ausrüstung? Usw. Es gab viele Unsicherheiten und auch einige Probleme vor Ort. Es war eine tolle Erfahrung, all dies komplett selbstverantwortlich lösen und erleben zu müssen bzw. können.

Trotzdem, die Winter-Radreise ein Jahr später zusammen mit Matthias war für mich nochmal „schöner“. Etwas gemeinsam zu erleben und „durchzuerleben“ hat für mich einfach noch eine ganz andere Qualität, vorausgesetzt man hat einen „passenden“ Reisepartner. Das Glück hatte ich bisher immer!

Zum Fahrrad: Stell es uns bitte mal kurz vor: Welche Komponenten sind an Deinem Rad dran?

Ich fahre seit Jahren Räder der Marke „Räderwerk“ aus Hüllhorst. Als Rahmen habe ich einen „ExtraTour“ Reiseradrahmen aus Stahl und einen weiteren aus Alu. Die Komponenten habe ich mir dann jeweils selbst zusammengestellt. Dabei setze ich größtenteils auf bewährte, stabile und einfach zu reparierende Komponenten. V-Brakes von Avid, Kettenschaltung aus einem Deore/SLX/XT Mix, Naben mit Industrielager hinten, vorne einen SON Nabendynamo. Breite Exal/Ryde Felgen. Schwalbe Reifen, Tubus bzw SL (Hebie) Gepäckträger.

Christians Räder © http://www.priesi.com

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Die beiden Wintertouren habe ich jeweils mit einem Reiserad auf 20 Zoll Basis + Weber Monotrailer gemacht! Ein 20 Zoll Reiserad? Ja so etwas gibt es auch bei Räderwerk unter dem Namen „Twenty“! Es klingt vielleicht etwas komisch, hat aber durchaus interessante Vorteile gegenüber einem 26 Zoll Rad! Nachzulesen auf meiner HP.

Zum Mitfühlen: Gab es Pannen unterwegs und falls ja, welche?

Natürlich! So ganz ohne Pannen würde auch etwas fehlen, glaube ich 😉  Viele kommen natürlich aus der Anfangszeit, in der ich mangels Geld mit qualitativ schlechtem Material unterwegs war. Kabelbinder und Panzertape waren damals oft die Retter in der Not.

Zwei Pannen der „neueren“ Zeit bleiben mir jedoch länger im Gedächtnis:

Die eine war ein 7-facher (und damit ziemlich kapitaler) Speichenbruch auf der Winterradreise, den wir ausgerechnet auf dem Weg zum Nordkap bekamen. Unser Zeitfenster, das Nordkap überhaupt mit Rad erreichen zu können, war extrem knapp. Ein gewaltiger Wintersturm war angekündigt. Ersatzspeichen hatte ich zu meiner Schande zuhause vergessen und ein Fahrradladen war natürlich nicht in der Nähe. Aber wie so oft hatten wir unglaubliches Glück:

Wir waren mit Anhänger unterwegs und ich mit dem 20 Zoll Reiserad. Die Speichen waren also in etwa identisch und so wurde in aller Eile umgespeicht. Vom Hängerrad ins Hinterrad! Trotzdem kostete es so viel Zeit, dass wir noch ein ungeplantes und ungemütliches Zwischencamp auf dem Weg zum Nordkap einlegen mussten. Der darauffolgende Tag war mit starkem Schneesturm schon kritisch. Aber wir erreichten das Nordkap und hatten oben sogar für kurze Zeit einen freien Himmel. Ein paar Stunden nachdem wir wieder „sicher“ unten im Dorf waren, ging jedoch ein Wintersturm los, den man auf der im Winter völlig verlassenen Hochebene dort mit Rad und Zelt besser nicht erleben sollte.

Die zweite interessante Panne passierte in Bolivien, auf dem Weg runter in den Dschungel. 400 km Erdpiste, die bei Regen unpassierbar werden kann. Und genau das geschah.

Bald war das ganze Rad mit roter Erde verklebt, die wie Patex wirkt. Beim Versuch noch zu fahren passierte dann aber eine Panne die ich nie zuvor einkalkuliert hätte: das Schaltauge war gebrochen und das Schaltwerk hing in den Speichen! Da wir keinen Kettennieter dabei hatten, um auf Single Speed umzurüsten, waren wir mitten im Nichts ziemlich aufgeschmissen. Mit viel Improvisation und Glück gelang es uns, das verbogene Schaltwerk irgendwie wieder am Rahmen zu befestigen. So erreichten wir den Dschungel doch noch. Ein so rahmenspezifisches Teil wie ein Schaltauge ausgerechnet in Bolivien aufzutreiben, ist aber natürlich fast unmöglich. Hier merkte ich dann, dass nicht nur ein gutes Rad, sondern auch ein guter Service des Herstellers viel wert sein kann. Räderwerk schickte mir sofort per Express Post ein neues Schaltauge nach Bolivien, sodass die Reise bald ohne Improvisation weiter gehen konnte.

Dein ultimativer Tipp für das Reisen mit dem Fahrrad?

Nicht alles zuhause durchplanen bzw. das Geplante nicht unbedingt durchziehen wollen! Seid spontan vor Ort! Wagt das Ungewisse und „Verrückte“ ! So erlebt man meiner Erfahrung nach das Meiste! Und ganz wichtig: Nie das Lachen und den Humor verlieren, insbesondere in den schwierigen Situationen!

Zum Nachdenken: Was ist schwerer: Losfahren oder Wiederkommen?

Mir fällt beides nicht schwer. Ich liebe schließlich (auch) mein Leben zu Hause. Solange ich weiß, dass die nächste Reise kommen wird, komme ich auch sehr gerne wieder nach Hause. „Losfahren“ fällt natürlich nie schwer, das ist klar 😉 Frei nach dem Motto: „A ship in a harbour is safe, but this is not what a ship is built for“

© http://www.priesi.com

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Zum Abschluss: Was ist als nächstes geplant?

Im September geht es zusammen mit Matthias nochmal hoch nach Lappland! Im Februar/März ist dann nochmal eine Wintertour geplant. Die aktuell (noch) relativ hohe Sonnenaktivität muss ausgenutzt werden für eine weitere Nordlicht Tour!

Ansonsten ist noch alles offen, vielleicht ergibt sich ja was spontan…

Die letzte Südamerika-Reise kam auch wie aus dem Nichts. Ich war damals mit meiner Tennismannschaft vom VfL Herford in Spanien auf Partyurlaub, als mich Matthias anrief und fragte ob wir später im Jahr noch nach Südamerika fahren wollen. Darüber musste ich, obwohl natürlich gut angetrunken, nicht lange nachdenken! Also, wer weiß schon, welcher Anruf morgen oder übermorgen kommt? Alles ist möglich! 😉

Wer Interessen an gemeinsamen Touren und einen ähnlichen Reisestil hat bitte immer melden!

Hier gibt es mehr über Christian:

facebook_32website priesi

 

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